Nachkriegs-Pubertät: Küsse, Marx und Lili Marleen
Nachkriegs-Pubertät Küsse, Marx und Lili Marleen
Als 1945 der Krieg zu Ende ging, war ich 14. Und mit dem Ende einer schweren Zeit begann eine ganz andere schwere Zeit für mich: Die Pubertät. Meine Großmutter sagte mir damals manchmal: "Du weißt nicht recht ob du Junge oder Mädchen bist." Und wahrscheinlich hatte sie in gewissem Sinne Recht. Überhaupt wusste ich vieles nicht, was Jungen und Mädchen betraf. Natürlich war mir als 14-Jährigem klar, dass nicht der Klapperstorch die Babys bringt. Aber sonst dachte ich tatsächlich: Wenn ich ein Mädchen küsse, dann könnte es davon vielleicht ein Kind bekommen!
Trotzdem wurde ich - ganz nach dem üblichen Erziehungsstil dieser Zeit - von Eltern und Großeltern nicht darüber aufgeklärt, was es mit der Pubertät und der beginnenden Geschlechtsreife auf sich hat. Und auch die Gespräche hierüber in unserem Jungenkreis - mit Mädchen war das selbstverständlich völlig tabu - waren nicht wirklich dazu angetan, Sachliches darüber zu erfahren.
Unter dieser inneren unbewussten Zerrissenheit hatten wir eine völlig neue Zeit zu verkraften: Der Krieg war verloren. Die Amerikaner kamen nach Thüringen und gingen wieder. Schließlich kamen die Russen - und blieben. Und mit ihnen kam eine Reihe von Veränderungen in unser Leben.
Raupenzucht statt Unterricht
Eine Schulreform krempelte alles Bisherige um, zumindest in Geschichte und unserem Verhalten gegenüber Lehrern. Eine positive Neuerung war immerhin: Der Rohrstock war jetzt tabu, die Pauker durften uns nicht mehr schlagen. Was wenige wissen: In der BRD blieb die Prügelstrafe in der Schule noch viele Jahre erlaubt. Anders als viele unserer Lehrer, die wegen ihrer Nähe zum NS-Regime gefeuert worden waren, war unser Schulleiter geblieben. Schließlich konnte man nicht einfach sofort auf alle Fachkräfte verzichten. Doch selbst er nahm nun den Rohrstock nicht mehr in die Hand.
Eine weitere Neuerung war der Russischunterricht, der verpflichtend eingeführt wurde: Die Lernergebnisse von uns pubertierenden Jungs in dem neuen Fach blieben allerdings mäßig. Zu lange hatten wir in den vergangenen Jahren gehört, alles Russische und Slawische sei feindlich und verwerflich. Und viel zu alt war uns obendrein unsere Russischlehrerin. Viel größer war unser Interesse an einer jungen Neulehrerin, die an unsere Schule gekommen war, und die nur wenige Jahre älter als wir war.
Dieses letzte Schuljahr von 1945 bis 1946, das zum Abschluss der achten Klasse der
Grundschule führte, brachte viele Änderungen mit sich: Ich hatte wegen des Kriegsgeschehens die höhere Schule in der Kreisstadt - so sagten wir zu Gymnasium und Oberrealschule - unterbrechen müssen. Nun kehrte ich in die Grundschule meines Heimatortes Hohenleuben zurück und hatte ungeheuer viel versäumten Lehrstoff in diesem letzten Schuljahr nachzuholen. Denn wir hatten während des Krieges viel Unterrichtsausfall und zu wenig Lehrer gehabt. Vielfach waren wir anstelle des Unterrichtsbesuches für außerschulische Aufgaben wie Heilkräuter- und Kartoffelkäfersammeln, Pflege einer Seidenraupenzucht eingesetzt worden.
Lange haben meine Erinnerungen an diese Zeit mir einen Streich gespielt: Ich meinte lange, alleine in diesem achten Schuljahr einen Großteil des versäumten Stoffes nachgeholt zu haben. Doch in Unterhaltungen mit Schulkameraden über die letzten 20 Jahre stellte sich heraus, dass all das, was wir versäumt hatten, unmöglich in einem Jahr nachzuholen gewesen wäre. Wenn ich bei Ehemaligentreffen manchmal von meinem Schulwissen etwas erzählte, bekam ich immer wieder das Gleiche zu hören: "Das musst du später in der Oberschule gelernt haben, daran erinnere ich mich nicht." Also betrog mich meine Erinnerung und ich musste hier letztlich die Mehrheitsmeinung akzeptieren.
Gesellschaftsspiele statt Komasaufen
In den letzten Jahren wurde ich gelegentlich von Zeitungen oder auch von Rundfunk und Fernsehen als Zeitzeuge für die Zeit des Umbruchs nach dem Kriege interviewt. Oft fragten die Redakteure nach den Gedanken und Empfindungen, die wir damals als Jugendliche hatten. Meine Antwort ist immer die gleiche: Wir waren zwar tief betrübt, erschüttert und traurig, aber zugleich auch befreit. Nach all dem, was wir im Krieg erlebt hatten, wollten wir das Geschehene verdrängen und uns endlich wieder vergnügen.
Im Sommer 1946 feierten wir in einer Gaststätte unseren Schulabschluss mit völlig neuen befreiten Gefühlen und der Suche nach veränderten Methoden des fröhlichen Zusammenseins. "Feiern", das kannten wir aus den Kriegsjahren eigentlich nur als Jubelveranstaltungen. Private Zusammenkünfte hatten während des Krieges eigentlich selten Feiercharakter gehabt. Zum einen wegen der angeordneten Verdunkelung, die es erschwerte, einfach so in die Nacht hineinzufeiern. Zum anderen, weil stets eine gewisse Angst, etwas politisch Unerwünschtes zu äußern, im Hintergrund gestanden hatte. Und so erfreuten wir uns bei unserer Feier an harmlosen Gesellschaftsspielen, wofür uns wohl die heutigen Jugendlichen gewaltig auslachen würden.
Im Jahr unseres Schulabschlusses wurden wir Kinder aus kirchlich gebundenen Familien auch konfirmiert. Das war sehr feierlich und schön, aber die neue Zeit warf hinsichtlich des künftigen Verhältnisses zwischen Staat und Kirche ihre Schatten voraus. Viele fragten sich damals: "Werden die Russen die Kirche verbieten?" Sie taten es nicht, aber hätte ich seinerzeit Karl Marx' Schriften über die Religion lesen können und verstanden, wäre mir die weitere Entwicklung auf diesem Gebiet vorausschauend klar geworden. Schließlich hatte er gesagt: "Religion ist Opium für das Volk."
Eine neue Zeitrechnung beginnt
Und nicht nur gegenüber der Religion machte sich Skepsis breit: Wie überall hatten ab 1946 auch in meiner Heimatstadt ehemalige Kommunisten und wenige Sozialdemokraten die Führung, Lenkung und Leitung übernommen. Sie vertraten oft extreme Ansichten was Bildung, Kunst und Religion betraf. Der Kulturbund hatte während eines Ruinenfestes in meinem Heimatort eine Bilderausstellung mit Reproduktionen "Alter Meister" der Dresdner Gemäldegalerie organisiert. Ein Funktionär der KPD sagte nach der Besichtigung: "Es müsste heutzutage verboten werden, die gemalten Engel zu zeigen. Das ist Verherrlichung der Kirche. Überhaupt ist diese Ausstellung unmöglich, denn auf den Bildern sind keine Arbeiter abgebildet." Aufklärungsbemühungen misslangen.
Neue Werte hielten Einzug: Während dieser Zeit des Neuanfangs nach dem Krieg war es in Ostdeutschland auch verpönt, Schlips und Kragen zu tragen - selbst bei Feiern. Festliche Kleidung war in den Augen der Arbeiterfunktionäre einfach "unproletarisch" - ich persönlich hielt mich nicht gern an diese Regel. Von einem überzeugten Kommunisten, der in unserer Nachbarschaft wohnte, habe ich noch seinen damaligen Ausspruch im Ohr. Wir müssten uns, so forderte er, mehr danach richten, was in Moskau geschieht. Von dort käme schließlich "das Glück für die Arbeiter".
Anstelle von Glück hatte uns Moskau jedoch nach dem Krieg zunächst vor allem eine neue Zeitrechnung beschert - und das ganz unmetaphorisch: Die Zeitzone von Moskau wurde bis zu uns ausgeweitet. Wir mussten die Uhren bei uns zwei Stunden vorstellen, damit die Soldaten und Armeeführung nicht in Berechnungsschwierigkeiten kamen, wenn sie ihre Verbindung mit der Heimat aufrechterhielten.
Die Russen kommen
Doch auch vor der Besatzung durch die Russen, schon beim Einmarsch der Amerikaner, hatten wir Jugendlichen noch oft mit Befremden auf die Veränderungen reagiert: Die ersten Tage nach der Ankunft der GIs, daran erinnere ich mich, waren die Amis für mich noch immer Feinde. Ich schaffte es einfach nicht, sofort all das beiseite zu schieben, was uns zuvor jahrelang in der Schule und im Jungvolk eingetrichtert worden war. So war zum Beispiel schwer begreiflich für mich, dass "Schwarzhäutige" Vorgesetzte, also Korporale und Offiziere, sein konnten.
Doch dieses Feindbild sollte sich schnell ändern. Und wie so oft waren es Nebensächlichkeiten, die einen Wandel der Betrachtungen bewirkten: Zum einen war es die beeindruckende moderne Kriegstechnik der Amerikaner, die uns Jungen begeisterte. Dazu kam, dass sie sich uns Kindern gegenüber sehr freundlich verhielten.
Vor allem aber hatte mich ihr Verhalten bei der Beerdigung meines Großvaters beeindruckt: Er war nur zehn Tage nach dem Einzug der Amerikaner mit 82 Jahren gestorben. Wir erhielten großzügige Unterstützung bei der Erledigung aller Formalitäten. Besonders beeindruckt hat mich jedoch: Die Amis hatten ihre Kommandantur in der Villa des Schuldirektors eingerichtet. Aus großen Lautsprechern ertönte dort unentwegt den ganzen Tag sehr laut das Lied "Lilli Marleen". Als zur Beerdigung aber der lange Trauerzug an dieser Stelle vorbei kam, schalteten die Amis die Lautsprecher aus und die Wachen salutierten.
Doch aller Respekt vor den Amerikanern nützte nichts: Wir mussten uns ab Sommer 1945 mit der neuen Besatzungsmacht, den Sowjets, abfinden. Ich erinnere mich noch, wie wir bei ihrem Einzug an der Viehwaage standen und sie sahen, wie sie mit ihren primitiven Pferdegespannen die Straße vom Tal herauf in unseren Heimatort kamen. Gejubelt wurde nicht. Ich glaube, uns steckte eine gewisse Angst im Nacken. Dass auch sie über moderne Kriegstechnik verfügten, sollten wir erst später erfahren.