Leben mit Topterrorist Carlos - Mein Geliebter, der Killer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Leben mit Topterrorist Carlos: Mein Geliebter, der Killer

Foto: Deutsche Verlags-Anstalt

Leben mit Topterrorist Carlos Mein Geliebter, der Killer

Sie wollte ihrer kleinbürgerlichen Welt entfliehen - und landete beim meistgesuchten Terroristen der Welt: Magdalena Kopp lebte jahrelang als Geliebte von Ilich Ramirez Sánchez im Untergrund. Auf einestages berichtet sie von Agenten, Attentaten und Auftragskillern - und von Carlos' unwiderstehlichen Verführungskünsten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Magdalena Kopp wurde 1948 in Neu-Ulm geboren. Ihre Eltern besaßen eine Gastwirtschaft. Nach dem Schulabschluss begann sie eine Fotografen-Lehre, bald fand sie Anschluss an linke Studentenkreise. Gemeinsam mit Freund und kleiner Tochter lebte sie zu Beginn der 1970er Jahre in einer Frankfurter Wohngemeinschaft. Die zerbrach, als einige Mitbewohner aus dem Umfeld des Verlags "Roter Stern" die Frankfurter "Revolutionären Zellen" (RZ) mitbegründeten - die junge Fotografin gehörte dazu, der Vater ihres Kindes nicht.

Mit ihrem neuen Freund, Johannes Weinrich, ging sie gemeinsam in die Illegalität: Weinrich war 1975 an einem fehlgeschlagenen Anschlag auf ein israelisches Flugzeug auf dem Pariser Flughafen beteiligt. Im Juli 1976 wurden ihre beiden ehemaligen Co-Kommunarden und Gründer der RZ Brigitte Kuhlmann und Wilfried Böse 1976 bei der Befreiung der entführten Air-Fance-Maschine in Entebbe erschossen - die beiden hatten zuvor israelische Passagiere von den übrigen Geiseln "selektiert". Im folgenden Jahr stieg Weggefährte Hans-Joachim Klein - er war 1975 am Angriff auf die OPEC-Konferenz in Wien und der folgenden Geiselnahme beteiligt gewesen - aus den RZ aus und veröffentlichte viele Details aus dem Innenleben der Gruppe. Kopp und Weinrich tauchten 1978 im Ausland unter, um einer möglichen Strafverfolgung zu entgehen.

Weinrich lebte inzwischen mit dem international gesuchten Terroristen Ilich Ramirez Sánchez, genannt Carlos, zusammen. Der umwirbt die Freundin seines deutschen Waffenbruders, die zunächst nichts mit dem lateinamerikanischen Berufsrevolutionär zu tun haben will. Doch 1979 lässt sie sich auf ihn ein. Aus dieser Zeit berichtet Magdalena Kopp.

Er hielt sich für unwiderstehlich

Als Hannes (Johannes Weinrich - d. Red.) eines Tages gerade nicht in Budapest war, besuchte Carlos mich in unserer Wohnung am Rosenhügel überraschend mit zwei Flaschen Wein. Das Gespräch zog sich in die Länge, bis ich ihm schließlich ganz direkt sagte, ich sei jetzt müde und wolle zu Bett gehen, er wisse ja, wo die Tür sei. Carlos blieb einfach, legte seine Pistole auf den Nachttisch neben meinem Bett und schlief mit mir, ein sexueller Akt ohne jegliche Emotion, beinahe eine Vergewaltigung.

Sein Ziel, mich für sich zu gewinnen, hatte er damit nicht erreicht, und ich hätte den Vorfall am liebsten vergessen. Später fragte er mich des Öfteren, ob es mir beim ersten Mal Spaß gemacht habe, was ich immer wieder verneinen musste. Immerhin zeigten seine ständigen Fragen doch einen Anflug von schlechtem Gewissen.

Ich schämte mich für das, was geschehen war. Nach Hannes' Rückkehr erzählte ich ihm von dem Vorfall. Er maß dem Ganzen nicht allzu viel Bedeutung zu, so ein Ausrutscher könne doch jedem mal passieren. Natürlich kann so etwas passieren, wenn beide Beteiligten das wollen. In diesem Fall aber hatte Carlos allein seinen Willen durchgesetzt. Sein Ziel war es, mich Hannes auszuspannen, und er hielt sich für unwiderstehlich. Ich war nicht in der Lage gewesen, meine Grenzen nachdrücklich zu verteidigen. Und auch Hannes wies Carlos nicht in die Schranken. Er bewunderte ihn als Revolutionär - persönliche Affären waren da zweitrangig.

Carlos setzte seine Annäherungsversuche weiter fort. Als nächstes nahm er mich einige Wochen später mit nach Ostberlin. Ich hatte ein schlechtes Gefühl und sogar Angst davor, diesem Mann zu nahe zu kommen. Trotzdem fuhr ich mit.

Dieses Mal gelang die Einreise mit unseren jemenitischen Diplomatenpässen ohne Schwierigkeiten. Carlos wollte im Hotel 'Stadt Berlin' am Alexanderplatz absteigen, wo man mit den auf dem Schwarzmarkt umgetauschten Dollars billig übernachten konnte. Das Hotel war ausgebucht. Damit gab sich Carlos allerdings nicht zufrieden, er bestand auf seinem "Recht".

Sehr zuvorkommender "Arsch mit Ohren"

Es war unmöglich: Der meistgesuchte Mann der Welt krakeelte in der Lobby herum und beschimpfte die verdatterte Hotelmanagerin wegen ihres Bürokratismus und ihres unrevolutionären Benehmens, die Mauer sei Zeugnis genug für ihre verbohrte Ideologie, und der wahre und aufrechte Kommunist und Revolutionär sei er. Carlos war nicht zu bremsen. Ich befürchtete das Schlimmste und hatte Angst, er würde gleich seine Pistole ziehen. Meine Versuche, mich einzumischen und zu vermitteln - er sprach ja kein Deutsch -, wehrte er kurzerhand ab.

Doch sein polternder Auftritt verfehlte nicht sein Ziel, und die Managerin gab nach. Allerdings bestellte Carlos nicht, wie eigentlich vorher abgemacht, zwei Einzelzimmer, sondern eine kleine Suite. Er sagte, er wolle auf dem Sofa schlafen. Nach allem, was geschehen war, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Ich hätte auf getrennten Zimmern bestehen sollen, doch nachdem er sich gerade von seinem Ausbruch beruhigt hatte, wagte ich es nicht, ihm zu widersprechen.

Nach seinem Sieg verwandelte sich der Streithahn im Handumdrehen in einen aufmerksamen Charmeur und flirtete sogar mit der Managerin, die er vorher so fürchterlich angeschrien hatte.

Der Mann, den ich in einem Gespräch mit Hannes mal als einen Arsch mit Ohren bezeichnet hatte, wurde zu einem überaus freundlichen und zuvorkommenden Menschen, und ich verdrängte seine Unberechenbarkeit und Gewaltbereitschaft. Carlos wusste, wie er bekam, was er wollte, und an diesem Abend landeten wir gemeinsam im Bett. Das war keine rationale Entscheidung, und wenn ich versuche zu verstehen, was damals in mir vorging, so stehe ich dem noch immer mehr oder weniger ratlos gegenüber.

"Ich bin dein Mann, du musst mir gehorchen"

Doch langsam hatte sich auch meine Wahrnehmung von Carlos zu verändern begonnen. Nicht, dass jetzt plötzlich meine große Liebe vor mir stand, aber seine Verführungskunst setzte mir zu und seine Selbstsicherheit faszinierte mich. Ich ließ mich beeindrucken von seinem Auftreten, der Macht, die er ausstrahlte, und seiner Überlegenheit gegenüber Hannes, und ich begann, ihm seine Reden über die Gleichberechtigung und Selbstverantwortung der Frauen im Dienste der Weltrevolution zu glauben. Damals war ich nicht in der Lage, diesem Mann Paroli zu bieten. Ganz tief in mir wusste ich wohl auch, dass er gefährlich war und ich nicht einfach gehen konnte.

Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis ich endgültig beschloss, mich von Hannes zu trennen und mit Carlos das Bett zu teilen. Mit diesem Schritt hatte ich es auch aufgegeben, ihm in irgendeiner Weise zu widersprechen. Was er wollte, sagte Carlos laut und deutlich, in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete: "Ich bin dein Mann, und ab jetzt musst du mir gehorchen." Damals dachte ich, das sei blödes Geschwätz und ich würde mich nicht von ihm bevormunden lassen, doch da hatte ich mich gewaltig geirrt.

Mein erster richtiger Einsatz

Im Februar 1982 sucht Carlos seine Freundin für einen Terror-Einsatz aus: Gemeinsam mit Bruno Bréguet soll sie in Paris einen Anschlag auf eine arabische Botschaft ausführen, um Geld für die terroristische Organisation zu erpressen. Unterstützung erhalten Carlos und sein Gefolge von der baskischen ETA und der korsischen Befreiungsorganisation Frontu di Liberazione Nazionale Corsu (FLNC).

... Das war also mein erster richtiger Einsatz. Ich unterdrückte meine Zweifel und übernahm den Auftrag. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, nimmt es mir die Luft. Heute kann ich nicht mehr verstehen, warum ich nichts hinterfragte und klaglos Befehle annahm, die nichts mehr mit meinen ursprünglichen Idealen zu tun hatten. Ich merkte wohl, dass ich Dinge tat, die sich von der Idee der Revolution weit entfernt hatten. Doch ich wehrte mich nicht. Ich fügte mich, machte mit, wo ich einfach hätte "Halt!" schreien sollen.

In unserer Gruppe war klar, wer das Sagen hatte. Ich führte wie alle anderen aus, was Carlos anordnete. Zudem teilte ich das Bett mit ihm, und so forderte er erst recht Ergebenheit. Carlos hatte eine Art, keinen Widerspruch zu dulden und jeden Zweifel einfach beiseite zu schieben, die ihm die Macht verlieh, von den Leuten um ihn herum alles zu bekommen, was er wollte. Dem konnte auch ich mich nicht entziehen.

Von Anfang an ein schlechtes Gefühl

Das entschuldigt natürlich nichts. Auch wenn er einen enormen Druck auf mich ausübte, bin ich selbst verantwortlich für das, was ich damals getan habe. Ich hatte aufgehört mich zu fragen, was ich wirklich wollte, und spielte brav die Rolle, die Carlos für mich geschrieben hatte: die der idealen Kämpferin für die Weltrevolution - und die der devoten Ehefrau. Carlos sah sich als "ideellen Führer" dieser Revolution und als Retter der unterdrückten Frauen.

Er schickte mich also nach Paris, und ich fuhr hin und war tatsächlich bereit, mit einem Auto voller Sprengstoff durch die Gegend zu fahren. Doch wie sich sehr bald herausstellte, funktionierte Carlos' Plan von vorne bis hinten nicht. Schon das Hotel, in dem ich übernachten sollte, gab es nicht. Und so ging es weiter mit kleinen Fehlern, von Anfang an schien die Aktion unter einem schlechten Stern zu stehen.

Beinahe wäre mir der Zufall zu Hilfe gekommen und ich wäre doch noch ausgestiegen. Als wir uns in einer überfüllten Kneipe mit dem Mitglied der FLNC und Eric von der ETA zu letzten Absprachen trafen, wurde mir die Handtasche geklaut, in der sich ein gefälschter Pass und Geld befunden hatten.

Ich vergaß alle Vorsicht

Ich rief Carlos in Budapest an und wollte die ganze Sache abblasen. Doch er bestand darauf, dass ich sie durchziehe. Ich habe doch einen weiteren Pass und weiteres Geld im Hotel hinterlegt - mit diesem und anderen Argumenten schlug er all meine Bedenken in den Wind, und ich vertat meine letzte Chance und machte weiter, anstatt auf meine Intuition zu hören und die Aktion abzubrechen.

Eric fuhr den alten grünen Peugeot, den uns die Korsen besorgt hatten, noch in die Tiefgarage nahe den Champs- Elysées, weil ich mich in Paris nicht gut auskannte und sehr nervös war. Am nächsten Tag brachten Bruno und ich den Sprengstoff, den wir von Eric erhalten hatten, zu dem Wagen. Anstatt erst einmal alleine die Tiefgarage zu inspizieren und mich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war, ging ich an diesem 16. Februar 1982 mit Bruno gemeinsam zum Wagen.

Obwohl ich die ganze Zeit spürte, dass etwas nicht stimmte, trotz all der schlechten Omen - ein falsches Hotel, der Diebstahl meiner Handtasche - hielt ich nicht an, entschied ich mich nicht dafür, alles hinzuschmeißen, sondern vergaß stattdessen noch die simpelsten Vorsichtsmaßnahmen.

Eric hatte mir bei der Übergabe einen Schlüsselbund mit zig Schlüsseln gegeben, und es dauerte eine ganze Weile, bis ich den richtigen gefunden hatte und das Auto aufschließen konnte. Wir legten den Sprengstoff in den Kofferraum und stiegen ein. Ich setzte mich ans Steuer.

Festnahme auf den Champs-Elysées

Als wir im Wagen saßen, klopften zwei junge Männer an die Scheibe und wollten unsere Papiere sehen. Als wir keine vorweisen konnten, forderten sie uns auf, mit ihnen zu kommen. Also stiegen wir aus, die beiden Männer, mit Turnschuhen und leichten Blousons bekleidet, gingen lässig hinter uns her. Sie brachten uns zu einem kleinen Büro am Eingang der Tiefgarage und fragten noch einmal nach unseren Papieren. Sie drohten damit, die Polizei zu rufen, falls wir uns nicht endlich auswiesen.

Die beiden waren keine normalen Parkwächter, so viel war klar, sie mussten etwas gewusst oder geahnt haben, denn sie nahmen sich uns gezielt vor. Später war in den Zeitungen zu lesen, man sei auf das alte Auto mit dem neuen Nummernschild aufmerksam geworden, andere schrieben, wir hätten auf einem Privatparkplatz geparkt.

Bruno gab mir ein Zeichen, ich solle abhauen. Das war die einzige Möglichkeit. Ich rannte die Einfahrtsrampe hoch und befand mich gleich auf den belebten Champs-Elysées, spurtete weiter, weil ich hoffte, irgendwo würde eine Metro-Station auftauchen, in der ich verschwinden könnte. Ich verlor die Orientierung, rannte blindlings in die falsche Richtung und nahm nichts mehr um mich herum wahr. Plötzlich wurde ich von hinten von mehreren starken Armen auf den Boden gedrückt. Ich lag da und pinkelte mir tatsächlich vor Angst in die Hose. Ein großer Polizeiwagen mit vergitterten Fenstern stand in der Nähe, und man setzte mich hinein.

Die Gefühle, die einen in solch einer Situation überwältigen, sind schwer zu beschreiben. Ich wusste, dass ich alles falsch gemacht hatte, und jetzt war es aus.

Verfolgungswahn

Während seine Freundin in einem französischen Gefängnis einsitzt, verübt Carlos mehrere Anschläge auf französische Ziele. Nach ihrer Haftentlassung 1985 kehrt Magdalena Kopp zu Carlos zurück. Sie leben mit der 1986 geborenen Tochter Elba Rosa in der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Als Rosa gerade 16 Monate alt gewesen war, erzählte Ali mir eines Tages, dass Gerd Albartus seinen Besuch in Damaskus angekündigt hatte. Ich freute mich sehr, meinen alten Freund wiederzusehen und endlich Neuigkeiten aus Deutschland und vielleicht auch von einigen ehemaligen Genossen zu erfahren. Ali hingegen war vollkommen außer sich und behauptete panisch, dass Gerd Albartus ein Mitarbeiter der Stasi sei und uns in ihrem Auftrag besuche.

Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie er auf diese absurde Idee kam. Ich kannte Alis Spekulationen, wenn es darum ging, wer für wen arbeitete, aber das hier kam mir vollkommen abwegig vor. Carlos teilte offenbar seinen Verdacht, mir gegenüber jedoch hatten weder er noch Ali je ein Wort darüber verloren. Erst jetzt, als Gerds Besuch anstand, schien es ihnen an der Zeit, mich mit ihren Ideen zu konfrontieren.

Ich glaubte keine Sekunde daran, dass Gerd Stasi-Spitzel war.

Ich hatte sofort das Gefühl, dass die beiden sich hier in eine Sache hineinredeten, die mit Gerd überhaupt nichts zu tun hatte. Doch auf meine Nachfragen, was sie auf diese Vermutung gebracht hatte, musste ich mir barsch anhören, ich sei zu der ausschlaggebenden Zeit im Knast gewesen und könne das nicht beurteilen. Während meiner Zeit im Gefängnis hatte Gerd sich an den Vorbereitungen für den Anschlag gegen das "Maison de France" in Berlin beteiligt - was wäre ihm diesbezüglich aus Carlos' und Alis Perspektive vorzuwerfen gewesen? Doch die beiden waren nicht von ihrem Verdacht abzubringen.

Die brutalen Methoden der Terroristen

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie Hannes sich im Vorfeld zu der ganzen Sache verhielt und was er darüber dachte. Es war nicht etwa so, dass es ein gemeinsames Gespräch zu dem Thema gab, alles fand mehr oder weniger zwischen Tür und Angel statt. Doch kurz vor Gerds Eintreffen wurde Hannes in meinem Beisein nach seiner Ansicht gefragt. Immerhin war er in der Gruppe verantwortlich für die Kontakte zu den RZ und damit auch zu Gerd. Ich hatte erwartet, dass er seine Hand für Gerd ins Feuer legen und sich auf meine Seite stellen würde. Doch das geschah nicht.

Sie hatten sich vorgenommen, Gerd zu verhören. Falls ich Recht hätte und Gerd nicht für die Stasi arbeitete, würde ihm - so versicherte mir Carlos - nichts zustoßen. Und wenn doch? Dazu sagte er nichts.

Ich saß wie eingesperrt alleine mit Rosa in der Wohnung, war hilflos, verzweifelt und redete mir ein, es würde alles gut gehen, eben weil ich wollte, dass alles gut ging. Ich kannte Carlos und hätte allen Grund gehabt zu vermuten, dass er mich nur in Sicherheit wiegen wollte. Als Carlos und Ali am nächsten Tag vom Waffentraining zurückkamen, brachten sie Tarek und zwei andere Männer mit. Gerd war nicht dabei. Sie hatten ihn nach einem quälenden Verhör getötet.

"Nie etwas Vergleichbares erlebt"

Weder Carlos noch Ali verloren ein Wort darüber, was geschehen war. Alles, was ich über den Hergang weiß, habe ich später von einem Augenzeugen erfahren. Er sagte, er habe nie etwas Vergleichbares erlebt. Die Männer hatten Gerd mit brutalen Mitteln verhört und dabei ins Knie geschossen, was sich sonst noch alles abgespielt hatte, erzählte er mir nicht.

Als Gerd tot war, legten sie ihn in ein Erdloch und zündeten ihn an, damit man ihn nicht mehr finden würde. Ich hatte eine unglaubliche Wut und machte mir selbst Vorwürfe, dass ich nicht auf die Idee gekommen war, Gerd zu warnen.

Einige Monate später kam Feisal nach Damaskus. Feisal hatte lange Jahre treu mit Carlos zusammengearbeitet und war in der Zeit meiner Inhaftierung vermutlich an allen Aktionen im Auftrag von Carlos beteiligt gewesen. Mittlerweile war er schon seit geraumer Zeit nicht mehr direkt in die Gruppe eingebunden, doch er kam manchmal nach Damaskus, um uns zu besuchen.

Und wieder erfuhr ich erst kurz vor dem Besuch, dass Carlos der Meinung war, Feisal sei ein Agent und Verräter. Wieder war ich wie vor den Kopf gestoßen. Bisher hatte ich nichts von solch einem Verdacht gehört. Doch für Carlos war Feisal ein Agent der Partei Gottes, der Hisbollah.

Kopfschuss in unserer Küche

Feisal stand am Spültisch in unserer Küche, als Carlos ihm von hinten in den Kopf schoss. Er war sofort tot. Carlos steckte ihn in einen Plastiksack, und seine Boys warfen ihn im Libanon einen Berg hinunter, wo er bald von Passanten gefunden wurde. In einer libanesischen Zeitung wurde einige Tage später über den Fund berichtet. Über die Täter waren in dem Artikel keine Vermutungen zu lesen. Feisals Bruder jedoch verdächtigte Carlos der Tat und hätte ihn am liebsten erschossen. Carlos ließen diese Verdächtigungen vollkommen kalt. Er besaß sogar noch die Unverschämtheit, Feisals Witwe zu kondolieren.

Carlos hatte schon in vielen Situationen unter Beweis gestellt, dass er sich von einem Augenblick auf den anderen in einen kaltblütigen Killer verwandeln konnte. Doch damit, dass er begann, seine ehemals engsten Getreuen umzubringen, war eine neue Dimension erreicht. Der Mann war zu den abscheulichsten Verbrechen fähig und bereit jeden, der ihm nicht mehr nützlich war, auf die eine oder andere Weise umzubringen. Weder Gerd Albartus noch Feisal hatten Carlos in irgendeiner Weise verraten. Im Nachhinein denke ich, dass er auch mich oder sogar Rosa umgebracht hätte, wenn ich mich ihm in den Weg gestellt hätte. Damals verdrängte ich diese Gedanken, so gut es ging - schließlich kann man nicht ständig in Todesangst leben.

Magdalena Kopp blieb trotz ihrer Erlebnisse und Bedenken noch mehrere Jahre bei Carlos. 1992 zog sie mit ihrer Tochter zu seiner Familie nach Venezuela. Erst nach seiner Verhaftung 1994 schaffte sie den Ausstieg: Sie stellte sich den deutschen Behörden als Zeugin zur Verfügung und kehrte mit ihrer Tochter in ihren Geburtsort Neu-Ulm zurück. Dort lebt sie bis heute. 2007 veröffentlichte Sie ihre Erinnerungen als Buch.

Zum Weiterlesen:

Magdalena Kopp: "Die Terrorjahre. Mein Leben an der Seite von Carlos." DVA, München 2007, 320 Seiten.