Nachkriegsjugend - DER SPIEGEL
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Nachkriegsjugend: Jäger und Sammler

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Nachkriegsjugend Jäger und Sammler

Briefmarken, Blätter oder Fossilien: Spielzeug war Mangelware, also war Sammeln unter Jungs schwer angesagt. Ernst Pelzing und sein Bruder brachten es darin zu wahrer Meisterschaft. Mit jedem neuen Stück kehrte der Alltag in ihr Leben zurück.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aus der Vorkriegs- und Kriegszeit hatten wir Vaters Briefmarkensammlung mit in die Evakuierung nach Altkarbe/ Pommern retten können. Ob das auch zurück ins Ruhrgebiet gelänge, war die große Frage. Im Winter 1944/45 stand die schwierige Entscheidung an, entweder das Silberbesteck der Familien oder die Briefmarkensammlung mit auf die Flucht in Richtung Westen zu nehmen. Für beides war kein Platz. Die Entscheidung fiel zugunsten der Briefmarken. Das Silber wurde in Altkarbe vergraben ... Wir haben es nie wieder gesehen.

Bei unserer Rückkehr nach Bochum fanden wir in den Trümmern noch etliche Zigarettenbilder-Alben aus der Sammlung Deutsche Kulturbilder vor, Untertitel: Deutsches Leben in fünf Jahrhunderten von 1400 bis 1900. Herausgeber: der Zigaretten Bilderdienst in Hamburg-Bahrenfeld. Die typischen Themen: Olympische Spiele 1936 Berlin, Wald und Flur, verschiedene Kunstepochen, Vogelwelt, Deutsche Kolonien (konkret: Schutztruppe Deutsch-Ostafrika). Lettow-Vorbeck, Lüderitz und Peters ließen grüßen.

Marken-Pflege

Unsere Sammlertätigkeit lief in den ersten beschwerlichen Nachkriegsjahren langsam an. Mein Bruder Karl hatte Vaters Sammlung übernommen und ergänzte die Lücken. Wir waren Stammkunden bei einem kleinen Familienunternehmen in der Nachbarschaft, das seine Briefmarkenbestände unbeschadet über die Kriegszeit hatte retten können.

Neue Marken erschienen. Bochum gehörte zum Verwaltungsbereich der britischen Zone. Posttechnisch gab es etwas Besonderes: Ampost. So hieß die britische und amerikanische Zone, die so genannte Bizone. Amerikaner und Briten hatten am 16. Oktober 1946 die Zentrale Postverwaltung in Frankfurt gegründet. Die französische und russische Besatzungszone hatte jeweils eigene Postwertzeichen. Bis zur Währungsreform waren die Werte in Reichsmark ausgezeichnet. Ab 1949 kam die DDR mit ihren Postwertzeichen hinzu. Wir sammelten alles - Deutschland querbeet.

Im Feld und auf der Wiese

Sammeln bedeutete - neben einer gehörigen Portion Interesse -, dass man über genügend Taschengeld verfügte. Weiter war es die natürliche Neugier bei uns Kindern, die uns Freude am Besitz des Gesammelten verschaffte. Beim Tauschen, gleichgültig in welchem Bereich, ergab sich zwangsläufig, wer die bessere Sammlung hatte. Darauf konnte man stolz sein. Der Blick für die alltäglicheren Dinge des Lebens nahm zu. Die Erinnerung an den Krieg verblasste.

Da wir Kinder einen Großteil unserer Freizeit auf der Straße und in der noch weitgehend intakten Natur verbrachten, lag es nahe, sich diesen Bereich auch sammlungstechnisch zu erschließen. Unser bescheidenes Herbarium bestand aus Blättern und Hölzern jener Spezies, denen wir täglich in unserer Umgebung begegneten. Im Bochumer Wiesental, dem Südpark und dem Weitmarer Holz wuchsen die unterschiedlichsten Bäume und Sträucher. Holunder war etwas Besonderes: essbare Beeren und prima Holz für die Anfertigung von Knallbüchsen. Mit Juckpulver aus Hagebutte trieben wir allerlei Schabernack. Ein gutes Zeichen. Wir konnten wieder Kind sein.

Heimatkunde im Steinbruch

Unser bevorzugter Spielplatz war ein nahe gelegener Steinbruch, der an das Wiesental grenzte. Wies er doch auf Grund seiner Tiefe einen beträchtlichen Grundwasserspiegel mit pflanzlichem und tierischem Eigenleben auf. Doch das war nicht alles. An einer Seitenwand dieses Steinbruchs gab es auf halber Höhe eine Höhle, die nicht nur ein geeignetes Versteck war.

Besonders angetan hatte es uns die Hinterwand, die man erst nach mühevollem Kriechen erreichte. Dort holten wir Fossilien von Ackerschachtelhalmen und Farnen heraus. Eine ausgezeichnete Fundstelle und Grundlage für eine nicht alltägliche Sammlung. Im Fach Heimatkunde an der Volksschule Wiemelhausen waren unsere Fossilienfunde von Nutzen. Beispiele für die Geschichte der Kohle im Ruhrgebiet und die Entstehung der Erde. Für uns war es faszinierend, sich vorzustellen, dass dort, wo Bochum stand, einmal riesige Wälder mit den Pflanzen gestanden hatten.

Versuch macht klug

Unser Interesse machte auch vor Fischen und Molchen nicht halt. In den zahlreichen mit Grundwasser gefüllten Bombentrichtern und im nahen Steinbruch gab es neben Wasserpflanzen, Fröschen und Wasserflöhen auch Kammolche und Stichlinge. In lebhafter Erinnerung sind mir die Stichlinge: Wir hielten sie zu Hause in einem großen Eierglas, das als Aquarium herhalten musste. Bei einer der üblichen Glassäuberungen hinter unserem Haus fanden die armen Kaltwasserfische ein unrühmliches Ende. Das Glas zerbrach, und die Fische landeten zu unserem großen Bedauern auf der Wiese.

Das Halten von Kammmolchen in einem improvisierten Terrarium gestaltete sich schwieriger. Es blieb bei einem kurzen Versuch. Unsere Kenntnisse reichten nicht, um fachgerecht etwas auf die Beine zu stellen.

Meine Sammelleidenschaft wurde Anfang der fünfziger Jahre durch Rollschuhe und Fahrrad allmählich abgelöst. Mein Bruder hat sein Gebiet erweitert: Briefmarken, Münzen, Miniaturautos oder Waffen - er sammelt alles, was ihm interessant erscheint.