Musikalische Reparationen: Mit Pauken und Trompeten
Musikalische Reparationen Mit Pauken und Trompeten
Schauplatz der musikalischen Zwangsvollstreckung war der sogenannte Musikwinkel im idyllischen Vogtland mit den Städtchen Markneukirchen und Klingenthal - direkt an der tschechischen Grenze im südlichsten Zipfel der Ostzone. Dort, wo seit dem 17.Jahrhundert der Instrumentenbau Namen und Klang hatte und in nahezu jedem Haus von Generation zu Generation weitervererbt wurde, lag das künstlerische Handwerk 1945 völlig am Boden. Vom einstigen Glanz Markneukirchens, der um 1900 im Verhältnis zur Einwohnerzahl reichsten Stadt Deutschlands mit etlichen Millionären und einem eigenen US-Konsulat für die regen Exportbeziehungen, war fast nichts geblieben. Vorbei die Zeiten, als aus dem Musikwinkel 80 Prozent aller in der Welt gespielten Orchesterinstrumente kamen.
Die Handwerksmeister waren im Krieg gefallen, saßen in Gefangenschaft oder hatten sich in den Westen abgesetzt, als sich 1945 die Amerikaner aus dem Vogtland zurückzogen und die Rote Armee nachrückte. Die neuen Besatzer mit ihrer Begeisterung fürs Musizieren und die künstlerische Arbeit der Instrumentenbauer als Teil der "Kultura" kümmerte die desolate Lage des Gewerbes nicht. Die Reparationsorder allein für Markneukirchen lautete: Ablieferung von jährlich 3000 Gitarren, 2000 Mandolinen, 500 Balalaikas, 500 Domras und die komplette Ausstattung von 125 Blasorchestern zu je 23 Instrumenten von der Tuba bis zur Piccoloflöte. Im Rest des Musikwinkels sah es kaum anders aus: Aus dem Örtchen Klingenthal etwa forderten die Besatzer tausende Ziehharmonikas an.
Die Russen waren keineswegs auf Massenware aus, sondern verlangten höchste Qualität. In den meist als Familienunternehmen geführten Werkstätten fehlte es jedoch an allen Ecken und Kanten. Es gab kein Edelholz, kein Buntmetall und kein neues Werkzeug. Die Genossenschaft der Musikstadt musste eigens einen Beschaffer, einen "Materialnik", einstellen. Die Wahl fiel auf den Heimkehrer Herbert Roth, der in der gesamten Ostzone herumgeisterte, um etwas zu ergattern. Wenn er Beistand von der vorgesetzten Dienststelle der Sowjetischen Militäradministration Deutschlands (SMAD) wollte, stieß er auf ein spezielles System, um Bittsteller fernzuhalten. Die Russen hatten in ihrer Besatzungszone nämlich eine der großen Geißeln der Menschheit eingeführt: die erste "Hotline" der Geschichte.
Fehlerhafte Instrumente wurden in Stücke getreten
Wie sie funktionierte, schilderte der 2009 verstorbene Zeitzeuge Herbert Roth in seinen Aufzeichnungen: "An der Hauswand des Gebäudes - wir sprachen damals von der Klagemauer - hingen ein paar Telefonhörer, und damit musste man sich einen Gesprächspartner im Gebäude suchen, was aufgrund der Sprachschwierigkeiten nicht ganz leicht war. Nun lag es in dessen Gunst, vom Einlassdienst einen Passierschein ausfertigen zu lassen. Darauf konnte man bei Wind und Wetter nochmals eine Stunde oder länger warten. Hatte man den Zutritt erreicht, erhielt man bestenfalls einen Bezugsschein für eine bestimmte Menge Buntmetall. Doch das war weiter nichts als ein Stück wertloses Papier."
Den Lieferterminen sahen die Instrumentenbauer stets mit höchster Anspannung entgegen. Roth erinnerte sich: "Die Prüfer konnten sehr gefährlich werden!" Die Russen fuhren in großen Armeelastwagen mit einem Offizier und vier bis fünf Rotarmisten vor. Die Sichtung der Ware erfolgte in höchst pingeligen Stichproben. Ein besonders cholerischer Offizier pflegte beanstandete Instrumente zornentbrannt und fluchend auf den Fußboden zu werfen und mit seinen Stiefeln im Stakkato zu Kleinholz zu zerlegen, auch wenn sie vielleicht nur einen kleinen Lackschaden aufwiesen. "Stalinorgel" war der heimliche Spitzname dieses gefürchteten Wüterichs.
Bei dem Transport der empfindlichen Instrumente waren die Russen weniger pingelig. Sie verlangten weder Etuis noch Kisten, sondern schichteten die Mandolinen oder Gitarren einfach in Papiersäcken akkurat Reihe für Reihe auf die Lastwagen und legten obendrauf lediglich eine Lage Wellpappe. Als Krönung der sowjetischen Verpackungskunst machte es sich für die Fahrt dann manchmal noch ein robuster Rotarmist auf den Instrumenten gemütlich - nicht ohne die geschröpften Deutschen mit einem Abschiedslied wie "Kalinka, Kalinka..." und manchmal sogar einem Salutschuss aus der Kalaschnikow zu verwöhnen. "Mandolinenbomber" nannten wir Oberschüler diese Gefahrentransporte, auf denen uns die Russen schon mal großmütig als "Fahrschüler" mit in die Kreisstadt nahmen.
Bescherung für die Zwangsarbeiter
Höhepunkt der Übergabezeremonie war immer die "Weihnachtsbescherung". Der Kommandoführer, schilderte Roth die bewegende Zeremonie, öffnete eine streng bewachte dicke Ledertasche und kippte den Inhalt auf den Tisch: 50.000 bis 60.000 mehr oder weniger wertlose alte Reichsmark, später Ostmark, gab es als Almosen für die Instrumentenbauer - damit es nicht ganz so nach sozialistischer Ausbeutung aussah. Die gelieferten Instrumente waren in der Regel das Zehnfache, auf dem Schwarzmarkt noch viel mehr wert.
Die letzte Lieferung der Schnäppchen aus dem Musikwinkel ging 1949 in die Sowjetunion. Nach der Gründung der DDR im Oktober dieses Jahres verzichtete Moskau auf die Reparationen. Mehr als ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 2001, schloss sich für mich als Urlauber und ehemaligem Zeitzeugen der musikalischen Kriegsbeute aus dem Vogtland zufällig der Kreis. Als das Kulturensemble der russischen Schwarzmeerflotte auf dem in Sewastopol ankernden deutschen Kreuzfahrtschiff MS "Europa" für gute Devisen vom ehemaligen Klassenfeind ein glanzvolles, umjubeltes Konzert gab, konnte ich in der Pause an einigen der abgestellten und gut gepflegten Instrumente eindeutig Markneukirchener Brand- oder Prägestempel und sogar Meisterzettel entdecken.