Magdeburger Dom - DER SPIEGEL
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Magdeburger Dom: Mit dem Wassereimer im Feuersturm

Foto: Harald Niedergesäß/Helmut Otto

Magdeburger Dom Mit dem Wassereimer im Feuersturm

Unter Einsatz ihres Lebens beschützten Magdeburger Bürger im Januar 1945 das Wahrzeichen ihrer Stadt: Um eine Brandbombe zu löschen, stieg Helmut Otto zusammen mit zwei anderen 15-Jährigen auf das Dach des Gotteshauses. Was er von dort oben sah, konnte er bis heute nicht vergessen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Tag hatte schon mit einem Luftalarm begonnen, dem ein leichter Angriff folgte. Am Abend des 16. Januar 1945 heulten in Magdeburg dann erneut die Sirenen. Wie immer in einem solchen Fall gingen meine Eltern und ich zum Luftschutzraum im Dom. Außer den Anwohnern waren dort im Nordturm auch einige der bedeutendsten Skulpturen des Domes untergebracht, wie die klugen und törichten Jungfrauen, der Elisabethaltar, Mauritius und Katharina. Unsere Nachbarn, die etwas später eintrafen, berichteten, dass die Alliierten bereits "Christbäume" gesetzt hätten. Das waren Leuchtfeuer zur Markierung des Zielgebietes für die Bomber. Kurz darauf begann der Angriff. Welle auf Welle luden die Bomber ihre todbringende Last ab. Es war das Inferno. Und wir konnten nur abwarten, ob wir verschont blieben.

Als die letzten Einschläge verklungen waren, schauten wir vorsichtig nach draußen. Es blieb ruhig. Um uns herum brannten mehrere Häuser. Nun würde es auf uns ankommen. Auf die Feuerwehr. Auf mich.

Für den Ernstfall hatten wir geprobt: Ein halbes Jahr zuvor war ich in Magdeburg der "Feuerlöschgruppe Dom" beigetreten. Der Chef war ein Berufsfeuerwehrmann. Ansonsten bestand die Truppe aus etwa einem halben Dutzend älterer Männer, die in umliegenden Behörden arbeiteten oder in der Nähe wohnten, sowie drei 15-Jährigen. Ich war einer der Jungs. Unser Hauptgerät war eine Motorspritze, abnehmbar montiert auf einem zweirädrigen Gestell mit großen Stahlreifen. Bei Übungen hatte sie eine gute Leistung gezeigt: Spritzwasserhöhe 20 bis 30 Meter.

Feuer auf dem Domdach

Doch dann der Schreck: Eine Probe am Hydranten ergab, dass die Wasserversorgung zusammengebrochen war. Das Löschwasserbecken am Nordrand des Domplatzes war vereist. Unsere Motorspritze war also nutzlos. Dennoch gelang es bald, ein Dach am Zwischengang zur Dom-Sakristei zu löschen. Das Küsterhaus hingegen war nicht mehr zu retten.

Schließlich erblickten wir, dass auch der Dachfirst in der Mitte des Domes Feuer gefangen hatte. Der Chef unserer Löschgruppe und wir drei Jungen stiegen zum Dach des Domes auf. Zur Erkundung wurde ich auf den äußeren Dachumgang geschickt. An verschiedenen Stellen im Dom waren vorsorglich Behälter mit Sand sowie mit Salz eisfrei gehaltenes Wasser bereitgestellt worden. Eine Brandstelle am Fuß des Daches an der Südseite ließ sich so zum Glück leicht mit Löschsand bekämpfen.

Mit Wasserreimern und Handspritzpumpen arbeiteten wir uns über Leitern und Dachbalken zum eigentlichen Brandherd vor. Das war nicht ungefährlich. Auf den Balken lag viel Staub, der durch das Spritzwasser matschig und rutschig geworden war. Schließlich gelang es uns tatsächlich, mit unserer primitiven Ausrüstung das Feuer zu löschen. Durch das Brandloch im Dach sahen wir schließlich nach draußen auf die Stadt - und hatten den bis heute furchtbarsten Anblick vor uns: Ein ungeheurer Feuersturm tobte über der Altstadt. Hinter der Nordwestecke des Domplatzes stand das sogenannte Zeughaus, eine frühere Kirche, in Flammen. Der Dachstuhl brannte hoch und brach dann zusammen. Überall um uns herum gingen Häuser in Flammen auf.

Wo waren die Helfer?

Vom Dach herabgestiegen, fand ich meine Eltern im Luftschutzraum. Sie hatten zwischenzeitlich nach unserem Haus gesehen und konnten berichten, dass das Vorderhaus durch eine Sprengbombe zerstört sei, das Hinterhaus aber, in dem wir wohnten, noch stand. Ich ging selbst dorthin, um mich zu vergewissern - da sah ich nun auch unser Hinterhaus in Flammen. Auch die Familien der beiden anderen Jungen, die mit mir auf dem Domdach gestanden hatten, waren ausgebombt.

Später machte ich noch eine traurige Entdeckung: In den Diensträumen der Kirche war zu jener Zeit ein Trupp deutscher Soldaten untergebracht, die bei den abendlichen Luftangriffen mit helfen und retten sollten. Ich erinnere mich nicht, nach dem Angriff an jenem Abend auch nur einen der Soldaten bei den Rettungsarbeiten gesehen zu haben. Stattdessen fanden wir in ihrem "Wachbuch", das die Domgemeinde heute besitzt, für den 16. Januar 1945 folgenden Eintrag: "Keine besonderen Vorkommnisse."

Unsere Löschgruppe war nach diesem Angriff praktisch aufgelöst. Gezwungen, eine neue Bleibe zu finden, zerstreuten sich die meisten Mitglieder. Auch die Soldaten kamen nicht mehr zum "Wachdienst". Bomben fielen in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs noch mehrmals auf Teile des Magdeburger Domes, eine zerstörte im März 1945 auch die Orgel. Zu Schaden kam niemand, der Luftschutzraum blieb verschont.

Noch heute bin ich froh und dankbar, dass "mein" Dom insgesamt erhalten geblieben ist.