Muräne mit Ohrringen - DER SPIEGEL
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Muräne mit Ohrringen

Plinius der Ältere schrieb reihenweise Fachbücher, sein Forscherdrang kostete ihn das Leben: Er starb als berühmtestes Opfer des Vesuv-Ausbruchs. Existenzen wie die seine wären ohne den Luxus der Kaiserzeit undenkbar.
• aus SPIEGEL Geschichte 1/2009
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Es ist die ultimative Lobhudelei, die der eine Plinius da auf den anderen Plinius anstimmt: Sein Onkel und Adoptivvater sei »ein scharfsinniger Kopf« gewesen, »unglaublich interessiert und immer wach«, schreibt Plinius der Jüngere über den Älteren. Nie habe er etwas gelesen, ohne es nicht auch zu exzerpieren. In jeder freien Minute habe er Bücher ausgewertet, sogar bei Tisch und im Bad, »wie unter dem Zwang eines Gesetzes": ein ebenso neugieriger wie fleißiger Informationsjunkie, ein antiker Workaholic.

Geboren anno 23 oder 24 n. Chr., kommandierte der ältere Plinius zunächst römische Truppen in Germanien, bevor er in höchste Staatsämter aufstieg, bis hinauf zum Vertrauten des Kaisers Vespasian. Nebenbei, in seiner Freizeit, schrieb er Buch um Buch, darunter drei Bände über die Redekunst, ein 20bändiges Werk über die Germanenkriege und ein 31bändiges Geschichtswerk. All das ist verschollen; erhalten hat sich einzig seine gigantische »Naturalis Historia": eine Enzyklopädie, die in 37 Bänden das naturkundliche Wissen der Antike fasst.

Anders als die meisten modernen Lexika enthält das Werk nicht nur nüchterne Informationen: Plinius serviert dem Leser eine immer wieder unterhaltsame Mischung aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, allerlei Anekdoten und moralischen Erörterungen. 2000 Bücher von 100 Autoren habe er durchgenommen, um 20 000 Stichwörter zusammenzutragen, schreibt Plinius selbst - und untertreibt damit noch: Die tatsächlichen Zahlen dürften weit über seinen Angaben liegen. »Vita vigilia est«, hat er als Wahlspruch ins Vorwort geschrieben - »Leben heißt Wachen«.

Dieses Arbeitsethos sollte ihn das Leben kosten: Im Jahr 79 n. Chr. war er als Flottenkommandant in Misenum stationiert, am Golf von Neapel, und entdeckte eine riesige Rußwolke in etwa 28 Kilometer Entfernung. »Als einem Manne mit wissenschaftlichen Interessen erschien ihm die Sache bedeutsam und wert, aus größter Nähe beobachtet zu werden«, schrieb Plinius der Jüngere, später in einem Brief an den Historiker Tacitus. Während er selbst, gerade einmal 18 Jahre alt, in Misenum zurückgeblieben sei, habe Plinius der Ältere ein Schiff klarmachen lassen und dann unbeirrt auf die Rußwolke Kurs gehalten.

Ehrfürchtig berichtet der Neffe, dass sein Onkel unterwegs alle Beobachtungen einem Sekretär diktiert habe, trotz des Regens aus Asche und bald auch Bimssteinen. Doch irgendwann gab es kein Zurück mehr: Am Strand von Stabiae, wenige Kilometer entfernt von Pompeji, starb Plinius der Ältere vor Aufregung an einem Herzinfarkt; vielleicht erstickte der starke Asthmatiker auch an Schwefeldämpfen.

Er hatte eben nicht ahnen können, dass er geradewegs ins Zentrum der größten Naturkatastrophe steuerte, die die Antike erlebt hat: den Ausbruch des Vesuvs. Getrieben von Neugier, wurde der Naturforscher sein prominentestes Opfer.

Die Katastrophe traf das Römische Reich zu einer Zeit, als es sich weniger verwundbar fühlte denn je - zumal im Golf von Neapel. Der galt wegen des angenehmen Klimas und der fruchtbaren Vulkanlandschaft als Wonnekessel, in dem sich reiche Sommerfrischler dem Dolce Vita ergaben. Die Weltherrschaft hatte so viel Geld in die Kassen gespült, dass die Küstenregion eine nie für möglich gehaltene Blüte erlebte. Hier gab es die luxuriösesten Villen des Imperiums: in Pompeji, Herculaneum und Misenum, vor allem aber im verruchten Nobelkurort Baiae, einem St. Tropez der Antike.

»Nirgends sprudeln die Quellen reichlicher, nirgends mit intensiverer Heilkraft als in Baiae«, schrieb Plinius in seiner »Naturalis Historia«. Das Angebot der Bäder liest sich wie ein moderner Katalog für Wellness-Urlaube der Luxusklasse: Die Gäste konnten wählen zwischen Mineralschlammpackungen und Thermalwassertinkturen, Gymnastik in Salzwasser und Einpacken in heißem Sand, Färben von Wimpern und Zahnreinigung. Kein Wunder, dass mehr gesunde als kranke Gäste kamen: In Baiae traf sich Roms High Society.

Der Sinn stand den Superreichen aber nicht nur nach Wellness. Zwar hatten viele in ihren üppigen Ferienvillen neben Dutzenden Zimmern auch Privatbäder, in die sie regelmäßig Gäste einluden. Berühmt-berüchtigt aber waren Baiae und die Region für amouröse Abenteuer: Abends und nachts ließen sich die urlaubenden Römer in bunt bemalten, mit Rosen verzierten Schiffen über das Meer schaukeln oder feierten ausgelassene Partys am »goldenen Strand der Venus«, wie der Küstenstreifen genannt wurde, auch in Anspielung auf die Vielzahl an Edelkurtisanen.

Ein antiker Graffito, der bei Ausgrabungen in Pompeji gefunden wurde, stellt mit nur zwei Wörtern eine Verbindung her zwischen diesem schwelgerischen Überfluss und dem Ausbruch des Vesuvs: »Sodoma Gomora«. In biblischer Tradition deutet die Wandinschrift die Katastrophe als gerechte Strafe Gottes für das Sündenbabel.

Von dort ist der Weg nicht weit zu einer moralisierenden Geschichtsschreibung, die die Dekadenz der Römer immer wieder als Grund genannt hat für den Verlust ihrer Weltherrschaft. Das zerstörte Pompeji wird zum Symbol für den späteren Untergang Roms.

Diese Denkart entspricht durchaus dem Zeitgeist im 1. Jahrhundert. So positiv der Begriff Luxus heute besetzt ist, so zweifelhaft war er damals. Die Kritik richtete sich dabei gar nicht einmal gegen die Kluft zwischen Arm und Reich, die noch größer war als etwa in der englischen Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts, sondern gegen die Missachtung traditioneller Werte: Als sittliches Fundament des einst bäuerlichen Roms galten Sparsamkeit und Bescheidenheit; Genusssucht und Prunkliebe waren moralisch verwerflich.

Die Forderung nach Triebkontrolle und Unabhängigkeit von weltlichen Dingen entsprach der stoischen Philosophie, die für den gebildeten Römer der Kaiserzeit eine Art ethischer Religion war. Auch Plinius der Ältere stand ihr nahe. In seiner »Naturalis Historia« predigte er altrepublikanische Strenge und Genügsamkeit und geißelte Beispiele extremer Verschwendung. Die Gattin des Kaisers Nero etwa habe ihren Lieblingszugtieren Schuhe aus Gold anziehen lassen, schimpfte er, und die Mutter des Kaisers Claudius habe eine Muräne - so etwas wie der Koi-Karpfen der Antike - mit Ohrringen geschmückt.

Köche kosteten inzwischen so viel wie drei Pferde, klagt Plinius an anderer Stelle, und die Fische seien so teuer wie die Köche. Damit spielt er an auf die Gelage reicher Feinschmecker, für die immer absurdere Gerichte zubereitet wurden: Flamingo- und Storchenzungen, Ragout aus Nachtigallenleber oder Schweinevagina. In Haushalten, die etwas auf sich hielten, gab es einen speziellen Sklaven, der ausschließlich für das Tranchieren der Speisen zuständig war.

Generell schoss die Zahl der Sklaven in die Höhe, da sie als Statussymbol galten: Plinius klagte, »dass wir auf fremden Füßen gehen, mit fremden Augen sehen und mit fremdem Gedächtnis grüßen«. Mancher Haushalt, berichtet er, benötige sogar einen Sklaven als Nomenclator, als Namensnenner, der seinem Herrn bei Bedarf die Namen der unzähligen anderen Sklaven sage.

Zwar ist nicht überliefert, wie viele Sklaven Plinius hatte, aber dass er aus einer vermögenden Familie des Ritterstandes stammte, die zahlreiche Landgüter und Villen besaß, ist bekannt. Ebenso, dass er sich während mancher Moralpredigt für die »Naturalis Historia« in einer Sänfte durch die Stadt tragen ließ, an seiner Seite einen Sklaven, der jeden Einfall notierte - ähnlich nützlich sicher wie die Sklaven, die ihm beim Essen und im Bad vorlasen. Auch das, nicht nur der eigene Arbeitseifer, hat sein gigantisches Werk ermöglicht.

All diese Details wissen wir von seinem Neffen Plinius, der nichts Anstößiges daran fand - vielleicht weil er selbst seine Texte diktieren konnte. Auch er besaß später mehrere verschwenderische Villen am Comer See, wo auch heute noch Prominente ein Feriendomizil haben, George Clooney etwa.

Mindestens so groß wie die Kluft zwischen Reich und Arm war im alten Rom nämlich jene zwischen Theorie und Praxis: Die Luxusschelte kam meist aus einem luxuriösen Ambiente, von Salon-Stoikern wie Plinius oder gar Seneca, der als Großgrundbesitzer 300 Millionen Sesterzen erwirtschaftete.

Einer ihrer Zeitgenossen, der Rhetor Valerius Maximus, urteilte hellsichtig: »Luxus ist ein süßes Gift, das man viel leichter anklagen als vermeiden kann.«

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