Rosamunde Pilcher: "Lesen soll wie ein Urlaub sein"
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Rosamunde Pilcher zum 90. Geburtstag Kitsch lebt sie nur in der Fiktion
Auf den ersten Blick unterschied sich "Ros", wie die Nachbarinnen sie zu nennen pflegten, nicht von den anderen Hausfrauen in Dundee. Ein typischer Tag in ihrem Alltag in den Sechzigerjahren sah etwa so aus: Nach dem Frühstück verschwanden ihre Kinder in die Schule und Graham, ihr Mann, in die Jutefabrik. Ros kümmerte sich um den Abwasch, erledigte Hausarbeiten.
Dann allerdings tat sie Tag für Tag etwas, was sie von all den Frauen in den umliegenden Häusern unterschied: Sie setzte sie sich mit einem Kaffee an den Küchentisch ihres Bungalows, holte ihre kleine Reiseschreibmaschine hervor und begann zu tippen.
Ros, die mit vollem Namen Rosamunde Pilcher heißt, verbrachte während der Sechziger- und Siebzigerjahre fast all die Zeit, die nicht von ihren Kindern und ihrem Ehemann eingefordert wurde, in ihrer ganz eigenen Welt. Wenn sie ihre Besorgungen als Hausfrau erledigt hatte, tauschte sie Schottland in Gedanken gegen die Küste Cornwalls, wo sie 1924 geboren worden war und als junges Mädchen glückliche Jahre verbracht hatte. Sie ließ verarmten Landadel auf Tee-Partys flirten, schöne junge Damen an der Steilküste schluchzen, im Aufruhr des Herzens wilden Klatschmohn pflücken und im glänzenden Cabrio ihre Jugendliebe finden.
Wenn die Kinder aus der Schule zurückkamen, riss sie sich wieder los aus dieser anderen, schöneren Welt. Ros gab das Bild der perfekten Hausfrau ab: schlank, diszipliniert, gut organisiert und nicht übermäßig emotional. Nie sahen die Kinder sie schreiben. Ihre Mutter war streng und geradlinig und hatte für alle Probleme eine Lösung. Niemand hier wäre im Traum darauf gekommen, dass in ihr eine Autorin schlummerte, die mit ihren blumigen Liebesromanen eines Tages die Welt zum Schwelgen und Schluchzen bringen würde.
"Ich kenne diese Liebesblitze nicht"
Manchmal steuerten die Damen aus ihrem monatlichen Literaturzirkel in Longforgan Ideen für Figuren bei. Doch auch sie konnten kaum ahnen, was da Morgen für Morgen aus Rosamundes Fantasie aufs Papier floss. Denn im Damenkränzchen gab sie sich kühl, verschlossen, galt als rationale Pragmatikerin. Eine ihrer bevorzugten Lebensweisheiten lautete, wie sie Jahre später der "Bunten" verriet: "Eine Ehe ist kein Wunschkonzert." Oder: "Ich kenne diese Liebesblitze nicht, wenn das Herz flattert und der Verstand aussetzt." Sie selbst habe in ihrem Leben mehr Zeit mit Bügeln als mit Lieben verbracht, so Pilcher. Ihr Mann Graham war keine "Amour fou" wie in ihren Romanen, sondern was Solides.
Die beiden hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in England kennengelernt: Rosamunde stammt aus einer strengen Offiziersfamilie, hatte zuvor als Sekretärin im Außenministerium gearbeitet und beim Women's Royal Naval Service in Sri Lanka und Indien. Im Krieg hatte sie ihren Geliebten verloren, sie war zugeknüpft, schien ihre Gefühle weggesteckt zu haben. Am 7. Dezember 1946 heiratete sie Graham - und wurde Hausfrau. In ihre Geschichten aber flossen fortan all die Romantik und wilde Sehnsucht, die in ihrem häuslichen Alltag keinen Platz hatten.
Lange Jahre erfuhr kaum jemand von ihren Geschichten. Unter dem Pseudonym "Jane Fraser" veröffentlichte sie ein paar ihrer Werke in Frauenmagazinen, der Verlag Mills and Boon brachte einige ihrer Arbeiten als Roman heraus. Der große Erfolg blieb aus, immerhin: Die Veröffentlichungen spülten zusätzliches Geld in ihre Haushaltskasse.
Pilcher war bereits Mitte 60, als aus den tagtäglich auf ihrem Küchentisch zusammengetippten Fantasien eine Erfolgsgeschichte wurde, die bis heute ihresgleichen sucht: Ihr Liebesroman "Die Muschelsucher" brachte 1987 den Durchbruch. Die von Gefühl triefende Geschichte von Penelope, die nach einem Herzinfarkt nach Cornwall zurückkehrt, wo sie einst ihre Jugendliebe hatte, verkaufte sich millionenfach. Jetzt, so erzählte ihr Sohn Robin der "Welt", nannte ihre Familie sie plötzlich "the F.A.", "The Famous Author", wie die Familie sie im Scherz rief. "The F.A. ist mit dem Hund spazieren", neckten sie sie.
"Lesen soll wie ein Urlaub sein"
Das Publikum war verrückt nach ihren romantischen Geschichten rund um Jugendlieben, dunkle Familiengeheimnisse und die Küstenstraße zum Glück. Zu Pilchers Markenzeichen wurden vor allem die englischen Landschaften, die sie mit Hingabe beschreibt. Wie die Gischt an der Steilküste Cornwalls hochspritzte, brandeten die Gefühle im Inneren ihrer Protagonisten auf.
Wenn sie schrieb, stellte sie sich ihre Leser in einer grauen Großstadtwohnung vor und versuchte, mit ihren Sehnsüchten zu spielen. "Lesen", so erzählte Pilcher einmal der "Welt", "soll wie ein Urlaub sein." Und so beschrieb sie den Duft wilden Thymians und das pittoreske Cornwall im September, wenn die letzten Gartenpartys hinter dem mittelalterlichen Cottage in der Herbstsonne gefeiert werden, das Sommerkleid von Lady Nicole Sherberton leuchtet wie ein Versprechen, doch der raue Wind ein altes Geheimnis wispert. Sie ließ den Duft von Herbstmoos und wehenden Gräsern durch die Seiten rascheln, ließ den edlen Kavalier zum Landsitz Captain Gregorys aufbrechen, wo einsame Frauenherzen schlagen. Sie weckte Sehnsüchte nach dem einfachen Leben - und der wahren Liebe.
Pilcher träumte sich vom Küchentisch fort, ihre Fantasie riss Grenzen ein, darum ging es ihr. Dass sie damit plötzlich ein Vermögen machte, war eigentlich reines Glück. Auf einmal verdiente sie weit mehr als ihr Mann Graham, der als Manager arbeitete. Bald war sie dank ihrer Romane reich - 2004 war sie laut WDR bereits 45-fache Euro-Millionärin.
Aber auch nach ihren nächsten Erfolgsromanen - "Schneesturm im Frühling", "Wind der Hoffnung", "Irrwege des Herzens" - änderte sie nicht viel. Sie gönnte der Familie eine neue Musikanlage, um in Badewanne Mozart zu hören, einen traktorähnlichen Mäher für den Rasen vor dem Bungalow, ein größeres Auto. Sie bezahlte den Kindern Urlaube in der Schweiz und im Libanon. Das war's. Die Urheberrechte an ihren Romanen übertrug Pilcher ihren Kindern - für die Ausbildung und für Immobilien. Und ein bisschen auch wegen der Steuer.
Gartenparty bei der Queen
Anfang der Neunziger entdeckten Fernsehproduzenten Pilchers Geschichten: Vor den Kulissen romantischer Herrenhäuser, mittelalterlicher Friedhöfe und der rauen Küste Cornwalls wurden ihre Werke verfilmt. Und die dahinschmelzenden Gefühle so edler Charaktere wie Edward, Richard Debbie oder Sophie wurden zu sicheren Quotengaranten am Sonntag. Im Durschnitt schalten fünf bis sieben Millionen Deutsche pro Sendung ein, wenn sich an der Küste Cornwalls Pilchers Irrungen und Wirrungen des Herzens entspinnen.
Von der Hausfrau am Küchentisch zur millionenschweren Karrierefrau, ohne je eine Uni besucht zu haben - die steile Karriere der Rosamunde Pilcher ist selbst fast so schwer zu glauben wie manche der rührseligen Liebesgeschichten, die aus ihrer Feder flossen. Und doch stimmt es: Sie wurde zur Gartenparty der Queen in den Buckingham Palace gebeten, die Eiserne Lady Margaret Thatcher las ihre Romane zur Entspannung von der Politik. Noch mit über 80 Jahren reiste sie regelmäßig im Flugzeug um die Welt, um Lesungen zu halten. Mit "Wintersonne" veröffentlicht sie 2000 ihren letzten großen Liebesroman, 2012 erklärt sie schließlich 87-jährig ihren Austritt aus dem Literaturgeschäft. Zu schlimm wäre es, so Pilcher, wenn man als tatterige Autorin den Zeitgeist nicht mehr verstünde.
60 Millionen Bücher hat Rosamunde Pilcher bis heute verkauft. Sie glaubt: "Frauen müssen aggressiv sein, wenn sie erfolgreich sein wollen." Schaue sie sich ihren Mann Graham so an, so habe er sich eigentlich immer verdrückt, wenn es schwierig wurde - zum Golfen oder Moorhuhnschießen. Was das Geheimnis hinter ihrem überwältigenden Erfolg als Autorin ist, der sie reich und weltbekannt gemacht hat? "Ich schreibe leichte Lektüre für intelligente Damen."