Berliner Luftbrücke: Kohle rein, Kinder raus
Berlin-Blockade vor 70 Jahren Wassersuppe, Nacktschnecken, Milchreis mit Maden
"Wir wurden wie Kohlensäcke an den Längsseiten des Flugzeugs festgezurrt. Die Soldaten machten uns vor, wie wir uns beim Start die Nase zuhalten und am Ohrläppchen ziehen sollten. Die Motoren brummten wahnsinnig laut", erinnert sich Christa Maria Bittner an ihren ersten Flug. Sie war zehn Jahre alt und wurde mit ihrer Zwillingsschwester aus West-Berlin ausgeflogen.
Die mehr als zwei Millionen Einwohner der Stadt mussten hungern, nachdem die Sowjetunion am 24. Juni 1948 alle Land- und Wasserwege zum westlichen Teil Deutschlands abgeriegelt hatte. Die Besatzungsmacht begründete das mit der Währungsreform im französischen, britischen und amerikanischen Sektor . Ohne eine binnen weniger Tage eingerichtete Luftbrücke hätte die eingeschlossene Bevölkerung kaum überleben können. Und die Alliierten wollten unbedingt verhindern, dass sich die Sowjets den okkupierten Westteil Berlins einverleiben.
Um Lebensmittel und Kohlen in die isolierte Stadt zu schaffen, landeten im Minutentakt Maschinen vom Typ DC-3, DC-4 oder Ju 52 in Tempelhof, Gatow und ab November 1948 auch auf dem neuen Flughafen Tegel. Doch der Nachschub durch die "Rosinenbomber" reichte kaum aus. Wenn die Flugzeuge wieder gen Westen abhoben, hatten sie daher oft unterernährte Kinder an Bord, die anderswo wieder aufgepäppelt werden sollten.
Berliner Luftbrücke: Kohle rein, Kinder raus
"Die Franzosen kamen zu uns in die Schule. Kinder, deren Oberschenkel dünner waren als die Knie, wurden sofort zur Seite genommen. Auch meine Zwillingsschwester und ich", erzählt Bittner. Sie wuchsen im nördlichen Bezirk Wedding im französischen Sektor auf. "Der ständige Hunger war fürchterlich. Und wenn wir jammerten, bekamen wir eine Ohrfeige." Doch als die beiden Mädchen hörten, dass sie die Stadt ohne ihre Mutter und den kleineren Bruder verlassen sollten, flossen viele Tränen. Der Vater arbeitete zu der Zeit in Finnland.
Viele Kinder waren tagsüber sich selbst überlassen, weil die Mütter arbeiten mussten. "Wir krabbelten durch zerbombte Häuser und schauten in den Kellern nach, ob nicht zufällig ein Einmachglas stehen geblieben war", erzählt Bittner. Dass die Amerikaner am Flughafen Tempelhof aus der Luft Süßigkeiten abwarfen, wusste sie. "Wir kamen aber nie dorthin, weil wir oben im Norden wohnten."
Sie kauerten auf dem Flugzeugboden
Als sie mit ihrer Schwester zum Flugplatz Gatow gebracht wurde, war der Abschiedsschmerz plötzlich vergessen, denn die Mädchen fühlten sich wie auf einem Abenteuerspielplatz: "Wir waren ja Kriegskinder, wilde Berliner Gören, und haben uns gleich an einen Flugzeugflügel gehängt, um daran zu schaukeln. Niemand hat mit uns geschimpft."
Die Frachtmaschine wurde rasch ausgekehrt, drinnen mussten sich die 16 Kinder auf den Boden setzen, eine Hälfte rechts, die andere links. Stuhlreihen wie in einem Passagierflugzeug gab es nicht. "Wir haben mit leicht gegrätschten Beinen dagesessen, damit wir uns abfangen konnten, wenn das Flugzeug in der Luft zu schaukeln begann. Angst hatten wir nicht, wir waren ja nicht allein. Auch die Besatzung hat sich rührend um uns gekümmert."
Das Flugzeug landete im Nordwesten Deutschlands. Wo genau, weiß Christa Maria Bittner nicht, wohl aber, dass es zur Begrüßung einen fetthaltigen Kakao gab, den die Kinder nicht im Magen behalten konnten.
Über Bremen ging es mit dem Zug nach Süddeutschland. "Wir kamen in ein Kinderheim im Schwarzwald, es war eine schreckliche Zeit. Als Berliner fühlten wir uns dort unerwünscht", sagt sie. "Ständig wurden wir bestraft, wenn wir zu laut sprachen oder unseren Teller nicht leer aßen. Dabei war der Milchreis voller ekliger schwarzer Maden. In meinem Leben hatte ich nie wieder so viel Angst wie damals."
Was in diesen Monaten in Berlin geschah, sagte ihnen niemand. Briefkontakt zur Mutter gab es nicht. Kurz nachdem die Sowjetunion die Blockade aufhob, durften die Schwestern zurück nach Berlin.
"Mit einem der ersten Züge kamen wir am Bahnhof Zoo an, völlig verlaust. Als wir unsere Mutter sahen, haben wir erst einmal geheult." Die Erleichterung über das Ende der Blockade sei in der Stadt spürbar gewesen, sagt Bittner. Damals habe sie sich geschworen, Berlin nie wieder zu verlassen. Mehrere Jahrzehnte arbeitete sie in der Stadt als Gymnastiklehrerin, ging dann dort in den Ruhestand.
Wassersuppe wie im Krieg
Regina Mart, 1941 im Bezirk Charlottenburg geboren, kam ebenfalls über die Luftbrücke nach Westdeutschland. "Wir hatten keinen Garten und keinen Balkon, wo wir etwas anpflanzen konnten. Bei uns zu Hause gab es meist nur Wassersuppe mit ein bisschen Mehl und Zwiebeln. Eigentlich genau so wie im Krieg." Der Mutter ging es gesundheitlich nicht gut, sie stellte einen Antrag, damit die Tochter und der jüngere Sohn zeitweise bei Verwandten in Niedersachsen unterkommen konnten.
Mart trat ihren ersten Flug von Tempelhof aus in einer JU 52 an. "Die Flughafenhallen kamen uns riesig vor, alles war voller Menschen." Die Geschwister bekamen eine warme Suppe, bevor Rot-Kreuz-Helfer sie zu der Maschine führten.
Regina Mart mit Bruder
Foto: privatAnders als Bittner saßen Mart und die anderen Kinder nicht auf dem Boden, sondern sich auf zwei langen, schmalen Bänken gegenüber. "Das Flugzeug dröhnte und zitterte. Draußen war es stockdunkel. Wir waren alle völlig übermüdet, aber auch neugierig."
Nach der Ankunft schliefen sie in der Flughafenhalle. Mart und ihr Bruder wurden dann in einen Zug nach Nienburg gesetzt, wo eine Tante sie abholte: "Zu essen hatten wir nichts dabei. Ein netter Zugbegleiter schenkte uns seine Stulle und einen Apfel. Ich habe alles mit meinem Bruder geteilt, er war erst vier Jahre alt."
Für einige Monate wohnten sie bei der Urgroßmutter, der Tante und ihrem Sohn, die sich in einer Wohnung in Steyerberg bei Nienburg ein einziges Zimmer teilen mussten. "Meine Urgroßmutter war sehr fürsorglich. Oft hat sie uns heimlich ein Zuckerei zubereitet. Lebensmittel gab es auch da nicht im Überfluss." Danach kamen sie vorübergehend nach München und kehrten erst Anfang 1950, Monate nach dem Ende der Luftbrücke, nach Berlin zurück.
Regina Mart, die bis zur Rente als Verkäuferin arbeitete, erinnert sich an den starken Zusammenhalt der Berliner zur Zeit der Luftbrücke. Was durch die Blockade für die Stadt und ganz Deutschland auf dem Spiel stand, wurde ihr erst später bewusst: "Als Kind denkt man an ganz andere Dinge. Und niemand hat mit uns darüber gesprochen, dass auch West-Berlin beinahe ein Teil des Ostblocks geworden wäre."
"Wir schaffen das schon!"
Manfred Omankowsky leitete damals mit 21 Jahren bereits die Pressestelle im Bezirksamt Reinickendorf. Als im Winter die Zentralheizung ausfiel, musste ein kleiner Kohleofen ausreichen. "Wir haben mit Hut und Mantel am Schreibtisch gesessen. Einer von uns musste immer schon morgens um sechs Uhr kommen und anfangen zu heizen", erzählt er.
Nicht alle Berliner seien verzweifelt gewesen: "Das Leben musste weitergehen, so oder so. Ich habe damals meinen Führerschein gemacht - nach nur fünf Fahrstunden, denn Benzin war Mangelware."
Trotz der schlechten Versorgungslage zog er es vor zu bleiben. "Wir haben manchmal Nacktschnecken im Garten gesammelt und auf einem Blech im Ofen gebraten, um etwas im Magen zu haben. Sie wurden ganz knusprig."
Die Eröffnung des Flughafens Tegel am 5. November 1948 nach nur 90 Tagen Bauzeit sei ein wichtiges Zeichen gewesen: "Man wollte den Berlinern Mut machen und signalisieren: 'Wir schaffen das schon!'." Auch die Kabarettsendung "Die Insulaner", die von 1948 bis 1964 im Berliner Sender Rias lief, sollte den Durchhaltewillen stärken, so Omankowsky: "Damals hieß es, dass Berlin im Moment eine Insel sei, aber bald wieder zum Festland gehören würde."
Die Blockade bewirkte seiner Ansicht nach auch Positives: Die Berliner und die westlichen Siegermächte seien in den elf Monaten enger zusammengerückt, "aus Besatzern wurden plötzlich Freunde". Seine Wohnung lag in der Einflugschneise von Tegel, sagt Omankowsky, von früh bis spät habe es von oben gebrummt. "Gestört hat mich das aber nie. Man machte sich eher Sorgen, wenn es in der Luft auf einmal still wurde."