Luftfahrtgeschichte: Erst Underdog, dann Überflieger
Luftfahrtgeschichte Erst Underdog, dann Überflieger
Die "fixe Idee" eines englischen Adligen hatte die Massen schon seit Monaten elektrisiert. Alfred Harmsworth, seines Zeichens 1. Viscount of Northcliff und Verleger der "Daily Mail" setzte 1908 einen unerhörten Preis aus: Derjenige, dem es als Erstem gelänge, mit einem Flugzeug den Ärmelkanal zu überqueren, sollte 1000 Pfund Sterling erhalten. Eine unerhörte Summe, in heutiger Währung ausgedrückt etwa 100.000 Euro.
Technik-Freak Harmsworth war zu seiner Stiftung unter anderem durch die triumphalen Show-Flüge des Amerikaners Wilbur Wright inspiriert worden. Der Konstrukteur hatte seit Mitte 1908 auf dem Truppenübungsplatz Anvours in der Nähe der französischen Stadt Le Mans öffentlich demonstriert, dass der menschliche Traum vom Fliegen keine Illusion mehr war. Nach anfänglichen Wochen der Pannen und des Spotts steigerte Wright seine Flugleistungen kontinuierlich: Anfang August unternahm er erste erfolgreiche Kurzflüge, Mitte Dezember erreichte er eine Flughöhe von 115 Metern und legte fast hundert Kilometer Strecke zurück, zu Silvester gelang es ihm sogar, seinen Doppeldecker über zwei Stunden und 124 Kilometer in der Luft zu halten. Wilbur Wright flog immer neue Rekorde, beförderte schließlich Passagiere und begann Schüler auszubilden.
Doch gemeinsam mit seinem Bruder und Partner Orville mochte er nicht auf die Harmsworth-Offerte einsteigen, selbst als dieser einen persönlichen Zusatzbonus von 1500 Dollar und eine lukrative Ausstellung der Wright'schen Fluggeräte in London in Aussicht stellte. Zu gut lief das Geschäft mit den Flugschülern, zu hoch schätzte Wright das Risiko des Scheiterns und des damit verbundenen Imageschadens für seine aufstrebende Firma ein.
Drei Kandidaten und ein Kriegsschiff
So verging über ein Jahr bis sich im Juni 1909 endlich drei mutige Kandidaten gefunden hatten, die von der französischen Küste aus das Unternehmen "channel crossing" wagen wollten. Erstens: Graf Charles de Lambert, ein russischer Aristokrat mit französischen Wurzeln, der zwei Wright-Flieger besaß und als einer der talentiertesten Schüler des Luftfahrtpioniers galt. Zweitens: der in Frankreich lebende englische Sportsmann Hubert Latham mit seinem eleganten Antoinette-IV-Eindecker. Und drittens: der Franzose Louis Blériot, der sich schwer verschuldete, um für das Rennen seine Eigenkonstruktion, den Eindecker Blériot XI, fertigzustellen.
Alle Kandidaten ließen sich mit ihren Vorbereitungsteams in der Nähe von Calais nieder, wo der Kanal am schmalsten ist. Luftlinie nach Dover: 34 Kilometer.
Selbstverständlich waren sämtliche Hotels - sowohl auf der französischen als auch der englischen Seite - zu diesem Zeitpunkt ausgebucht. Jeder wollte bei diesen historischen Flugeinlagen unbedingt live dabei sein. Die Zeitungen, allen voran natürlich Harmsworths "Daily Mail", überschlugen sich und berichteten ausführlich über jede Kleinigkeit der Vorbereitungen. Die französische Regierung stellte sogar extra ein Kriegsschiff für eine eventuell nötige Rettung der Kontrahenten zur Verfügung.
Unglück beim Übungsflug
Die Spannung vor Ort stieg ins Unermessliche. Alle Teilnehmer beobachteten genau Wetter und Windverhältnisse und lauerten auf den frühesten, aber zugleich auch günstigsten Augenblick, um endlich durchzustarten. Lambert wagte schließlich als Erster einen Vorstoß, doch bei seinem Übungsflug stürzte der Doppeldecker ab und wurde massiv beschädigt, so dass der Russe seine Meldung wieder zurückziehen musste.
So war es Hurbert Latham, der am 19. Juli 1909 den ersten ernsthaften Versuch unternahm. Begleitet von zahlreichen Booten und beobachtet von Menschenmassen auf den Straßen von Dover startete er von der Steilküste bei Sangatte aus. Alles lief reibungslos - bis elf Kilometer vor der englischen Küste, in einer Flughöhe von etwa 300 Metern, plötzlich der 50 PS starke V8-Motor aussetzte. Latham gelang es nicht, die Maschine neu zu starten, so dass er mit seiner Antoinette sanft zu Boden segelte und im Wasser landete. Als die französische Zerstörer-Eskorte das schwimmende Wrack einige Minuten später erreichte, fand man Latham unverletzt in seinem Flieger vor. Er rauchte nonchalant eine Zigarette. Zurück in Calais, wo er am Hafen als Held gefeiert wurde, erklärte er selbstbewusst: "Der Kanal wird besiegt werden. Ich werde es erneut versuchen und erfolgreich sein!"
Die Chance für Anwärter Nummer drei? Auguste Louis Charles-Joseph Blériot, 37-jähriger studierter Ingenieur und langjähriger Konstrukteur und Verkäufer von Autoscheinwerfern, galt von Beginn an als krasser Außenseiter. Der schmächtige Mann war nicht gerade ein talentierter Pilot und ein noch schlechterer Unternehmer. Das Fliegen hatte er als Autodidakt nach dem Trial-and-Error-Prinzip mehr schlecht als recht erlernt. Seine vielen aufwendigen Experimente, seine zahlreichen Flugzeugkonstruktionen und seine Unfälle hatten ihn an den Rand des Konkurses geführt. Auch in die Konstruktion seines "Wettkampf-Modells" und elften Prototyps, die "Blériot XI", hatte er seit 1905 ein Vermögen gesteckt und dabei auch die Gelder seiner Frau Alicia aufgebraucht.
Der Underdog - ein Überflieger?
Der acht Meter lange Eindecker mit einer Flügelspannweite von 7,80 Metern war mit einem 25 PS-Anzani-Motor ausgerüstet und mit Abstand die schwächste und am wenigsten erprobte aller startenden Maschinen. Wie sollte Blériot mit dieser Kiste bloß nach Dover gelangen? Zumal auch noch sein körperlicher Zustand für ein dickes Fragezeichen sorgte: Bei einem Testflug hatte er sich einen Fuß schlimm verbrannt, als eine Benzinleitung gerissen war, so dass er in seinem Camp auf Krücken hinkend umher stakste. Helden sehen anders aus.
Während also Favorit Latham eine zweite Antoinette organisiert hatte und sich relativ gelassen und siegessicher auf einen neuerlichen Versuch vorbereitete, beobachtete Blériot weiter gespannt das Wetter. Nach einem kurzen Testflug entschloss er sich im Morgengrauen des 25. Juli 1909, exakt um 4.35 Uhr, trotz seiner Verletzung und ungünstig-böiger Winde zum Start. Als das Latham-Lager realisierte, dass Blériot nicht wieder nur testen wollte, sondern tatsächlich die Überquerung versuchte, war es schon zu spät, ihn zu jagen.
Mit einer Höchstgeschwindigkeit von gerade einmal 65 km/h und einer durchschnittlichen Flughöhe von 100 Metern zuckelte Blériot über den Kanal. Zunächst sah er unter sich noch die "Escopette", das kleine Begleitschiff, auf der auch seine Frau mitfuhr. Doch schon Minuten später war Blériot allein und die Küste außer Sicht. Etwa auf halber Strecke hatte er ohne Kompass und sonstige Instrumente die Orientierung verloren und war, sich später herausstellte, vom geplanten Kurs abgekommen, zu weit nach Osten geflogen und drohte auf die offene Nordsee abzudriften.
Schutzengel an Bord
Nun kam dem risikofreudigen Piloten das Glück zur Hilfe: Schon leicht in Panik entdeckte er unter sich wieder Schiffe, die auf einen Hafen zuhielten. Dover, so betete er. Erst als aus dem Dunst die weißen Kreideklippen auftauchten, wusste er, dass er erhört worden war. Doch die Küste rückte wieder in weite Ferne. Blériot registrierte, dass sein Motor überhitzte. Als er schon überlegte, wie er wohl am besten notwassern könnte, kühlte ein plötzlich einsetzender Regenschauer die Maschine wieder ab. Spätestens jetzt wusste Blériot, dass in seinem Einsitzer noch irgendwo ein Schutzengel als blinder Passagier mitflog. Zwar geriet auch die Landung vor einer Handvoll Augenzeugen auf englischen Boden noch ein wenig brenzlig, so dass Propeller und Fahrwerk stark beschädigt wurden, doch der Franzose hatte es geschafft. 37 Minuten nach seinem Start setzte er bei der Ortschaft Northfall Meadow nahe des Dover Castle auf einer Wiese auf - er hatte als erster Mensch den Kanal überflogen.
Der Überflug wurde überschwänglich gefeiert. Noch am selben Tag gab es einen Triumphzug durch London, später ließ man auch in Paris den Landsmann und neuen Nationalhelden hochleben. Verleger und Sponsor Harmsworth ließ die "Daily Mail" titeln: "England is no longer an island!" Einige Jahre später erklärte der britische Luftfahrtpionier Sir Alan Cobham rückblickend auf den 25. Juli 1909 sorgenvoll: "Der Tag, an dem Blériot den Ärmelkanal überflog, war der letzte Tag unserer Sicherheit als Inselvolk und der erste Tag, an dem Großbritannien sich nach anderen Formen der Verteidigung als der Seefahrt umsehen muss."
Blériot selbst hingegen war alle Sorgen los. Nicht nur die Prämie hatte seine Finanzen saniert. Sein historischer Flug leitete einen wahren Flugzeugboom ein und brachte ihm binnen eines Monats 100 Bestellungen für seine XI ein. Blériot wurde zum ersten kommerziellen Flugzeug-Produzenten.