Marvel Comic-Helden: Captain America, Spider-Man, Hulk & Co - DER SPIEGEL
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Marvel Comics: Die unglaublichen Helden des Stan Lee

Foto: Ivan Briggs/ TASCHEN

Marvel Comics "Mann oder ein Monster?"

Legionen von Superhelden bevölkern das Marvel-Universum. Und tragen ihre Kämpfe in Heften, Computerspielen und Filmen aus. Ein Bildband zum 75. Geburtstag von Marvel Comics zeigt die besten Szenen aus fast acht Jahrzehnten Comicgeschichte.
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Amerika brauchte einen Helden. Und Amerika sollte einen Helden bekommen. Im März 1941 ließ es Captain America bei seinem ersten Auftritt gleich richtig krachen: Mit einem mächtigen rechten Haken haut er Adolf Hitler um, nebenbei wehrt er lässig mit seinem Schild eine Kugel aus der Waffe eines Nazi-Schergen ab. Aus allen Rohren feuern unheimliche Gestalten in deutschen Uniformen auf den Comichelden, der sie bei ihren Machenschaften stört. In seiner Befehlszentrale war der "Führer" gerade dabei, in einer Mappe Sabotagepläne für die USA zu studieren, während im Hintergrund ein deutscher Soldat auf dem Bildschirm einen Sprengstoffanschlag auf eine amerikanische Munitionsfabrik überwacht.

Für zehn Cent konnten die Leser die Erstausgabe von "Captain America" erwerben - und mitfiebern beim Kampf der Comicfigur gegen die deutschen Bösewichte. Ersonnen hatten den in den Farben der amerikanischen Flagge gewandeten Supermann Jack Kirby und Joe Simon. Die beiden Comicschöpfer jüdischer Herkunft machten sich mit ihrer Figur, die als personifizierte USA den "Führer" verdrischt, nicht nur Freunde. Nach dem Erscheinen der Ausgabe erhielten die Zwei Drohanrufe deutsch-amerikanischer Nationalsozialisten. Die Polizei erschien, um Kirby und Simon zu beschützen. Und New Yorks Bürgermeister Fiorello LaGuardia sprach den beiden in einem Telefonat Mut zu. "Ihr Jungs leistet gute Arbeit da drüben", sagte das Stadtoberhaupt. "Die Stadt New York wird dafür sorgen, dass euch kein Leid geschieht."

Geld, viel Geld

Mit der Superheldenfigur Captain America feierte ein junger New Yorker Comicverlag einen weiteren großen Erfolg: Timely Comics. Bereits die erste Comicpublikation des Verlages, "Marvel Comics" vom August 1939, war ein Renner an den Verkaufsständen. Martin Goodman, das verkäuferische Talent hinter Timely, hatte zunächst 80.000 Exemplare drucken lassen. Nach nicht einmal zwei Wochen war die Auflage trotz einer katastrophalen Druckqualität ausverkauft. Schnell ließ Goodman 800.000 Exemplare nachdrucken.

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Dass sich mit Comics Geld, sogar viel Geld, verdienen ließ, hatte Goodman bei einem Konkurrenten abgeschaut. 1938 hatte der Verlag National Allied Publications, später als DC Comics bekannt, in seiner Reihe "Action Comics" einen wahren Verkaufsschlager zur Welt gebracht: Superman. Ein Jahr später zog Goodman mit seinen eigenen Superhelden nach. Die neuen Figuren des ersten Marvel-Comics - The Human Torch, The Angel, Masked Raider oder auch der Submariner - bereicherten die bisherige Comiclandschaft. Und sie sorgten für Umsatz bei Timely Comics. Jahre später benannte sich der Verlag um: Marvel war geboren.

Ein wahrer Held

Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings brachen für Marvel schwierige Zeiten an. Das Fernsehen avancierte zu einem ernsthaften Rivalen um die Aufmerksamkeit der Leser. Zudem galten Comics in den Fünfzigerjahren als Gefahr für die Jugend. Die Verlage gründeten die Comics Code Authority zur freiwilligen Selbstkontrolle. Verboten waren danach: Nacktheit, Fluchen und selbst die kritische Darstellung von Drogenkonsum. Die Folge: Die Comics und ihre Superhelden waren nunmehr sauber, ehrlich und rein im Kampf gegen das Böse, aber erschreckend wirklichkeitsfremd.

Es brauchte einen wahren Helden, um die Comics von den Fesseln der Zensur zu befreien. 1962 erweckten Marvel-Chefredakteur Stan "The Man" Lee und Steve Ditko Spider-Man, alias Peter Parker, als neue Marvel-Figur zum Leben. Der Biss einer radioaktiv verseuchten Spinne, und zack, verwandelte sich Parker in einen Superhelden. Allerdings in einen Helden mit allerlei Problemen in seinem Privatleben. Parker ist Waise, schüchtern und ein Mobbingopfer. Mit Spider-Man kehrte die Wirklichkeit zurück in die Comics. In der Ausgabe 96 des "Amazing Spider-Man" beispielsweise kommt es in Parkers Umfeld zum Drogenmissbrauch. Stan Lee nahm damit in Kauf, dass die Ausgabe ohne das Siegel der Comics Code Authority in den Verkauf ging. "Wenn wir fühlen, dass wir etwas zu sagen haben, dass die Geschichte unterstützt, ist es in Ordnung", erklärte Lee. Das Heft wurde verkauft, der Bann war gelockert.

Helden mit Furcht und Tadel

Wie Peter Parker zeichnen viele von Stan Lee und seinen Mitarbeitern geschaffene Helden tiefe Zweifel an sich selbst aus. Sie haben Komplexe, ihr Privatleben ist bestenfalls problematisch, sie selbst sind körperlich angeschlagen, wie zum Beispiel der blinde Daredevil. Die Heldenkräfte sind bisweilen gar eine Last. Im schlimmsten Fall haben sie ihre Fähigkeit nicht einmal unter Kontrolle. "Ist er ein Mann oder ein Monster", fragte das Titelbild des "Unglaublichen Hulks" aus dem Mai 1962 die Leser. "Oder ... ist er beides?"

Der Wissenschaftler Bruce Banner fährt nach einem Unfall mit Gammastrahlen bei jeder zornigen Erregung im wahrsten Sinne des Wortes aus der Haut - und verwandelt sich in den Hulk. Nur leider kann er ihn nicht kontrollieren…"Fantasy wie du es magst", behauptete Marvel auf der Titelseite des Hefts. Und sollte damit Recht haben: Die Leser liebten und lieben Marvels Superhelden mit ihren schwierigen Persönlichkeiten und Ecken und Kanten.

Schwergewichtig wie der Hulk

Gut 75 Jahre sind mittlerweile seit der Erstausgabe der "Marvel Comics" vergangen. Der Taschen Verlag präsentiert die Superhelden im Jubiläumsjahr in einem schwergewichtigen Prachtband in Übergröße, an dem sich selbst der Hulk einen Bruch heben könnte. Fast 2000 der besten Szenen aus 75 Jahren Marvel Comics finden sich auf den über 700 Seiten. Auf eine Länge von mehr als einem Meter bringt es allein die Zeitleiste, die die wichtigsten Stationen der Marvel-Superhelden darstellt.

Mit seinen Figuren sollte der Verlag die Comicgeschichte bis heute entscheidend mitgestalten. Seit 2009 gehören der Donnergott Thor, Captain America, die Fantastischen Vier, der Hulk, Iron Man Tony Stark, die X-Men, Daredevil und all die anderen Figuren, die seit langer Zeit nicht nur auf den Seiten der Comichefte ihre Kämpfe und inneren Konflikte austragen, allerdings zum Disney-Konzern. Der süße Bambi neben dem brutalen Punisher, die pfiffige Micky Maus neben dem grotesken Hulk - irgendwie schwer vorzustellen. Allein Donald Duck in seiner Rolle als Phantomias kann da noch mithalten. Irgendwie.