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Mißlungener Aprilscherz: Kalauer in Justitias Klauen

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Mißlungener Aprilscherz Kalauer in Justitias Klauen

Es sollte bloß ein Aprilscherz sein - doch er lief ein wenig aus dem Ruder: Der Brief, mit dem die Autorin Valerie von Tharau Mutter und Tante in den April schicken wollte, rief zuerst den Pfarrer auf den Plan, dann die Presse - und schließlich gar die Staatsanwaltschaft.
Von Valerie von Tharau
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zum 1. April 2004 trafen bei zwei älteren Damen im Hannoverschen Briefe folgenden Wortlautes ein:

"Eigeninitiative: Senioren für eine bessere Gesellschaft"

Sehr geehrte Frau X,

unser Land steht in einem harten, globalen Wettbewerb, in dem wir alle unsere gesellschaftlichen Kräfte und Ressourcen aktivieren müssen, wenn wir unsere bisherige Spitzenstellung behaupten wollen. Auch die vermehrten Aufgaben Deutschlands im Ausland sowie die in Kürze zu erwartende Aufhebung der Wehrpflicht bedeuten da zusätzliche Herausforderungen. All unsere Anstrengungen müssen dem einen großen Ziel dienen, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu sichern und zu erhalten.

Wie Sie wissen, war es dazu in den vergangenen Jahren schon erforderlich, die Steuerlast der Unternehmen signifikant zu senken. Die damit einhergehende Unterfinanzierung der kommunalen Gebietskörperschaften hat nun auch zu einer dramatisch angespannten Haushaltslage im Kommunalverband Großraum Hannover geführt und verlangt von uns allen ein neues, am 'shareholder value' orientiertes Denken.

So möchten wir auch Sie, sehr geehrte Frau X, aufrufen, sich unserer neu gegründeten Eigeninitiative 'Senioren für eine bessere Gemeinschaft' anzuschließen und auf ehrenamtlicher Basis gemeinnützige Aufgaben zu erfüllen. Da Sie laut Abgleich bei Ihrer Krankenkasse und laut Auskunft des LVA somatisch und politisch hinreichend belastbar bzw. unbedenklich sind, können Sie zu o. g. Eigeninitiative herangezogen werden.

Es ist zunächst an eine Regelzeit von 5 Std./Woche gedacht. Nach der Osterpause wird Ihnen von der zuständigen Stabsstelle ein Wunschkatalog zugesandt, in dem Sie für die einzelnen Arbeitsbereiche, die von Betreuungsdiensten über Patenschaften, leichte Wachdienste bis zum Auswerten von Daten und Videos reichen, ihre Präferenzen markieren können.

Richtlininien für eine Aufwandsentschädigung werden zur Zeit erarbeitet. Eine Bußgeldregelung für Verweigerungs- und Ausweichhandlungen ist in Vorbereitung. Bitte senden Sie bei-gefügte Einverständniserklärung vollständig ausgefüllt und unterschrieben unverzüglich an unsere u.g. Hausadresse zurück.

Freundliche Grüße

Im Auftrage

Beigefügt war eine "Einverständniserklärung", in der es hieß, der Unterzeichner sei "bereit, an der Eigeninitiative 'Senioren für eine bessere Gemeinschaft' teilzunehmen und möchte gern in den Personalpool aufgenommen werden." Mit der Abbuchung einer "Bearbeitungsgebühr" von 5 Euro erkläre man sich einverstanden.

Am Montag, den 5. April erschien daraufhin ein Artikel in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" mit der Überschrift "Rentner sollen sich zum Dienst melden". Mit einem "geschickt gefälschten Brief", so der Artikel, würden unbekannte Täter hannoversche Senioren verunsichern. Derartige, in "behördlichem Ton gehaltene" Briefe hätten am vorangegangenen Freitag beim Gemeindetreffen der katholischen Pfarrei zu den heiligen Engeln die Runde gemacht.

Das Regionalblatt zitierte einen Pfarrer, dem eine "zutiefst verunsicherte Frau" einen solchen Brief übergeben habe. In Zeiten, in denen Renten gekürzt würden und von Senioren Verzicht gefordert werde, sei ein Brief mit solchen Forderungen "perfide", so der Geistliche: "Wenn es ein Aprilscherz war, dann ein schlechter." Hier werde geschickt an den Patriotismus der älteren Menschen appelliert, ander fühlten sich an die Zeiten des Nationalsozialismus mit sseinem Arbeitsdienst erinnert.

Noch am selben Tag griff die Deutsche Presseagentur (dpa) den bericht der HAZ auf. Die Meldung 5326035 von 14.31 Uhr lautete:

Gefälschter Brief zu sozialen Aufgaben beunruhigt Senioren

Hannover (dpa/lni) - Ein gefälschter Brief beunruhigt Senioren in Hannover. Das amtlich wirkende Schreiben trägt den Absender des "Kommunalverbandes Großraum Hannover", der bereits 2001 aufgelöst worden war. In dem Brief wird den Adressaten angekündigt, sie würden künftig zu gemeinnützigen Aufgaben "herangezogen", schreibt die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" (Montag). Die Staatsanwaltschaft Hannover hat nach Angaben einer Sprecherin ein Ermittlungsverfahren wegen Urkundenfälschung gegen unbekannt eingeleitet.

Oh weh, die Staatsanwaltschaft hatte eingegriffen. Die Autorin Valerie von Tharau beeilte sich, die Sache bei der Zeitung mit einem Brief richtig zu stellen:

Sehr geehrte(r) Frau/Herr X,

sehr geehrte Damen und Herren,

mit einiger Bestürzung habe ich Ihren Bericht gelesen. Damit gleich in medias res: Ich habe besagtes Schreiben an meine Mutter und meine Tante, die in Bemerode wohnen, zum 1. April geschickt. Ein Aprilscherz also. Ich bin auch davon ausgegangen, dass er als solcher sofort erkannt werden kann, zumal der Briefbogen ja antiquarisch ist. Als ich am 2. April in Bemerode anrief, war es allerdings schon zu spät. Offenbar leben wir in hochexplosiven Zeiten, in denen man dem Staat alles zutraut. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass mein kleiner Text solche Kreise zieht (da sage noch einer, dass Dichter nichts bewirken könnten!) und dass sogar die HAZ ein bisschen in den April geschickt wird. Ich bin dementsprechend zutiefst zerknirscht und bitte herzlich um Nachsicht und Entschuldigung.

Freundliche Grüße

Auch die Staatsanwaltschaft erhielt ein ähnlich lautendes Entschuldigungsschreiben:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit einiger Bestürzung habe ich den Bericht der HAZ gelesen und die Nachricht, dass Sie Ermittlungsverfahren in o. g. Sache eingeleitet haben.

Ich beeile mich deshalb, den Sachverhalt aufzuklären:

Ich habe besagtes Schreiben an meine Mutter und meine Tante, die in Bemerode wohnen, zum 1. April geschickt. Ein Aprilscherz für den engsten Familienbetrieb also. Ich bin auch davon ausgegangen, dass er als solcher sofort erkannt werden kann, zumal der Briefbogen ja antiquarisch ist. Als ich am 2. April in Bemerode anrief, war es allerdings schon zu spät, die Lawine war am Rollen. Offenbar leben wir in hochexplosiven Zeiten, in denen man dem Staat alles zutraut. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass mein kleiner Text solche Kreise zieht (da sage noch einer, dass Dichter nichts bewirken könnten!) und dass sogar die HAZ und die Staatsanwaltschaft ein bisschen in den April geschickt wurden. Ich bin dementsprechend zutiefst zerknirscht und bitte herzlich um Nachsicht und Entschuldigung.

Aber ich möchte Sie mit diesen Einlassungen nicht unzulässig beeinflussen. Sofern ich nach Ihrer sorgfältigen Prüfung eine Strafe verdient haben sollte, bitte ich, frei nach Curt Götz, um eine gehörige solche.

Als kleinen Bestechungsversuch füge ich meinen kürzlich erschienenen »Apfel in Beton« bei, an dem Sie hoffentlich Vergnügen finden und der für Sie als Juristen vielleicht ganz reizvoll sein könnte, weil er sich u. a. mit Fragen des Verwaltungsrechts beschäftigt.

Freundliche Grüße

Doch die Antwort war nicht ermutigend, nein, im Gegenteil: Das Konto der Verfehlungen wurde von der Justiz um eine weitere Position ergänzt:

Sehr geehrte Frau von Tharau,

in obiger Sache bestätige ich den Eingang Ihres Schreibens vom 06.04.2004 und schicke Ihnen das zugesandte Buch ungeöffnet zurück. Ihre Vorgehensweise werte ich nicht als versuchte Bestechung, sondern als unzulässige Gewerbemaßnahme. Bücher, die für die Staatsanwaltschaft von Interesse sind, werden erworben.

Mit freundichem Gruß

xxx

Staatsanwältin

Uff. Humor Fehlanzeige. Und nun? Sie kam tatsächlich, die Vorladung:

Sehr geehrte Frau von Tharau,

zu Ihrer Vernehmung als beschuldigte oder betroffene Person in der Ermittlungssache Urkundenfälschung erscheinen Sie bitte am 06.05.2004...

Wie es weiterging? Die Urheberin des aus dem Ruder gelaufenen Scherzes verfasste eine schriftliche Stellungnahme, und ein paar Monate später wurde das Verfahren eingestellt.