Mein erstes Weihnachten - DER SPIEGEL
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Mein erstes Weihnachten: Das Ofenrohr in der Schokoladensuppe

Foto: Rolf Hackenberg

Mein erstes Weihnachten Das Ofenrohr in der Schokoladensuppe

Das erste Weihnachtsfest in der neuen Wohnung blieb Rolf Hackenberg in lebhafter Erinnerung - nicht nur der unerwarteten Geschenke wegen. Das neue Zuhause hielt für den damals Dreijährigen handfeste Überraschungen bereit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als unsere Eltern im Frühjahr 1956, ich war gerade mal drei Jahre alt, eine neue Wohnung bekamen, waren wir wahrscheinlich alle sehr glücklich. Ein Umzugswagen erübrigte sich, denn viel hatten wir nicht mitzunehmen aus diesem Einzimmerloch, das die Eltern seit einigen Jahren auf der Fischerstraße bewohnten. Wie so viele Familien in dieser Zeit, teilten wir uns eine Wohnung mit jemandem, in unserem Fall war es eine Tante Klara. Die bewohnte das hintere Zimmer einer Wohnung "auf der halben Treppe", also im Anbau des heruntergekommenen Altbaus, wo die Zimmer hintereinander lagen. Die Toilette befand sind auf dem Flur, ein Badezimmer gab es nicht.

Wir waren erst einige Wochen ausgezogen und das alte Haus schon für den Abriss eingezäunt, als es an einem Sonntagmorgen einfach in sich zusammenfiel. Vielleicht haben wir damals großes Glück gehabt.

Filzpantoffel-Rutschbahn

In der Augustastraße im Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort bezogen wir unser neues Zuhause. Als wir einzogen, war das Haus noch nicht ganz fertig, das Geländer im Hausflur fehlte noch und vor dem Haus lag noch ein Sandhaufen und daneben stand ein Becken mit gelöschtem Kalk. Es dauerte nicht sehr lange, bis ich bis zu den Unterschenkeln mitten in dem Kalk versunken war. Das war der Auftakt von allerhand Streichen, die ich mir mehr oder weniger unfreiwillig in der folgenden Zeit leistete.

Das fehlende Geländer im Hausflur hatte den Vorteil, dass der große Kohleofen für die Küche und der Küchenschrank problemlos in die Wohnung transportiert werden konnten. Später wäre wohl auch der Einzug des Wohnzimmer-Buffets unmöglich gewesen, das aus Echtholz war - und sehr schwer. Ikeamöbel kannte man zu dieser Zeit noch nicht, doch selbst wenn, hätte dafür wohl das Geld gefehlt, denn unsere "neuen Möbel" waren geschenkt und kamen aus allen Himmelsrichtungen in unser neues Zuhause. Dass wir wenig Eigenes besaßen, davon merkten wir als Kinder in diesen Jahren allerdings nichts. Andere Leute im Haus und auf der Straße hatten auch nicht mehr als wir. Teppiche gab es in der Wohnung ebenso wenig wie Auslegeware. Das Leben fand auf poliertem Estrichboden statt, auf dem wir herrlich mit unseren Filzpantoffeln rutschen konnten.

Überraschung in der Küche

Mit Spannung erwarteten meine Schwester und ich das erste Weihnachtsfest in der neuen großen Wohnung. Seit Wochen freuten wir uns darauf. Es hatte Anfang Dezember schon etwas geschneit, daher war es zur Adventszeit in der Wohnung besonders gemütlich, wenn abends die Kerzen auf dem Adventskranz brannten. Mutter nahm dann immer ein kleines Stückchen Tannengrün und ließ es über einer Kerze abbrennen. Ein herrlicher Duft zog durch die Wohnung und Vater schmiss noch einige Briketts in den Ofen.

Am Heiligabend baute ich zusammen mit meinem Vater zum ersten Mal einen Tannenbaum auf. Wir schmückten ihn mit selbst gebastelten Strohsternen und silbernen Kugeln. Am schwierigsten war das Anbringen der Kerzenhalter - für die echten Kerzen, Lichterketten gab es damals noch nicht. Mutter bereitete in der Zwischenzeit in der Küche eine leckere Überraschung zu. Auf dem Herd stand ein Topf mit Schokolade, die mit Milch verrührt zu einer köstlichen Schokoladensuppe heranschmurgeln sollte. Zusammen mit ein paar Weihnachtsplätzchen wollten wir die Nachmittag verdrücken. Am Abend würden wir uns dann erstmals alle zusammen am Wohnzimmertisch Würstchen mit Muttis selbstgemachtem Kartoffelsalat schmecken lassen und den Heiligabend genießen. Das Christkind sollte dann am nächsten Morgen, dem 1. Weihnachtstag, zu uns kommen.

Der Baum war gerade fertig geschmückt, als meine Mutter uns in die Küche rief, um das leckere Schokoladensüppchen zu kosten. Wir hatten gerade alle am Küchentisch Platz genommen, als ein ungewöhnliches Geräusch aus dem Kamin ertönte. Ein Zischen, ein Rumpeln, dann ein lautes "Plopp" und wie in Zeitlupe löste sich das Ofenrohr oben aus dem Kamin und fiel mit lauten Getöse auf den Herd. Eine schwarze Wolke verbreitete sich in der Küche und bedeckte alles mit einem schwarzen Film. Das Ofenrohr lag im Topf mit der Schokoladensuppe!

Das Christkind klingelt

Nachdem der erste Schreck vorüber war, sahen wir uns verwundert an, jeder hatte ein schwarzes Gesicht und wir mussten lachen. Ohne das schwarze Loch in der Wand aus den Augen zu lassen entfuhr es meiner kleinen Schwester: "Kommt jetzt das Christkind?"

Nach ausgiebigen Aufräumungsarbeiten und Rettung der nicht gänzlich verrußten Plätzchen wurde der restliche Nachmittag mit einem Glas Milch im Wohnzimmer beendet.

Vielleicht ergab sich auch daraus der Brauch in unserer Familie, den wir in den folgenden Jahren unserer Kindheit so freudig erwarteten. Denn am Morgen des ersten Feiertages waren die Eltern schon früh aufgestanden und hatten ganz leise die Schlafzimmertür geschlossen, damit wir nicht frühzeitig wach wurden.

Etwas später kam Mutter dann zu uns und weckte uns mit den Worten: "Hört mal, ich glaube das Christkind ist da." Dann hörten wir ein leises Klingeln, so hell wie ein Engelsstimmchen, das durch die Wohnung schwirrte. Mal näher, dann wieder etwas weiter weg, schien das Christkind hin und her zu fliegen. Vielleicht war es ja zu eng, um alle Weihnachtsgeschenke mit einem Mal durch den engen Kamin zu bugsieren.

Warten im kalten Schlafzimmer

Wir saßen gespannt in unseren Betten, immer dem Glöckchen lauschend, bis es leiser und leiser wurde und schließlich ganz verstummte. Dann durften wir aufstehen. Vater stand plötzlich in der Tür und wunderte sich, dass er gar nichts gehört hatte. Wir mussten die Augen schließen, die Eltern nahmen uns von hinten an den Schultern und führten uns in das Wohnzimmer, wo uns, aus dem eiskalten Schlafzimmer kommend, eine wohlige Wärme entgegen strömte, gepaart mit dem Duft von Tannengrün, Kerzenwachs und Spekulatius.

Wir öffneten die Augen und sahen zum ersten Mal den Tannenbaum im Kerzenlicht, das sich in den silbernen Kugeln widerspiegelte. Von draußen fiel das frühe Tageslicht fahl in unser Wohnzimmer, auf dem Fensterbrett hatte der frische Schnee eine kleine Schneewehe hinterlassen.

Zwei kleine Stapel

Dann fiel unser Blick auf die bunten Päckchen, die unter dem Weihnachtsbaum lagen, in zwei kleine Stapel sortiert. Auf dem einen Stapel lag eine kleine Puppe und auf dem anderen eine Bahnschaffnermütze. Aha, das waren meine Geschenke!

Ich bekam vor Aufregung knallrote Wangen, so dass ich aussah, als hätte ich Fieber. Dann setzte ich vorsichtig das Schaffnermützchen auf und begann wie meine Schwester, andächtig jedes kleine Päckchen zu öffnen. Im ersten fand ich gleich die Haltekelle, die unbedingt nötig ist für einen Schaffner, um den Fahrbefehl für den Zug zu geben. Im nächsten kam eine Wollmütze zum Vorschein, dann ein paar Fausthandschuhe und schließlich ein Schal. So viele Geschenke hatte ich bekommen, ich war der zufriedenste kleine Junge, den man sich vorstellen konnte. Dann wies mich mein Vater darauf hin, dass unter dem Tisch, auf dem der Weihnachtsbaum stand, noch ein Paket liege. Ich zog es langsam hervor, riss das Papier auf und staunte mit offenem Mund. War darin, was ich auf dem Kartondeckel erkennen konnte? Ungläubig hob ich den farbig bedruckten Deckel hoch und dann war es Gewissheit: Ich hatte meine erste Eisenbahn!

Es war noch nicht die von Märklin, sondern eine aus Weißblech, aber es gab Schienen, Weichen und einen Bahnhof. Vater hatte dazu aus Holz ein Bedienungspult gezimmert, mit dem ich an einem Drehrad den Zug steuern konnte. Die Bahn wurde noch am gleichen Tag aufgebaut, dann war ich für den Rest des Weihnachtsfestes nicht mehr zu sprechen. Auf einem kleinen Fußbänkchen sitzend, war ich nun der Chef der Eisenbahn, ausgestattet mit Mütze und Kelle und steuerte meinen Zug durch meine Welt, ungestört von Radio, Fernsehen oder Computerspiel. All das gab es noch nicht, so dass ich mich voll auf diese Fantasiewelt einlassen konnte, nur unterbrochen vom Ruf der Mutter, doch endlich zum Essen in die Küche zu kommen.