"Mach 2"-Testpilot Scott Crossfield - DER SPIEGEL
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Überschallpilot Scott Crossfield: Aus eins Mach zwei

Foto: Courtesy Photo / Nasa

Überschallpilot Scott Crossfield Aus eins Mach zwei

Sturzflug mit 2000 km/h: 1953 flog der US-Testpilot Scott Crossfield als erster Mensch doppelt so schnell wie der Schall - und wurde zum Helden. Dabei fühlte sich der Pionier vor seinem spektakulären Rekordflug so schlecht wie selten.
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Vor dem wichtigsten Flug seiner Karriere hätte sich Scott Crossfield vermutlich am liebsten übergeben. Ein flaues Gefühl im Magen plagte den Testpiloten, die Nacht war eine Qual, eine Grippe hatte den Flugpionier heimgesucht und ihn beinahe lahmgelegt. "Aber es war nicht so wichtig, wie ich mich fühlte", schrieb er später in seinen Memoiren, "denn mein Geist und mein Körper mussten nur für vier kritische Minuten mit voller Leistung arbeiten."

Einen Tag nach dem großen Ereignis umzingelten Reporter mit gespitzten Bleistiften den Piloten in einem Hotel in Los Angeles, Fotografen feuerten ein Blitzlichtgewitter vor seinem Gesicht ab - und alle wollten nur eins wissen: Wie ging es Scott Crossfield? Doch dieser hatte sich schlichtweg nicht auf die Frage vorbereitet. Und so sagte Crossfield, was ihm am ehrlichsten erschien: "Ich fühlte mich gestern nicht sehr gut. Ich hatte Grippe. Und heftige Bauchschmerzen."

Als er am Abend an einem Kiosk in L.A. vorbeistreifte, starrte er baff auf die Titelseite der Abendzeitung. Über acht Spalten gestreckt stand da:

"PILOT FLIEGT MACH 2

UND BEKOMMT BAUCHSCHMERZEN"

Am 20. November 1953 flog Albert Scott Crossfield als erster Mensch in der Geschichte mit doppelter Schallgeschwindigkeit. Es war eine Zeit des Geschwindigkeitsrauschs: Gut sechs Jahre zuvor hatte der Fliegerveteran Chuck Yeager als erster Mensch offiziell die Schallmauer durchbrochen.

Im Juli 1951 flog Bill Bridgeman für das National Advisory Committee for Aeronautics (NACA, Vorläufer der Weltraumbehörde Nasa) erstmals 1,88 Mach, einen Monat später explodierten zwei millionenteure Raketenflugzeuge der Air Force, die dafür ausgelegt waren, zweieinhalbfache Schallgeschwindigkeit zu fliegen. Beide Piloten überlebten.

Für Ruhm - und Regierungsgelder

Crossfield war im Juni 1950 als Testpilot zur NACA nach Edwards in Kalifornien gekommen, wo er zwei- oder dreimal am Tag Überschallmaschinen mit Namen wie "X-1", "X-4" oder "XF-92" durch den Himmel jagte.

1953 hörten die Flugzeugforscher der NACA über Ecken, dass die Air Force an einem neuen Raketenflugzeug schraubte, und Chuck Yeager an seinem zweiten Schallmauerrekord arbeitete - 50 Jahre nach dem ersten motorisierten Flug der Gebrüder Wright. Die Presse lechzte nach einem neuen Rekord - und die NACA nach frischen Forschungsgeldern. Sie wollte den Konkurrenzkampf mit der gut ausgestatteten Air Force nicht verlieren.

Zwar tüftelte Crossfield für die NACA an etwas Großem - einem Super-Jet namens "X-15", der Flughöhen von über 100 Kilometern erreichen und sechsmal so schnell wie der Schall fliegen sollte. Allerdings steckte die "X-15" noch in der Entwicklungsphase. Für einen schnellen Rekord - pünktlich zum Jubiläumsjahr - musste die NACA nehmen, was da war. Und die "Skyrocket" war das beste Pferd im Rennstall des Forschungskomitees.

Anfangs kam die NACA, die der US-Marine zugeteilt war, gar nicht auf die Idee, Crossfield für den Rekordflug einzusetzen, obwohl der die "Skyrocket" schon Dutzende Male erfolgreich getestet hatte. Im Sommer versuchte Marion Carl, ein altgedienter Marineoberst, mit der "Skyrocket" einen neuen Geschwindigkeits- und Höhenrekord aufzustellen. Das eine klappte, das andere nicht: 25.500 Meter hatte der Oberst in dem Raketenflugzeug erreicht - und damit die Höhenmesslatte um 1800 Meter nach oben verlegt. Mach 2 zu knacken, gelang ihm allerdings - auch in einem zweiten Versuch - nicht, weil Carl schlichtweg die Erfahrung mit der eigenwilligen Maschine fehlte. Und so verhallte auch der Höhenrekord, ohne großes Aufsehen zu erregen.

Mit Wachs und Klebeband gegen den Luftwiderstand

Danach schwenkte die NACA auf ihren nächsten Kandidaten um: Scott Crossfield. Sie erteilte ihm den Befehl, die "Skyrocket" auf Mach 2 zu beschleunigen. Crossfield bekam für seinen Rekordflug nur einen einzigen Versuch. Ein weiteres Scheitern wäre für die NACA zu teuer gewesen, ganz abgesehen von der öffentlichen Schmach.

Bei den Vorbereitungen tat das Mechanikerteam um Crossfield daher alles, um Gewicht einzusparen und den Luftwiderstand zu verringern. Die Bodenmannschaft wachste die glänzenden weißen Flügel und den Rumpf der D-558-II komplett ein, über jeden noch so kleinen Riss wurde Kunststoffband geklebt. Ein paar Röhren aus Stahl wurden durch dünnes Aluminium ersetzt.

Dann kam der Tag, an dem Crossfield berühmt werden sollte - und ihm Bauch und Kopf mächtig schmerzten.

Das Rekord-Raketenflugzeug konnte auch vom Boden aus starten, um jedoch Überschallgeschwindigkeit zu erreichen, musste es von einem anderen Flieger auf etwa zehn Kilometer Höhe geschleppt und ausgeklinkt werden. Dort ist der Luftwiderstand wesentlich geringer als am Boden. Am Steuer des Mutterflugzeugs, ein Langstreckenbomber vom Typ "B-29", saß Stan Butchart, ein alter Studienfreund Crossfields.

Im Cockpit rauschte und schepperte es wie wild

Als die "B-29" etwa 3000 Höhenmeter erreicht hatte, kletterte Crossfield vom Rumpf des Mutterflugzeugs in das Cockpit der "Skyrocket". Crossfield bereitete seine Stoppuhr vor, jede Bewegung, die nach dem Abwurf folgte, musste genau getimt sein. Dann legte er einen Schalter auf der Instrumentenkonsole um - und gab das Signal für "startbereit".

"Ich lasse an!", rief Crossfield übers Funkgerät.

"Fünf, vier, drei", tönte es ihm entgegen.

"Zwei, eins - LOS!"

Wie ein Fahrstuhl sackte die "Skyrocket" nach unten. Um Schub zu bekommen, zündete Crossfield per Knopfdruck die Raketenbrennkammern der "Skyrocket". Wie geplant schoss die Maschine nach oben, und der Horizont verschwand aus Crossfields Sichtfeld.

Die Raketenbrennkammern würden etwa 200 Sekunden volle Leistung geben, das wusste Crossfield. In diesen 200 Sekunden musste der grippegeplagte Pilot funktionieren. Es waren die Sekunden, die aus Crossfield einen der größten Flughelden seiner Zeit machen konnten - oder ihn und die NACA zur Lachnummer. Stumm betete er zu Gott: "Lass mich diesen Flug nicht verpatzen".

In 21.600 Metern Höhe drückte Crossfield den Steuerknüppel nach vorne, um zum Sturzflug anzusetzen. Genauso hatten es ihm die Experten am Boden vorher geraten. Im Cockpit rauschte und schepperte es wie wild, dann durchbrach Crossfield die Schallmauer - und beschleunigte weiter. Kräftig durchgeschüttelt schaute der Testpilot auf die Geschwindigkeitsnadel seines Messgeräts, das sich immer weiter dem magischen Wert von 2,0 näherte: 1,7 - 1,8, - 1,9. Am Ende zeichnete der Geschwindigkeitsmesser 2078 Kilometer pro Stunde auf - also sogar ein bisschen über Mach 2.

Der Drei-Wochen-Rekord

Gluckernd setzte das Raketentriebwerk aus, der Superantrieb hatte 207 Sekunden durchgehalten. Langsam zog Crossfield die Nase der "Skyrocket" aus dem Sturzflug wieder nach oben, um sich für die Landung vorzubereiten. Wie geplant, setzten die Räder auf einem ausgetrockneten Seebett in der Mojave-Wüste auf. Er hatte es allen gezeigt: seinen Kollegen bei der NACA und den Tüftlern der Air Force.

Mit einem Flug war Crossfield weltweit zum König der Lüfte geworden, Dutzende Magazine wollten über ihn und sein Leben berichten.

Sein Rekord hielt nur drei Wochen. Am 12. Dezember 1953 flog Chuck Yeager, Crossfields Rivale von der Air Force, mit einer "X-1A" 2594 Kilometer pro Stunde - Mach 2,44.

Zum Weiterlesen:

Scott Crossfield, Clay Blair: "Testpilot der X-15. Leben, Leistung, Siege eines Pioniers der Weltraumfahrt", A. Müller Verlag, 1962, 360 Seiten.

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