Mein erstes Handy: Die Coolness-Maschine
Mein erstes Handy Die Coolness-Maschine
Neulich vergaß ich mein Mobiltelefon auf einem anderen Kontinent. Weil ich das Handy relativ selten nutze, fiel mir das erst zwei Tage später auf, als ich den Koffer auspackte. Wieder eine Woche später ging ich los, um mir ein neues Gerät zu kaufen. Es ist mein drittes in zehn oder zwölf Jahren. Ich kaufe nur neue Handys, wenn meine alten Apparate kaputt gehen. Lange - "zu lange", sagen meine Freunde - hatte ich ein Handy, das andere Leute als Surfbrett benutzt hätten. Viele Menschen verspotteten mich deshalb, Mädchen sahen mich schief an, jemand nannte mich mal "Ziegenhirte", als er mein Telefon sah.
Aber dieser Mensch hatte gar nichts verstanden. Die Wahrheit war viel glamouröser: Ich fühlte mich mit diesem Gerät wie Don Johnson, ach was, ich war Don Johnson. Es war ein blaues Hartschalengerät und wäre auch als Kinderspielzeug durchgegangen. Es war etwa 15 Zentimeter groß, sah irgendwie grimmig aus und erinnerte an eine Storm-Trooper-Spielzeugfigur, die ich als Kind besessen hatte. Oben aus dem Gerät ragte eine Antenne, mit Plastik verstärkt, schwarz, so dick und lang wie der Zeigefinger eines Durchschnittsmitteleuropäers. Mit dem Gerät eine SMS zu schreiben dauerte etwa eine Woche, was nicht schlimm war, da ich SMS schreiben hasse. Ich habe in meinem Leben vielleicht 50 SMS geschrieben und denke bis heute, das diese Form der Kommunikation eher traurig ist. Man konnte ganz wunderbar mit dem Telefon telefonieren, es erfüllte seine Grundfunktion perfekt, hatte sonst aber nichts zu bieten.
Anrufli, Nervi, Rufli
Allerdings konnte man vermutlich auch fantastisch Angreifer damit erschlagen, denn es lag in der Hand wie ein Wackerstein und war zudem ähnlich schwer. Ich habe das aber mangels Angriffen nie ausprobiert. Ich mochte das Handy sehr.
Ich weiß, ich weiß, "Handy" ist ein schreckliches, erfundenes Wort, das englisch klingen soll, es aber nicht ist und dass Weltläufigkeit nur vorgaukelt. Andererseits: Im Jahr 1996 schrieb die "Gesellschaft für deutsche Sprache" einen Wettbewerb aus, um eine Alternative zum Begriff "Handy" zu finden. Eine Auswahl aus den Vorschlägen: Anrufli, Calli, Foni, Mini, Mobi, Nervi, Rufli, Sacki, Schnelli, Speaki, Telli, Tragi, Blendy, Fony, Ohrly, Porty, Talky, Trendy, Walky.
Furchtbarli, oder?
Dann doch lieber bei dem bleiben, was man hat. Mit dem Handy jedenfalls wurden mein Gang federnder, meine Schultern breiter, mein Lächeln routinierter. Ich war ein cooler Typ geworden. Ich bin mir sicher, dass ich mir das nicht einbildete, dank des mobilen Apparates war ich einfach ein lässiger Hund. Es ging damals ja, ähnlich wie heute, gar nicht so sehr um das Telefonieren. Die Pose war entscheidend, nicht der Empfang oder die Bequemlichkeit beim Sprechen. Viel wichtiger war, dass man das Telefon mit sich herumschleppte.
Schwarzhaarige Frauen im Bikini
So wie Don Johnsons Charakter Sonny Crockett in der fantastischen Cop-Serie "Miami Vice". Oder wie Ivan Calderon (das war der Böse). Crockett stand immer auf seinem Boot, seinen Alligator neben sich, er trug Slipper und weiße Anzüge mit Schulterpolster, sah in die untergehende Sonne, ein Glas Sekt/Champagner/Wein stand neben ihm auf dem Tisch, und irgendwie war ihm immer schwer ums Herz. In der Hand hatte er ein mobiles Telefon, so groß wie ein 14-jähriges Kind.
Oder Calderon: Der stand immer auf der Terrasse einer großen weißen Villa aus Sandstein, hinter ihm der Pool und zwei schwarzhaarige Frauen im Bikini, und sah in ein Tal, auf eine Stadt. Dabei heckte er Böses aus und grübelte, wie er Sonny Crockett überlisten konnte. In der Hand hatte er ein Telefon, so groß wie ein 14-jähriges Kind.
Großartig. Bei aller Gegnerschaft und Coolness hatten beide nämlich dasselbe Gerät, den Vorläufer aller modernen Handys: das DynaTAC 8000X.
Drogendealer, Menschenhändler, Wirtschaftsführer
Das Gerät kam 1983 in den USA auf den Markt. Es wog beinahe ein Kilogramm, hatte eine lange Antenne und war mit den Maßen von 33 x 4,5 x 8,9 Zentimeter fast so sperrig wie sein Name. Das ist länger als eine DIN-A-4-Seite! Sein Akku reichte für ganze 15 Stunden Stand-By-Zeit und eine knappe Stunde Gespräch. Der Designer des Dings trug den Namen Rudy Krolopp, was irgendwie nach Mafia klingt und sehr gut zu "Miami Vice" passt. Das DynaTAC 8000X war ein Statussymbol. Etwas für eine ganz spezielle Sorte Mensch: Drogendealer, Menschenhändler, Wirtschaftsführer. Es kostete 4000 Dollar, verkaufte sich 300.000 Mal und war damit noch ein billiger Kassenschlager.
Denn als 1958 das A-Netz in Deutschland in Betrieb gegangen war, galt es zwar als das seinerzeit modernste und größte Mobilfunknetz der Welt. Weil es allerdings noch auf der Röhrentechnik basierte, waren mobile Empfangsgeräte eher riesig. Um im Auto zu telefonieren, wurde der ganze Kofferraum benötigt. Weil das Gerät zudem etwa 15.000 Mark kostete, lag die höchste Teilnehmerzahl bei knapp über 10.000. 1977 wurde das A-Netz abgeschaltet.
Das B-Netz (1972-94) war da schon billiger (12.000 Mark) und weiter verbreitet (27.000 Teilnehmer). Das C-Netz startete in Deutschland im Jahr 1985. Der Hauptunterschied zum bisherigen B-Netz war, dass es sich um ein zellulares System handelte. Durch die Vielzahl von Basisstationen waren geringere Sendeleistungen erforderlich, dies bedeutete geringeren Stromverbrauch, weniger erforderliche Akkukapazität und somit kleinere Geräte. Außer den bis dahin üblichen, fest eingebauten Autotelefonen gab es auch bald tragbare Geräte, etwa in der Größe eines Kofferradios, und schließlich - siehe oben - sogar Handys.
Geräte groß wie Godzilla
Die maximale Teilnehmerzahl im C-Netz betrug Mitte 1993 rund 803.000; zum Jahresende 2000 wurde das C-Netz in Deutschland abgeschaltet. Irgendwann mittendrin bin ich in das System "Mobiltelefonieren" eingestiegen, da gab es schon das D-Netz, zwei konkurrierende Anbieter (D1 und D2), aber eben auch noch Geräte groß wie Godzilla. Die Erstausstrahlung von "Miami Vice" lag da noch nicht lange zurück. Na ja, ehrlich gesagt lag sie schon ewig zurück, aber wegen all der Wiederholungen auf den mittlerweile existierenden Privatsendern hatte ich das Crockett-Gefühl nie verloren. Obwohl ich das genaue Kaufdatum meines ersten Handys vergessen habe, werde ich das Gefühl nicht los, dass damals etwas passiert ist, das mich kulturell tief geprägt hat.
Eines Tages ging das Gerät nicht mehr. Ich stand morgens auf, und es war kaputt. Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich mich fühlte, als wäre ein Freund gestorben, aber auf eine bestimmte Art war ich doch traurig, wusste ich doch spätestens jetzt, dass ich niemals ein Rennboot fahren und einen Alligator als Haustier habe würde.
Hase statt Alligator
Als ich kürzlich mein Handy Nummer drei kaufte - ich fahre mittlerweile einen Twingo und als Haustier habe ich einen Hasen (aber einen sehr coolen) - muss das frustrierend für die Dame im Laden gewesen sein. Ich wollte nur telefonieren, sonst nichts, aber leider gibt es ein solches Gerät nicht mehr. Mein neues Handy kann alles - aber ich habe noch nie eine einzige Funktion außer dem Telefonieren benutzt.
Warum auch? Zwar wird mit Mobiltelefonen immer noch gepost und angegeben, dass es knallt, aber die Lässigkeit ist gänzlich verschwunden. Das hat gar nichts mit der mangelnden Exklusivität zu tun, die ein Handy mittlerweile hat, und auch nichts damit, dass man die Geräte für kleines Geld hinterhergeworfen bekommt, eher schon mit Klingeltönen zum Downloaden und vor allem mit dem Inhalt der meisten Gespräche. Ich bin einigermaßen frustriert, von mir aus könnte man wieder mit Brieftauben kommunizieren. Aber man kennt das ja: Früher war alles besser.