Meine Zeit mit dem BFC Dynamo: In der falschen Fankurve
Lebensbeichte eines Dynamo-Fans "Erich, wink doch mal!"
Meine erste Fußball-Weltmeisterschaft auf deutschem Boden! Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein! Zum einen fand dieses Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Der vermeintliche Klassenfeind, die BRD, wurde 1974 Weltmeister und ich - trotz allem - zum Fußballfan.
Mein Berlin, die Hauptstadt der DDR, hatte zu dieser Zeit zwei Mannschaften: den 1. FC Union Berlin und den BFC Dynamo. Wir wohnten im Stadtteil Friedrichshain, und da war es zu Union nach Köpenick in Kinderaugen genauso weit wie nach Magdeburg oder Halle. Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg hingegen war gleich um die Ecke - also wurde ich weinrot-weißer Dynamo.
Ich war noch sehr klein und wusste daher nicht, welchen zweifelhaften Ruf meine Mannschaft in unserer Republik besaß. Wahrscheinlich haben mich die Sprüche der Gästefans wie etwa: "Ihr bekackten Mielke-Stasi-Arschlöscher-Bonzen!" nur verwirrt. Es war eine Frage der sozialistischen Ideologie: BFC-Fan hieß, man war dafür, Unioner waren dagegen. Egal - ich hatte ein Team, das ständig gewann!
Mein erster Stadionbesuch
An mein erstes Live-Spiel im Jahnsportpark erinnere ich mich noch gut: 10:0 gegen BSG Chemie Leipzig - es war die Saison 1979/1980. Was für ein Spiel! Was für ein Ergebnis! Ich war infiziert. Zusammen mit meinem Vater und meinem Bruder Benny war ich in den Prenzlauer Berg gefahren. Das Stadion wirkte auf uns Kinder gigantisch - wenn auch ziemlich leer. Es lag unmittelbar an der Mauer, und wir konnten die weißen Häuser von West-Berlin sehen.
Wir standen in der Kurve genau gegenüber der Anzeigetafel und durften durch die Reihen rennen, über die Holzbänke springen, den Gang hinunterwetzen und am Zaun hochklettern. Es waren kaum Leute in diesem Block und wir die einzigen Kinder. Trotz der eher lausigen Stimmung zog mich das magische Spieler-Dreieck mit Troppa, Trieloff und Terletzki ab jetzt alle 14 Tage in die Cantianstraße. Am Ende der Saison feierten "wir" unseren zweiten Meistertitel in der DDR-Oberliga - mein persönlich erster als Fußballfan.
Meine Zeit mit dem BFC Dynamo: In der falschen Fankurve
Ich hatte die richtige Wahl getroffen. Während Union in seiner Alten Försterei meistens gegen den Abstieg spielte oder gar in der zweiten DDR-Liga herumgurkte, genoss ich einen Erfolg nach dem anderen. Ich fuhr nie zu Auswärtsspielen, und zu Hause gewannen wir eigentlich immer. Wir bejubelten zehn Meistertitel in Folge. Bei neun dieser Triumphe war ich anwesend. Wer sonst hatte so ein erfolgreiches Fanleben?
Männer mit schwarz-gelber Kriegsbemalung
Die einzig spannenden Oberligaduelle waren die gegen Dynamo Dresden. Doch auch da konnte wenig schiefgehen, denn der BFC hatte neben seiner spielerischen Klasse auch fast immer die Schiedsrichter auf seiner Seite. Irgendwann war ich alt genug, um zu verstehen, warum uns die ganze Republik nicht mochte. Besonders Dresdner verabscheuten Berlin und den BFC zutiefst. Wenn ihr Club in der Hauptstadt spielte, reisten oft Tausende schwarz-gelber Fans mit.
Von der Brisanz der Begegnung wusste ich bei meinem ersten Heimspiel gegen Dresden allerdings noch nichts. Behängt mit weinrot-weißem BFC-Schal war ich mit meinem Freund Trulli in der U-Bahn zur Dimitroffstraße gefahren, und wir gingen in Richtung Stadion. Doch bereits an der nächsten Ecke sahen wir uns plötzlich circa 20 hasserfüllt dreinschauenden Augenpaaren gegenüber.
Die Männer mit schwarz-gelber Kriegsbemalung begannen, uns zu schubsen und zu bespucken. "Scheiß Stasi-Gesocks!", brüllten sie. Ich begann zu heulen und hielt panisch meinen Schal mit beiden Händen fest. Doch wir hatten Glück. "Schluss jetzt, Lungi!", rief einer und erklärte uns dann mit sächsischem Akzent, dass wir das Spiel heute leider nicht sehen würden. Sein Trupp führte uns zurück zur U-Bahn-Station, wartete mit uns auf den einfahrenden Zug und darauf, dass wir in Richtung Alex einstiegen. "Hier regiert die SGD!", schallte es uns hinterher.
"Erich, wink einmal!"
Unser Heimspiel verfolgten wir an diesem Tag - nervös und verängstigt - am Radio. Doch nach dem 1:0 rannten wir jubelnd durch die Straßen unseres Neubauviertels und brüllten: "Hier regiert der BFC!" Bei allen weiteren Spielen gegen Dynamo Dresden habe ich danach meinen Fanschal immer tief unter der Jacke vergraben und erst wieder angelegt, wenn ich in unserem sichereren Fan-Block angelangt war.
Der dauerhafte Erfolg machte uns irgendwann müde. BFC-Oberboss Stasi-Minister Erich Mielke saß gelangweilt auf seiner Ehrentribüne - und wir machten uns einen Spaß daraus, aus unserem Block "Erich, wink einmal!" hinüberzurufen.
Interessant war irgendwann nur noch der internationale Wettbewerb. Torwart Bodo "Wink einmal" Rudwaleit (er wurde so genannt, weil er sich gern umdrehte und uns Fans zuwinkte) hatte den entscheidenden Elfer gegen Aberdeen gehalten, und auch Nottingham Forrest, Aston Villa und AS Rom waren Namen, die uns die miefigen ostdeutschen Duelle gegen Wismut Aue und Stahl Riesa vergessen ließen. Wir fühlten uns groß, bedeutend - und ich kam über meinen Dynamo-Vater an Karten für solche Spiele!
Das erste und letzte Mal mit Onkel Wolfgang
Die zweifellos bedeutendsten waren die beiden innerdeutschen Duelle im Europapokal der Landesmeister gegen den HSV und Werder Bremen. Für das Hamburg-Spiel hatte mein Vater über seine "Beziehungen" sogar Karten für sich und seinen jüngeren Bruder, der dafür aus Sachsen angereist war, besorgt, und so saßen wir unverschämt gut auf der Ehrentribüne in der Nähe der Politbüroprominenz, umringt von diversen Fußballfans des Ministeriums für Staatssicherheit.
Onkel Wolfgang hatte, neben seinem ungewöhnlich lockeren Lebensstil, nicht nur zu unserem Staat eine andere Meinung als mein Vater - sondern vor allem auch zum BFC. Mein Vater verstand sich dennoch meist sehr gut mit seinem jüngeren Bruder und nannte ihn einfach nur einen "Anti", der seit frühester Jugend gegen alles und jeden rebellierte. Was er damit wohl meinte, erlebte ich zum ersten Mal, als beim Tor für den HSV ein einziger Mensch auf der Ehrentribüne aufsprang und wie verrückt jubelte - mein Onkel. Zeitgleich fiel mir auf, dass sich mehrere Kameras auf ihn und die benachbarten Zuschauer richteten, und ich fragte mich, ob wir eventuell morgen in der Zeitung sein würden.
Waren wir aber nicht. Stattdessen legte ein Mitarbeiter des Ministeriums die Fotos am nächsten Tag meinem Vater vor und wollte wissen, wer dieser jubelnde Staatsfeind neben ihm war. Onkel Wolfgang wurde nie wieder zum Fußballspiel mitgenommen, jubelte aber auch im fernen Sachsen weiterhin lieber für Bayern München und Borussia Mönchengladbach als für den FC Karl-Marx-Stadt und Lokomotive Leipzig.
Ende einer Beziehung
1989 sah ich mein letztes DDR-Oberligaspiel. In meinem Leben gab es jetzt wichtigere Dinge - die Beziehung zu meiner Mannschaft beendete ich offenbar genau im richtigen Moment: Eine brutale Hooliganszene hatte das Stadion bald schon fest im Griff, der BFC verscherbelte seine Stars gen Westen, und Meister wurden nun andere. Ein paarmal ging ich gelangweilt zu Hertha und muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mir auch schon ein, zwei Union-Spiele angeschaut habe. Ich bin ein Fußballfan geblieben - wenn auch ohne eigenes Team. Nur bei den großen internationalen Turnieren leide und fiebere ich stets mit der gleichen Mannschaft: Deutschland!
Meine zweite Fußball-WM auf deutschem Boden? Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein. Ich war mit meiner Freundin auf Weltreise. Das Eröffnungsspiel der WM 2006 sahen wir auf einem Mini-Fernseher mit verrauschtem Bild in einem bolivianischen Hochgebirgskaff in der einzigen Kneipe des Ortes. Ich bereute sofort, nicht vor einer riesigen Großbildleinwand auf irgendeiner ohrenbetäubend lauten Fanmeile zu sitzen. Nach dem Deutschen 4:2 gegen Costa Rica wollte ich sofort ins stimmungsgeladene Argentinien.
Unsere Reise wurde dann doch noch zur schönsten meines Lebens. Denn nicht nur im Lande von Mario Kempes und Diego Armando Maradona, sondern auch im ebenfalls WM-begeisterten Paraguay und vor allem in Brasilien wurden wir mit unglaublicher Herzlichkeit und Wärme aufgenommen. Überall verstand man ohne viele Worte, dass ich ein Suchender war, ein großer Fan, ein verzweifelter Kerl - verbannt von der Fußball-WM im eigenen Land.
"BFC oder Union?"
Wir blieben bis zum Ende des Turniers in Südamerika - und alle, die wir trafen, gönnten mir die Erfolge meiner Mannschaft! Nach sehr langer Zeit wurde ich durch Klose, Ballack und Podolski unter dem Zuckerhut wieder an die Zeiten erinnert, als wir aus dem Jubeln gar nicht mehr herausgekommen waren.
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Scheppert, MarkPreisabfragezeitpunkt
17.10.2026 15.28 Uhr
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Direkt nach Abpfiff der WM spielte ich in einem kleinen Stranddorf zusammen mit ein paar euphorischen Italienern gegen eine Auswahl brillanter Brasilianer: unentschieden. Da wusste ich, dass ich 2014 auf jeden Fall wiederkommen würde - zu meiner ersten Weltmeisterschaft auf südamerikanischem Boden!
Noch heute gibt es im Berliner Osten beim Thema Fußball eine Frage mit fast schon gesellschaftspolitischem Charakter, eine nach der persönlichen Herkunft und Vergangenheit. Sie lautet: "BFC oder Union?" Nicht nur früher bestand die Gefahr, bei falscher Antwort eine auf die Fresse zu kriegen. Ich sage dann immer kleinlaut: "Ich interessiere mich nicht für Fußball."