Linke Grabenkämpfe: Der Konsensmacher
Linke Grabenkämpfe Der Konsensmacher
Verräter, Handlanger des Kapitalismus, Sozialfaschisten - in den letzten Jahren der Weimarer Republik machte die KPD kräftig Front gegen die SPD. Sie stehe für "schmutzige, konterrevolutionäre Politik" und sei nichts anderes als "eine Fraktion des deutschen Faschismus unter sozialistischer Maske". Die SPD wiederum hielt dagegen: "KPD und NSDAP sind wesensverwandt."
Die Folgen dieser Grabenkämpfe waren verheerend. Wie gelähmt sah die einst starke und nun in sich zerrissene und zahnlos gewordene Arbeiterbewegung zu, wie die NSDAP nach der Macht griff. Erst im Sommer 1935 gestand die Kommunistische Internationale ein, wie fatal die von ihr verordneten Sozialfaschismus-Attacken gewesen waren, und gab im Sommer eine neue Richtung vor: Versöhnung. KPD und SPD sollten sich wieder verbünden - zu einer Volksfront gegen den Faschismus. Auch eine Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien schloss die Kommintern nicht aus.
Doch auf Knopfdruck ließen sich die über Jahre gewachsenen Vorurteile nicht überwinden. Zu tief saß noch das Misstrauen gegenüber der SPD. Einer der wenigen KPD-Funktionäre, der die neue Parteilinie mit voller Energie und aus Überzeugung umsetzte, war Willy Münzenberg, Propagandachef der Kommunistischen Internationale für die westliche Welt und einst zweitmächtigste Verleger der Weimarer Republik. Den "roten Hugenberg" nannten ihn viele - eine Anspielung auf den Nazifan und Medienmogul Alfred Hugenberg.
Der "Lutetia-Kreis"
Wie so viele andere Intellektuelle floh Münzenberg kurz nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 vor den Nazis ins Pariser Exil. Hier begann er im Sommer 1935 für die neue Volksfront-Idee zu werben. Einer der ersten, der sich dafür begeisterte, war der Schriftsteller Heinrich Mann. Viele folgten seinem Beispiel. Als Münzenberg am 25. September 1935 zu einer Volksfront-Tagung ins Pariser Hotel Lutetia einlud, kamen immerhin 51 Hitlergegner - darunter Kommunisten, Sozialdemokraten und Bürgerliche. Die Teilnehmerliste liest sich wie ein Who-is-Who der deutschen Exilanten: Heinrich Mann, Leopold Schwarzschild, Georg Bernard oder Hans Mayer.
Münzenberg galt als PR-Genie, dem es immer wieder gelang, Menschen mit denselben Interessen und politischen Ideen zusammenzubringen. Etliche Kongresse gegen den Kolonialismus, den Imperialismus und den Faschismus hatte er bereits organisiert. Immer wieder hatten sie einflussreiche Menschen angelockt. 1929 beispielsweise kam Jawaharlal Nehru, der erste indische Premierminister nach Brüssel, um an einem Münzenberg-Kongress gegen den Imperialismus teilzunehmen. Und nun hatte es auch in Paris wieder geklappt.
Nur vier Monate später, am 2. Februar 1936, fand - wieder im Hotel Lutetia - die erste Volksfrontkonferenz statt: Diesmal hatte unter anderem Heinrich Mann dazu geladen. 118 Menschen kamen - darunter Lion Feuchtwanger, Klaus Mann, Ernst Toller, Ernst Bloch, Rudolf Breitscheid und Willy Brandt. Münzenberg hatte ganze Arbeit geleistet. Gleichzeitig hatte die Organisation feste Strukturen angenommen: Walter Fabian (SAP), Willi Münzenberg und Herbert Wehner (beide KPD), Max Braun und Georg Decker (SPD) und Leopold Schwarzschild und Georg Bernhard (Bürgerliche) bildeten den Vorstand der Volksfront, die sich auch "Lutetia-Kreis" nannte.
Münzenbergs Charme-Offensive
Die SPD-Führung im Prager Exil aber weigerte sich, den Lutetia-Kreis offiziell zu unterstützen. Selbst Münzenbergs Charme-Offensive konnte daran nichts ändern. Er schrieb Briefe und versuchte über den Vermittler Victor Schiff den SPD-Vorsitzenden von der Volksfrontidee zu überzeugen - vergeblich. Otto Wels blieb seinem Anti-KPD-Kurs treu. Gebrandmarkt von den Grabenkämpfen in der Weimarer Zeit, lehnte er jegliche Zusammenarbeit mit der KPD ab. Sämtliche SPD-Parteimitglieder, die im Hotel Lutetia dabei waren, kamen daher als Privatperson, nicht als offizielle Vertreter ihrer Partei.
Obwohl Münzenberg wiederholt darum bat, unterschrieb der SPD-Vorstand auch keinen der vielen öffentlichen Appelle, die der Lutetia-Kreis 1936 herausbrachte, etwa zur Befreiung von Hitlergegnern aus Nazi-Kerkern oder für "Frieden, Freiheit und Brot". Zunächst ließ man sich im Lutetia-Kreis davon nicht beirren. Die Volksfront veröffentlichte verschiedene Protesterklärungen und Flugblätter, richtete ein Flüchtlingskomitee in Paris und jeweils ein Hilfskomitee in Amsterdam und Straßburg ein. Ab März 1936 gab sie die "Deutschen Informationen" heraus, die über den faschistischen Terror und die Kriegsvorbereitungen des Hitlerregimes berichteten.
Dass der Volksfront mit der SPD ein starker Partner fehlte, zeichnete sich aber immer deutlicher ab. Über Monate war es Münzenberg gelungen, die unterschiedlichen Interessen und politischen Ziele unter einen Hut zu bringen. Er war die konsensbildende Seele des Lutetia-Kreises - bis im Sommer 1936 die Nachricht von den Moskauer Prozessen durchsickerte. Stalin hatte 1936 etliche vermeintlich abtrünnige Exil-Kommunisten umbringen lassen, was auch innerhalb der KPD für Empörung sorgte. Das Ereignis vergiftete das Verhandlungsklima in Paris. Die Kompromissbereitschaft der unterschiedlichen Parteien nahm spürbar ab. Konnte man mit einer solchen KPD zusammenarbeiten?
In den Fängen von Wehner und Ulbricht
Ganz offen erklärte Münzenberg im Lutetia-Kreis die Moskauer Linie für falsch und propagierte einen von Moskau unabhängigen deutschen Kurs. Das sollte ihm später zum Verhängnis werden. Vor allem Herbert Wehner und Walter Ulbricht, der inzwischen auch nach Paris übergesiedelt war, argwöhnten, dass nun auch Münzenberg der Partei gefährlich werden könne. Wehner warf ihm zuletzt "opportunistische Grundsatzlosigkeit" vor und sorgte gemeinsam mit Ulbricht dafür, dass gegen Münzenberg im Herbst 1937 ein Untersuchungsverfahren eingeleitet wurde.
Auf Druck seiner Parteigenossen schied Münzenberg im Frühjahr 1937 aus dem Vorstand der Volksfront aus. Nun gab es niemanden mehr, der die vielen verschiedenen Meinungen und politischen Strömungen kanalisierte. Man fand keinen gemeinsamen Nenner mehr. Die Folge: Seitenweise Streitprotokolle ohne Ergebnis. Im Frühjahr 1937 stellte der Lutetia-Kreis seine Tätigkeit ein. 1938 wurde Münzenberg schließlich aus der KPD ausgeschlossen.
Nach der Kriegsniederlage Frankreichs, kam Münzenberg in ein Internierungslager nach Lyon. Von dort aus floh er in den Süden Frankreichs, um nicht in die Fänge der anrückenden Wehrmacht zu geraten. Im Oktober 1940 fand man ihn erhängt in einem kleinen Waldstück. Die Umstände seines Todes sind ungeklärt.