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Missglückte Wahlprognosen: "Da ist noch viel Bewegung drin!"

Foto: Bernd_Weißbrod/ dpa

Missglückte Wahlprognosen "Da ist noch viel Bewegung drin!"

Von schlechten Umfragewerten will SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier nichts wissen. Die Stimmung sei gut, schwärmt er. Doch da haben sich schon ganz andere getäuscht.
Von Sebastian Kohlmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf die schwachen Umfragewerte seiner Partei angesprochen, erwiderte SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier im TV-Duell lapidar: "Die Umfragen sind das eine; auf den Straßen und Plätzen, in den vielen Gesprächen, die ich führe, habe ich ein anderes Bild." Politiker aller Couleur verweisen vor Wahlen gerne bei schlechten Umfragewerten auf die völlig andere Stimmung, die sie bei ihren Auftritten auf den Marktplätzen der Republik spüren. Manchmal behalten sie tatsächlich Recht, häufig aber irren sie sich auch.

Vor der Bundestagswahl 1998 glaubte etwa der CDU-Bezirksvorsitzende Elmar Brok, Helmut Kohl könnte es noch einmal schaffen. "Die Stimmung ist gut. Die eigenen Leute kommen vollzählig und voller Tatendrang in die Versammlungen. Wir sind motiviert und werden es wieder schaffen", erklärte Brok. Kohl selbst schien da schon nicht mehr daran zu glauben. "Ganz logisch" sei es, dass er im Falle einer Wahlpleite den Parteivorsitz abgeben werde, sagte er. Kohl sprach damit an, was eigentlich tabuisiert werden sollte: die eigene Niederlage. Die innerparteiliche Aufregung war denn auch groß. Und: Es kam tatsächlich so, wie der Kanzler der Einheit es gespürt hatte: Er wurde abgewählt.

2004 sahen die Hamburger Sozialdemokraten nach einem Wahlkampfauftritt von Franz Müntefering schon eine Wende gekommen. Die Stimmung habe sich schlagartig verbessert, berichteten Hamburger Genossen aus dem Kreis ihres Spitzenkandidaten Thomas Mirow. Sie irrten sich. Die SPD verlor bei der Bürgerschaftswahl über sechs Prozentpunkte und blieb in der Opposition.

Weit von der Realität entfernt

Auch der CSU-Parteivorsitzende Erwin Huber schätzte die Stimmung vor den Landtagswahlen 2008 völlig falsch ein. Die Pendlerpauschale hatte der CSUler zum Wahlkampfschlager erklärt. "Hätte ja keiner ahnen können, dass das Thema so einschlägt", frohlockte er. "Schlau, wie wir sind, haben wir genau aufs richtige Pferd gesetzt." Günther Beckstein gab sich eine Woche vor der Wahl bereits ein wenig bescheidener. Die Stimmung, so beschrieb es einer seiner Berater, sei "nicht ausgelassen, aber gut." Beide täuschten sich, wie der Wahlabend zeigte. Die CSU verlor 17 Prozent der Stimmen und das erste Mal seit 1962 die absolute Mehrheit, Beckstein und Huber ihre Jobs.

Die Stimmungen, die die Wahlkämpfer auf den Marktplätzen der Republik auffangen und bisweilen aufsaugen, sind mitunter weit von der Realität im Land entfernt. Das mag daran liegen, dass vor allem die Sympathisanten der jeweiligen Partei die Wahlkampfveranstaltungen besuchen; also jene, die ohnehin "ihre" Partei wählen. Einige Politiker werden sicherlich auch berufsblind und beratungsresistent (geworden) sein. Doch gibt es auch jene, die eine Stimmungswende tatsächlich früh wittern und für sich zu nutzen wissen.

Dass ein Stimmungsumschwung manchmal wirklich spürbar ist, zeigte der Brandenburger Landtagswahlkampf 2008. Die ersten beiden Wochen des Wahlkampfes sei der sozialdemokratische Kandidat Matthias Platzeck noch niedergebrüllt und mit Trillerpfeifen am Reden gehindert worden. Bodyguards hätten Regenschirme aufspannen müssen, um die Eier abzufangen, die nach Platzeck geworfen wurden. Seitdem aber, so freute sich einer seiner Wahlkampfhelfer, "ist es ruhig". Tatsächlich reichte es bei der Wahl für eine Wiederwahl Platzecks, wenngleich die SPD beinahe acht Prozentpunkte verlor.

Joschka Fischer - Meister der Stimmungsvorhersage

Als Meister der politischen Stimmungsvorhersage darf wohl Joschka Fischer gelten. Als 2002 die Bundestagswahl schon als verloren galt, sah der grüne Außenminister bereits eine Trendwende herannahen: "Die Stimmung ist doch super hier. Unglaublich!", erklärte er den Journalisten. "Ich habe schon einige Stimmungen vor einer Niederlage erlebt. Aber so wie das jetzt schnurrt, das gab es noch nie." Fischers Gefühl täuschte ihn nicht. Statt eine Niederlage zu erleiden rettete seine Partei mit deutlichen Stimmenzuwächsen die rot-grüne Koalition.

Ein anderer schätzte im selben Wahlkampf die Stimmung grandios falsch ein: Guido Westerwelle. Mit dem "Guidomobil" tourte er durch Deutschland und sah sich schon in der Regierung. Eine "bombige Stimmung" sei das bei seinen Wahlkampfauftritten auf den Marktplätzen. "Absolut cool", freute sich der Liberale, "das ist Wahlkampf nach meinem Geschmack". Nach dem Geschmack der Massen war er allerdings nicht. Vom "Projekt 18" blieben am Wahlsonntag nur sieben Prozent, der Platz in der Opposition und reichlich Hohn.

Joschka Fischer dagegen hatte auch im Bundestagswahlkampf 2005 das richtige Gespür. Schon früh war ihm klar, dass die Wahl um einiges spannender ausfallen würde als vorhergesagt, und er kritisierte das Gerede in der SPD über eine Große Koalition: "In einer Situation, in der sich die Stimmung dreht, läuft das auf eine Selbstschwächung hinaus", schimpfte er - obwohl er als Realist die Chance auf eine Fortsetzung des "rot-grünen Projekts" nur gering einschätzte. Gleichzeitig prophezeite er trotz allem eine Trendwende zumindest weg von Schwarz-Gelb. Und tatsächlich: Die Parteien links der Mitte lagen bei der Wahl vor Schwarz-Gelb.

"Da ist noch viel Bewegung drin", sagte Kanzlerkandidat Steinmeier in der ARD über die bevorstehende Bundestagswahl. Ob er wie Fischer in der Lage ist, die Stimmung richtig zu erspüren, ob er also Recht behält damit, dass die Stimmung sich zugunsten der SPD gewendet hat, wird sich am 27. September 2009 zeigen.