Meron Mendel - DER SPIEGEL
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Ali Ghandtschi

Meron Mendel

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Meron Mendel, geboren 1976 in Ramat Gan im Bezirk Tel Aviv, studierte Geschichte, Erziehungswissenschaften und Jüdische Geschichte in Haifa und setzte sein Studium in München fort. In Frankfurt am Main promovierte er mit einer erziehungswissenschaftlichen Arbeit über Lebensrealitäten jüdischer Jugendlicher in Deutschland. Mendel arbeitete am erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Frankfurt und am Jüdischen Museum Frankfurt. Seit 2010 ist er Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. 2021 übernahm er zudem eine Professur für Transnationale Soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences.

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Für Einsteiger

Götz Aly: »Endlösung«. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden

»Das vorliegende Buch enthält eine schwer erträgliche Zumutung«, schreibt der Autor gleich zu Beginn: »Die Leserinnen und Leser müssen sich auf die Täter einlassen – auf deren Logik, Denken, Kalkulieren und Handeln. Fortlaufend werden auf den folgenden Seiten Einzelheiten erörtert, Zahlen und tagespolitische Winkelzüge, die in Anbetracht des Ergebnisses – des Holocaust – banal und oft genug verwirrend erscheinen. Aber die Zumutung ist notwendig. Denn es gibt keinen anderen Weg, die politischen Prozesse zu untersuchen, die der Entscheidung zur ›Endlösung‹ vorausgingen.«

Eine Zumutung ist dieses Buch wahrlich, wie könnte es bei einem Buch über den Holocaust anders sein? In diesem Buch, quellengesättigt und dennoch immer gut lesbar, analysiert Götz Aly die Täter: Die Täter an den Schreibtischen und vor Ort überall im von den Nationalsozialisten geschundenen Europa. Wie wurde aus Schikanierung, Diskriminierung, Entrechtung, Vertreibung schließlich der geplante und industrialisierte Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden? Wer diese Frage stellt, kommt um Götz Alys Buch nicht herum.

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Für Eilige

Wolfgang Benz: Der Holocaust

Wer es sehr eilig hat, schaut bei Wikipedia oder greift zur Fachzeitschrift »Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ)«  von der Bundeszentrale für politische Bildung – und kommt damit bereits ein gutes Stück weit. Wer etwas mehr Zeit hat, um auf die Büchersendung zu warten und dann ein verlässliches Nachschlagewerk im Bücherregal haben möchte, findet in Wolfgang Benz’ Buch »Der Holocaust«, das in der beliebten Reihe bei C.H.Beck erschienen ist, einen knappen und profunden Überblick.

Auf 127 Seiten hat der renommierte Historiker Benz in 13 Kapiteln die Geschichte des Holocaust zusammengefasst. Er geht dabei nicht streng chronologisch vor, sondern beginnt mit der Wannseekonferenz 1942, um schließlich bei der Nachgeschichte (»Der Judenmord als Trauma und Erinnerung«) anzulangen. Dazwischen beschreibt er das Verhältnis zwischen Juden und Nationalsozialismus, die zunehmende Entrechtung der Juden – aber auch von Sinti und Roma. Er schildert die Mordtaten der »Einsatzgruppen« im Osten und die zunehmende Industrialisierung des Massenmords. Vollständigkeit kann ein solches Buch nicht beanspruchen, Lücken sind daher unumgänglich, und eine andere Schwerpunktsetzung wäre immer möglich. Für den Einstieg oder für Eilige aber hat Wolfgang Benz ein sehr gutes Buch vorgelegt.

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Für Experten

Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden, Bd. 1: Die Jahre der Verfolgung 1933–1939; Bd.2: Die Jahre der Vernichtung 1939–1945

Fast 1400 Seiten umfasst Saul Friedländers Meisterwerk. Zunächst betrachtet er die Jahre der Verfolgung bis 1939, dann die der Vernichtung bis zum Kriegsende 1945. Dabei ist für ihn die nationalsozialistische »Judenpolitik« zentral für das Verständnis dieser Jahre insgesamt. Die Lektüre empfehle ich nicht nur Expertinnen und Experten, sondern allen, die sich lesend einlassen können und wollen auf dieses Thema. Saul Friedländers »Das Dritte Reich und die Juden« ist das geschriebene Pendant zu Claude Lanzmanns großem Dokumentarfilm »Shoah«: überwältigend in Umfang, Dichte, Drastik – und auf jeder Seite von tiefem Humanismus durchdrungen. Erkennbar werden die einzelnen Opfer (und auch Täter), die sonst hinter den unfassbaren Zahlen zu verschwinden drohen. Und doch schafft es Friedländer, das große Ganze nie aus dem Blick zu verlieren. Der Holocaust bleibt unfassbar. Und doch begreift man ein wenig mehr, wenn man Saul Friedländer gelesen hat. Das braucht Zeit und zwischendurch viele Pausen, verspricht aber eine unvergessliche Lektüre, durch die man ein anderer wird.

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Für spezielle Perspektiven

Karola Fings: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit

Interessierten bieten sich viele Möglichkeiten, bestimmte Aspekte der Geschichte des Holocaust zu vertiefen: Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Verfolgung in den verschiedenen europäischen Ländern; die Bedeutung der Kollaboration; der Zusammenhang von Weltkrieg und Holocaust; Zwangsarbeit und Vernichtung durch Arbeit; der unterschiedliche Umgang mit den Verbrechen nach 1945 und bis heute. Eine weitere Möglichkeit ist, einzelne Gruppen von Verfolgten genauer in den Blick zu nehmen. Bis heute oft vergessen ist insbesondere die Verfolgung und der gezielte massenhafte Mord an den Sinti und Roma.

Verzeihen Sie mir bitte meine Annahme, dass Sie über die Geschichte der Sinti und Roma bislang nicht sehr viel wissen. Schon deshalb lege ich Ihnen die Lektüre des sehr lesenswerten Buches von Karola Fings nah. Dem Völkermord ist darin das dritte von vier Kapiteln gewidmet. Leserinnen und Lesern breitet Fings kompakt die Geschichte der Sinti und Roma seit dem Mittelalter aus, beschreibt Sprachen und Kultur, das Selbstverständnis und die Fremdzuschreibungen, Brüche und Kontinuitäten von Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung der heute größten europäischen und sehr heterogenen Minderheit.

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Biografien

David Rousset: Das KZ-Universum

Ist das eine Autobiografie? Der französische Sozialist David Rousset wurde 1943 von den Nationalsozialisten verhaftet, gefoltert und ins KZ Buchenwald verschleppt. Er überlebte weitere Lager. Und veröffentlichte bereits 1946 »L’Univers Concentrationnaire« (Das KZ-Universum). »Erfahrungsmaterial aus sechzehn Monaten« in den Lagern hat Rousset in zugleich lakonischer wie poetischer Sprache in 18 kurzen Kapiteln aufgeschrieben.

Man meint, die Unmittelbarkeit der Erfahrungen noch herauslesen zu können und ist doch verblüfft über die Distanz zum erlebten Geschehen. Rousset analysiert die Logik der Lager des Nationalsozialismus. Es sind nicht Vernichtungslager, die Rousset schildert und doch gilt auch hier: »Im KZ löste der Mensch sich Stück für Stück auf.« Wer die schreckliche und alles Menschliche vernichtende Wirkung von Lagern totalitärer Regime begreifen möchte, lese David Roussetts »Das KZ-Universum«.

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Zeitzeugenberichte

Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten. Tagebücher 1933–1945

Anne Franks Tagebuch lege ich Ihnen in der Rubik »Für Kinder & Jugendliche« ans Herz, empfehle es dennoch auch für Erwachsene. Hier möchte ich Ihnen nun die Lektüre von Victor Klemperers Tagebüchern der Jahre 1933–1945 vorschlagen. Victor Klemperer war Literaturwissenschaftler und Chronist. Mit seiner Frau Eva überlebte er, teilweise versteckt, Nationalsozialismus und Weltkrieg. Als Sohn eines Rabbiners, der als junger Erwachsener zum Protestantismus konvertiert war, wurde er von seinem Dresdner Lehrstuhl vertrieben und konzentrierte sich danach wesentlich aufs Überleben und die detaillierte Beobachtung des Geschehens.

Wie dieses Geschehen sich nicht zuletzt sprachlich ankündigte und ausdrückte, war ihm dabei besonders wichtig (nachzulesen neben den Tagebüchern vor allem in »LTI – Notizbuch eines Philologen«). Klemperer beobachtet und beschreibt, was Eva und er erleben und irgendwie überleben. Und wir können lesen, wie die Nachrichten über den Holocaust sich – als Gerücht zunächst, zunehmend als unwirkliche Gewissheit – auch in Dresden verbreiten. Klemperers Tagebücher heute zu lesen, bietet einen erschütternden und beklemmenden Einblick in sein Leben und die Wirklichkeit der Jahre 1933 bis 1945. Die Lektüre kann uns zudem dazu animieren, auch unsere eigene Gegenwart mit wachen Augen zu betrachten und vielleicht auch, uns selbst schreibend zu versuchen, uns einen Reim auf die Dinge zu machen.

Wer Klemperers Tagebücher hören möchte: »Deutschlandfunk Kultur« hat sie in einer vorsichtig kommentierten Version hörenswert aufbereitet. Zu finden sind die 15 etwa einstündigen Folgen online .

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Romane

David Grossman: Stichwort: Liebe

Erstmals las ich diesen Roman von David Grossman in meiner Jugendzeit. Seitdem komme ich immer wieder dazu, ihn noch mal zu lesen. Das 1986 in hebräischer Sprache erschienene Buch »Stichwort: Liebe« ist ein Meisterwerk der modernen hebräischen Literatur. In vier Teilen umkreist Grossman auf immer wieder verschiedene Weise die Frage, wie ein Leben nach dem Holocaust möglich ist. Hier anhand einer Familie von Überlebenden und ihrer Kinder und Enkelkinder in Israel.

Der Junge Momik ahnt, dass alle Erwachsenen Schreckliches erlebt haben, Genaues weiß er nicht. Dann kommt der überlebende Anschel, ein alter, gebrochener Mann, nach vielen Jahren in einer Anstalt in Momiks Familie. Grossman schreibt vom Weiterleben, wenn man das Schrecklichste überlebt hat. Er schreibt von Familie, Freundschaft, Geschichte und Geschichten und der verworrenen Form, in der Erlebtes an diejenigen weitergegeben wird, die es nicht erlebt haben. Und er schreibt von der Liebe. Wenn Sie »Stichwort: Liebe« noch nicht gelesen haben, lesen Sie es. Und wenn Sie es bereits vor Jahren oder Jahrzehnten in der Hand hatten, lesen Sie es erneut.

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Für Kinder & Jugendliche

Anne Frank: Tagebuch

Als Direktor einer in Anne Franks Geburtsstadt Frankfurt am Main nach ihr benannten Bildungsstätte empfehle ich Ihnen und Ihren Kindern selbstverständlich diese Lektüre. Geschrieben hat Anne Frank das Tagebuch nicht in Frankfurt, sondern in Amsterdam, anfangs noch zu Hause, dann versteckt im heute ebenfalls weltberühmten Hinterhaus. Flucht, Exil, Versteck, Mehrsprachigkeit, Freundschaft, Solidarität und Pech (war es am Ende Zufall oder Verrat?). Da steckt bereits im Rahmen viel von dem, was alles zur Geschichte des Holocaust dazugehört. 1934 war Familie Frank in die sicher geglaubten Niederlande emigriert, 1942 versteckten sie sich mit anderen im Hinterhaus. 1944 wurden sie entdeckt und in Konzentrationslager verschleppt. Von den acht im Hinterhaus Versteckten überlebte nur Annes Vater Otto den Holocaust. Anne und ihre Schwester Margot starben kurz vor der Befreiung durch die US-Armee im Frühjahr 1945 in Bergen-Belsen.

Im Tagebuch kommen die Orte des Holocaust nicht vor. Vielmehr schreibt sie, die ihrer Freiheit beraubt war und die sich in die Freiheit träumt, mit literarischer Ambition und großem Talent von ihrem Alltag und ihren Gefühlen als Teenager. Sie schreibt über die große Welt draußen, die Menschheit und Menschlichkeit und über die Freuden und Nöte ihres Lebens. Das ist herzerweichend, klug, lustig, bedrückend, verblüffend und große Literatur. 2029 werden wir in Frankfurt, in Amsterdam und überall auf der Welt Anne Frank gedenken, die ihren 100. Geburtstag hätte feiern sollen. Schenken Sie Anne Franks Tagebuch schon vorher Ihren Kindern – und lesen Sie es bei dieser Gelegenheit auch (wieder einmal) selbst.

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Graphic Novels

Art Spiegelman: Maus. Die Geschichte eines Überlebenden

Falls Sie Graphic Novels bislang skeptisch gegenüberstehen: Lesen Sie »Maus«! Eine stärkere Lektüreerfahrung ist kaum möglich. Art Spiegelmans Eltern überlebten den Holocaust, er selbst wurde 1948 in Stockholm geboren und lebt seit früher Kindheit in den USA. In »Maus« schildert er die Geschichte seiner Eltern Anja und Wladek als eine Fabel, in der die Juden Mäuse, die Polen Schweine und die Nazis Katzen sind.

Erzählt wird nicht nur die Geschichte von Anja und Wladek in den Dreißiger- und Vierzigerjahren in Polen, schließlich im Konzentrationslager Auschwitz und danach. Ebenso eindringlich wird hier erzählt, wie Art nach und nach seinen Vater Wladek dazu bringt, ihm seine Geschichte und die seiner Frau zu erzählen, »auszukotzen«, wie der erste Teil des Comics überschrieben ist. Es ist ein Buch über den Holocaust und über die (Un-)Möglichkeit, danach weiterzuleben. »Maus« erschien Ende der Achtzigerjahre, wirkt aber auch 2025 ungemein kraftvoll und erschütternd und ist ästhetisch komplett aktuell. Ich verspreche Ihnen, dass die Wucht der Lektüre, der erzählten und gemalten Geschichte Sie wieder und wieder packen wird.

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Der Dokumentarfilm »Night Will Fall – Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen« (Regie: André Singer)

Als die Alliierten den europäischen Kontinent Meter für Meter befreiten und die Nationalsozialisten besiegten, befreiten sie dabei auch die Konzentrationslager. Sie hatten Fotoapparate und Filmkameras dabei. Viele dieser Aufnahmen kennen Sie aus Dokumentationen. André Singers Dokumentarfilm ist ein Film über ein besonderes Filmprojekt der Alliierten. Alfred Hitchcock und andere Regisseure sollten eine Dokumentation machen, um den Deutschen das Grauen zu zeigen, das sie verbrochen hatten. Doch wurde diese Dokumentation nie vollendet, nie veröffentlicht.

Andere Themen wurden nach Kriegsende schnell wichtiger, auch für die Alliierten. Und die Bilder schienen, gebannt auf Zelluloid, zu grausam, sie öffentlich zu zeigen. So verschwanden viele der Aufnahmen für Jahrzehnte in Archiven. André Singer hat dieses Filmprojekt 2014 veröffentlicht und versammelt dazu die Stimmen von Experten und Zeitzeuginnen. Man versteht, dass es Gründe gab, diese Bilder nicht zu zeigen. Und ist im Sinne der Aufklärung über den Holocaust dennoch dankbar, dass sie Jahrzehnte später veröffentlicht wurden.

»Night Will Fall« ist in gewisser Weise das Gegenstück zu Claude Lanzmanns neunstündigem Dokumentarfilm-Epos »Shoah«. Wo Lanzmann auf Fotos und Filmaufnahmen aus den Lagern ganz verzichtete und sich auf die Erinnerungen der Überlebenden verlässt, setzt Singer ganz auf die Wucht der Bilder. Beides ist überwältigend. Schauen Sie also André Singers »Night Will Fall« ebenso wie Claude Lanzmanns »Shoah«. Und hören Sie Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 13 in b-Moll op. 113 »Babi Jar«.