Marlene-Dietrich-Dokumentation: Telefonterror von der Diva
Marlene-Dietrich-Dokumentation Telefonterror von der Diva
"Ich bin zu Tode fotografiert und zu Tode biografiert worden", klagte Marlene Dietrich 1983 in der Dokumentation von Maximillian Schell, für die sie sich folgerichtig dann auch nicht mehr fotografieren oder gar filmen ließ. Nur ihre Stimme durfte Schell noch verwenden. Er ist wohl der Letzte, der sie darum um Erlaubnis bat. Sein Film galt lange als einzige Quelle für Informationen über den bizarren Lebensabend der einstigen Hollywood-Ikone - neben der Biografie ihrer Tochter Maria Riva.
Doch während Schell lediglich sechs Tage mit Marlene Dietrich in ihrer Pariser Wohnung verbrachte und ihre Gespräche aufzeichnete, haben andere ihr jahrelang am Telefon zugehört und per Anrufbeantworter viele Tondokumente der Dietrich gesammelt.
"Ein Mythos ruft an", betitelte im vergangenen Jahr der Journalist Peter Bermbach einen Artikel in der "FAZ", in dem er von seiner Telefon-Beziehung zur Dietrich berichtet. Sie begann 1984, als die Grand Dame des Films aus Geldnot nach einem Autor suchte, der ein Interview mit ihr machen und es für sie verkaufen würde. Auch er hob die vom Anrufbeantworter aufgezeichneten Tondokumente auf und veröffentlichte sie.
Für eine Dokumentation, die 2012 zusammen mit dem französischen Fernsehen entstand, öffnete der Radiojournalist Louis Bozon sein persönliches Marlene-Archiv. Zahllose Briefe hat er aufgehoben und viele Telefonate gesammelt.
Die Angst vor der Einsamkeit
Bozon lernte die Dietrich Mitte der sechziger Jahre kennen und wurde zu einem ihrer engsten Vertrauten. In den letzten 15 Jahren, die sie für die Außenwelt beinahe unsichtbar in ihrer Pariser Wohnung verbrachte, war er einer der Wenigen, die sie dort besuchen durften.
In Bozons Archiv gibt es Aufnahmen, auf denen Dietrich doziert, sich empört, entschuldigt, mal mit bestimmtem Ton, mal brüchig, oft quälend langsam. Sie ringt nach Worten, ihre Artikulation ist schwerfällig - zu viel Alkohol, zu viele Tabletten. Man hört eine einsame Frau, die darum bittet, nicht verlassen zu werden.
Was könnte den Ruf eines Menschen dauerhafter zerstören als die Veröffentlichung solcher Momente der Schwäche? Zeitlebens hat die Diva darauf geachtet, das perfekte Bild der "Dietrich" aufrechtzuerhalten. Fotos oder gar Filmaufnahmen ihrer letzten Jahre hat sie - bis auf eine Ausnahme - streng untersagt. Aber ihre Stimme, die verrät, dass in der Pariser Wohnung eine alte Frau lebte und keine ewig junge Schönheit, kann nun jeder hören. Doch seltsamerweise will sich kein Unbehagen einstellen.
Mitleid mit der Tyrannin
Das Telefon verband Marlene Dietrich mit der Außenwelt. Die Liste ihrer Telefonpartner las sich wie das Who's who der Mächtigen: Darauf waren etwa die Queen, Michail Gorbatschow oder Ronald Reagan - dessen letzter Anruf aus dem Weißen Haus ihr galt. Mit dem Hörer am Ohr betrieb sie Außenpolitik, berichtet ihre Tochter Maria Riva. "Ich vermisse die Anrufe", sagt sie im Interview mit dem Filmemacher Dominique Leeb. "Dass ich nachts um 4 Uhr geweckt werde, das nicht, aber ihre Anrufe an sich." Bis zu 30-mal am Tag hatte die bettlägerige Diva ihre Tochter angerufen. Selten ging es um sie selbst, meist um Dinge, die gerade in der Welt passierten, in der Zeitung standen oder die sie im Radio gehört hatte.
"Sie war tyrannisch, sogar in ihrer Abwesenheit", sagt Bozon, aber es klingt nicht vorwurfsvoll. Wenn er heute erzählt, dass die einzige Möglichkeit, die herrische Diva in die Schranken zu weisen, die Verweigerung von Anrufen und Briefen war, dann schwingt viel Bedauern und Mitgefühl mit. Der Mythos wird menschlich. Eine Legende erfüllt sich postum mit Leben.
Was anderen den Ruf ruiniert hätte, wirkt bei Marlene Dietrich ganz anders. Selbst die schwierigen emotionalen Facetten der Schauspielerin, die Jahre nach ihrem Tod zum Vorschein kommen, können dem Bild der Diva nichts anhaben - ganz im Gegenteil.
Zum Weiterschauen:
Dokumentation von Dominique Leeb, "Marlene - Ein Engel in der Dämmerung".