Nachkriegs-Hungersnot - DER SPIEGEL
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Nachkriegs-Hungersnot: "Als Hühnerfutter ist das zu gebrauchen"

Nachkriegs-Hungersnot "Als Hühnerfutter ist das zu gebrauchen"

Ein Monatslohn für zwei Kilo Kirschen: Als Kind erlebte Willi Grünberg, wie nach Ende des Zweiten Weltkrieges Lebensmittel zur Mangelware wurden. Auf Nahrungssuche mit Bekannten erfuhr er 1946, wie schnell jedes Mitgefühl beim Thema Essen aufhörte. Und spürte, wie etwas in ihm zerbrach.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An dem zeitigen Vormittag gingen wir, Frau Seemann, ihr Sohn Erhard und ich, auf der ehemaligen Reichsautobahn in Richtung Bliesendorf. Der Fahrzeugverkehr tendierte gegen null. Kaum mehr als zehn Autos fuhren an uns vorbei während unseres zwei Mal acht Kilometer langen Fußmarsches. Es war das Jahr 1946, der Krieg war vorbei. Doch der große Hunger kam. Und so waren wir unterwegs, um zu versuchen, ein paar Habseligkeiten gegen Essbares einzutauschen. Frau Seemann kannte sich aus, hinter der Ausfahrt Glindow durchschritten wir einen Kiefernwald und erreichten die Obstplantagen. Bliesendorf, gegenwärtig ein Ortsteil der Stadt Werder, ist ein weitverzweigter Ort. Viele Wohngrundstücke befinden sich entfernt vom Dorfkern in den weitläufigen Plantagen. Diese steuerten wir an.

Erhard und seine Mutter trugen abwechselnd ein Zwei-Liter- Wehrmachtskochgeschirr, gefüllt mit steifer Milchgrütze, und ein halbes russisches Kastenbrot. Vorgesehen waren diese Lebensmittel als Tauschobjekte gegen Obst. Handfeste Esswaren standen hoch im Kurs in dieser Hungerzeit. Ich trug, auch für einen Tausch gedacht, ein Stück guter Toilettenseife, meine Mutter hatte es durch alle Wirrnisse hindurch aus Stettin gerettet, und zwei Zehn-Mark-Scheine, wohl verwahrt in den Hosentaschen.

Zielgerichtet steuerte Frau Seemann auf ein alleinstehendes Hausgrundstück zu. Das Haus lag weit zurückgesetzt in der Obstplantage. Bäume mit tief hängenden Ästen voller schwarzroter, dicker Knupperkirschen standen zu beiden Seiten des Weges. Es kostete uns schon einige Überwindung, nicht zuzugreifen. Wir waren gut erzogen und widerstanden dem Verlangen. Meine Mutter sagte immer: "Wenn du etwas haben möchtest, dann frage und bitte darum. Sich ungefragt etwas nehmen gehört sich nicht, das wäre Diebstahl".

"Uns schenkt auch keiner was"

Und diese Ehrlichkeit der Menschen zu und untereinander wurde uns bis zum Ende des Krieges allerorts vorgelebt: Niemand schloss sein Fahrrad an. Vor den Bahnhöfen im Umfeld von großen Städten standen Unmengen von Fahrrädern, deren Besitzer mit dem Zug in die Stadt zur Arbeit fuhren. Selbst, wenn jemand nur kurz eine Luftpumpe ausborgte und sie sofort wieder an das Fahrrad zurücksteckte, wurde dem Besitzer darüber berichtet. In den ländlichen Gegenden wurde, auch während alle Familienangehörigen weitab auf dem Feld arbeiteten, niemals das Haus abgeschlossen. Es herrschten Ordnung und Achtung vor dem Besitz anderer Menschen. Das änderte sich jedoch schnell mit dem Ende des Krieges.

In Erhard und mir war diese Erziehung noch fest verwurzelt und wir schritten mit gierigen Augen und ausgetrocknetem Mund an den Kirschbäumen vorbei. „Sieht man sie auch einmal wieder“, wurde Frau Seemann von der Frau vor dem Haus begrüßt. „Ja, wir möchten gerne Kirschen kaufen, vielleicht auch Erdbeeren.“ Vor einem Nebengebäude stapelten sich die Holzspankörbe voller Kirschen. Erhard fragte, „kann ich ein paar Kirschen bekommen?“ „Deine Mutti kann dir welche kaufen“, antwortete die Frau, „die hier sind schon abgewogen.“ Sie deutete auf die vollen Körbe. Gleichzeitig nahm sie von den Körben mit jeder Hand zwei Kirschen herunter und gab sie Erhard und mir. „Lasst sie euch gut schmecken.“

„Wie teuer ist so ein Korb voller Kirschen,“ fragte Frau Seemann. „Das Kilo neunzig Mark. Und die hier“, die Frau deutete mit der Hand auf drei Körbe mit einer hellen gelbroten Kirschsorte, „die kosten achtzig Mark das Kilo.“ Frau Seemann starrte die Frau an, sagte aber nichts. Nach einem Augenblick des Schweigens erklärte die Frau: „Ja, das sind die heutigen Preise, das ist so. Auch wir müssen sehen, wo wir bleiben, uns schenkt auch keiner was.“

Keiner will mehr Russenbrot

Blitzschnell hatte ich im Kopf ausgerechnet, für meine 20 Mark in der Hosentasche würde ich gerade ein halbes Pfund bekommen. An das Stück guter Seife wagte ich gar nicht zu denken. „Wir haben noch ein halbes Brot mit dabei“, sagte Frau Seemann, „was würden wir denn dafür bekommen?“ „Brot haben wir genug“, antwortete die Frau, „aber was für Brot haben sie denn da mitgebracht?“ „Russenbrot.“ „Das Schwarze?“ „Ja.“ „Das lassen sie mal, das will bei uns keiner!“ Ich war verblüfft: Das Brot will niemand? Überall herrschte Hunger! Das aus Roggenschrot, Zuckerrüben, Strohmehl und Laub gebackene Brot war vielleicht keine Delikatesse - aber es machte satt. Und hier wurde es als wertlos abgetan. Auch Frau Seemann und Erhardt musste es die Sprache verschlagen haben. Der Moment des folgenden Schweigens kam mir unendlich lang vor.

„Wir schauen erst mal weiter“, sagte Frau Seemann endlich, drehte sich um und ging. Wir rannten ihr hinterher. „Woanders werden sie die Kirschen auch nicht billiger kriegen“, rief die Frau uns nach. Wie viel Geld für ein Kilo Erdbeeren verlangt wurde, danach hatten wir gar nicht erst gefragt.

Wir waren schon ein Stückchen weiter gegangen, plötzlich stieß Frau Seemann hervor, „die spinnen wohl, das ist unverschämt - 90 Mark für ein Kilo Kirschen, das entspricht genau meinem halben Monatslohn.“ Etwas später fügte sie hinzu: „Denen muss es schon wieder gut, wieder blendend, vielleicht besser als früher ergehen. Ihnen ist das Russenbrot nicht mehr gut genug.“ Frau Seemann kniff die Lippen zusammen und beschleunigte ihre Schritte.

Scheinheilige Obstbauern

Beim nächsten Obstmucker hörten wir die gleichen Sätze: „Unsereins geht es genauso dreckig wie all den anderen. Zu verschenken haben wir nichts. Man muss sehen, wo man bleibt. Uns gibt auch keiner was. Eine schlimme Zeit hat man uns eingebrockt.“ 'Obstmucker', dieser Ausdruck ist im havelländischen Obstanbaugebiet die gebräuchliche Bezeichnung für Obstbauern. Frau Seemann erklärte uns: „Die Mucker tragen zu Recht die Bezeichnung 'Mucker'." Ich habe im Wörterbuch nachgelesen, denn der Ausdruck war mir fremd. Mucker bedeutet Scheinheiliger und Duckmäuser.

Und wir hatten noch immer keine Kirschen. Voller Hoffnungen hatten wir den knapp zweistündigen Fußmarsch bis nach Bliesendorf hinter uns gebracht, und nun schien es, wir sollten die zwei Stunden Rückweg ohne das von den Daheimgebliebenen erwartete Obst zurücklegen. „Mit leeren Händen darf ich meinen Kindern zu Hause nicht entgegen treten. Etwas muss passieren“, sagte Frau Seemann. Ich dachte an meine Schwester Heidi, drei Jahre alt, die von mir ebenfalls erwartete, dass ich Obst mitbringe. Und die gute Seife wurde schwer in meiner Hosentasche. Ich hatte sie bisher noch nicht zum Tausch angeboten. Ich hatte es einfach nicht gewagt. Der Tausch - Kirschen gegen das halbe Brot und die Milchgrütze - wurde abgelehnt. Mir war klar, da brauche ich mit der Seife gar nicht erst fragen, und die 20 Mark waren für mich sehr viel Geld. Ein halbes Pfund Kirschen würde ich dafür bekommen, einfach unverschämt!

Wie ein Tiefschlag traf mich die Antwort des Obstmuckers, den wir als vorletzten aufsuchten, hinsichtlich Frau Seemanns Frage, ob er Interesse an steif gekochter Grütze hätte und diese gegen Kirschen tauschen möchte. Ein Kochgeschirr voller Grütze, das sind rund zwei Kilo. In jener Zeit wäre davon eine hungernde Familie wenigstens zwei Tage lang satt geworden. Der Mucker tat das ab mit den Worten: „Na ja, als Futter für die Hühner ist das zu gebrauchen. Ungekocht wäre die Grütze zum Verfüttern aber besser.“

Handel aus Mitleid

Unser vierter Anlauf sollte der letzte Versuch werden. Leer und erfolglos wollten wir unseren Heimweg nicht antreten, das konnten wir denen zu Hause nicht antun. Wir durften nicht aufgeben. Es war ein kleines Haus, mehr einem Gartenhäuschen ähnlich. Das schon recht betagte Ehepaar und Frau Seemann kannten sich ebenfalls.

Für das halbe Brot bekam Frau Seemann ein Kilo Süßkirschen. Die Milchgrütze wurde gegen den Rauminhalt des Kochgeschirrs ausgetauscht, das heißt, die Grütze wurde in eine Schüssel der alten Frau gekippt, das Kochgeschirr ausgespült und mit Kirschen gefüllt. Der Mann betonte, sich mehrmals wiederholend, dass er sich mit diesem Tausch sehr großzügig verhalte, man kenne sich schließlich.

Jetzt traute ich mich, die Seife anzubieten. Ein Vergleich zu der ab 1943 angebotenen Tonseife wäre absurd, denn die gab es jetzt immer noch, und das auch nur auf Zuteilung. Meine Mutter hatte große Hoffnung auf den Erlös für die gute Seife gesetzt. Ich bekam ein knappes Pfund Süßkirschen - und den erneuten Hinweis, dass er Mitleid mit mir habe und ich nicht mit leeren Händen nach Hause gehen müsse.

"Esst euch satt! Nur erwischen darf euch niemand!"

Wir hatten nun Kirschen, ich getraute mich nicht, auch nur eine einzige davon zu naschen. Zu Hause warteten Heidi, meine Eltern und Oma. Ich war mir sicher, Heidis Gedanken und Erwartungen waren bereits bei einem großen Haufen prall reifer Kirschen. Und ich? Ich mit meinen 500 Gramm werde für alle zu einer Enttäuschung abgestuft werden. Sicherlich würden unsere Eltern und Oma zugunsten von Heidi auf die Kirschen verzichten. Das durfte es nicht sein. Ich fühlte mich kraftlos, zerschlagen und hilflos. Mir gingen viele wirre, zerrissene Gedanken durch den Kopf, Erinnerungen an Vergangenes mischten sich dazwischen, ich war verzweifelt.

Ich wachte aus meinen Grübeleien auf, als Frau Seemann sagte: „Geht, esst euch satt! Ich bleibe hier stehen und passe auf. Nur erwischen darf euch niemand!“ Was hatte Frau Seemann gesagt? Habe ich richtig gehört? Ich starrte sie an. „Nun lauft schon, esst euch satt, die Kirschen warten bereits!“ Erhard und ich, wir haben ob dieser unerwarteten Empfehlung, weder überlegt noch gezögert, nur ran und rein in die Kirschbäume und reingestopft, was in Mund und Magen hineinpasste. An unsere Geschwister denkend haben wir zusätzlich unsere Hosentaschen gefüllt. Unser Verdauungssystem rächte sich später.

An diesem Tag ist etwas in mir zerbrochen (und daran war nicht mein überreizter Darm schuldig). Meine Achtung gegenüber dem Verhalten und dem Handeln einiger Menschen hatte einen Riss bekommen.