Nachkriegskinder: Der Duft von Vanilleeis
Nachkriegskinder Der Duft von Vanilleeis
Beschreiben möchte ich ein Kinderleben - mein eigenes. Der Bericht beginnt 1944 mit meiner Geburt, springt dann aber gleich einige Jahre weiter und durchläuft die Zeit meiner Kindheit bis etwa 1955/56. Ich versuche mich zu erinnern, was in dieser Zeit geschah. Die Ortschaft Jüchen liegt am oberen Niederrhein nahe Mönchengladbach.
Tag und Nacht ratterten die Webstühle der Textilfabrik Schwartz & Klein mit berauschendem aber nicht eben sehr betörendem Klang über den Garten hinweg bis zu meinen Ohren. Ohne Mühe tönte es die 100 Meter zu unserem Haus hinüber - bis am Samstagmittag Schluss war. Der Wind war dann oft das einzige Geräusch an der Nüßerhött, der diesen abgetrennten Wurmfortsatz des Dorfes Jüchen umwehte.
Die Nüßerhött wurde von den restlichen Bewohnern des Ortes Jüchen deshalb so benannt, weil sie an der Straße zur entfernten Stadt Neuß lag und darum Neußerstraße hieß. Zwischen der Nüßerhött und Jüchen lag schon eine Menge Luft, so etwa 250 oder 300 Meter. Die Strecke habe ich nie ausgemessen, für mich als Kind waren es aber eher Kilometer.
Flucht vor dem Schaffner
Da wohnte meine Familie mitten in den acht dunklen Häusern, deren Reihenhauscharakter durch spaltenartige Gassen ein wenig aufgelockert schien. Zwar wohnten wir nicht ganz genau in der Mitte - aber "Mittelpunkt" waren wir schon. Und in dieser kleinen Welt, aus schon angedunkeltem Backstein, wurde ich an einem Märztag anno 1944 zur Kaffeezeit in das raue Leben geboren.
Zwei Brüder, Heinz und Jupp, waren schon da. Ein weiterer, Alfred, folgte nach mir, ebenso eine Schwester, die Christel; Nachzügler Kurt war der letzte.
Mein Vater legte abends ein Bein ab. Dieses war aus Holz, das ursprüngliche war in Russland geblieben. Diesem Holzbein verdanke ich meine erste Reise nach Mönchengladbach. Immer wenn das restliche Originalbein, also der "Stumpen" schmerzte, wurde das Hosenbein hochgeklappt und mittels einer Sicherheitsnadel festgehalten. Weiter ging es dann auf Krücken. Die Werkstatt für Holzbeine war in Mönchengladbach. Und wenn mal wieder eine Anpassung nötig wurde, ging die Reise dorthin. Ab Rheydt stiegen wir in die "Elektrische" um. Ein Riesenerlebnis, mit diesem ratternden Ungeheuer durch die zerbombten Häuser hindurch zu schaukeln.
Schnell begriff ich, dass dieser Mann in Uniform, mit einer Knipszange in der Hand, unser Feind war. Dieser Mensch kontrollierte immer die Fahrkarten und hatte stets einen misstrauischen Blick. So galt es, an den Haltestellen hurtig in einem anderen Wagen umzusteigen. Die Logik dieses Tun war mir zwar noch nicht recht geläufig, doch zweifelte ich auch nicht an deren Richtigkeit.
Bananeneis in der großen Stadt
Angekommen in der großen Stadt galt es, viel zu sehen, zu entdecken und zu bestaunen, vor allen Dingen die Geschäfte mit nie gesehenen Waren. In Erinnerung geblieben ist mir allerdings der Eisstand am Kaufhof. Das Eis schmeckte nach Banane. Wundervoll! Ansonsten gab es ja nur Vanille und Schokolade. Bananeneis war neu.
Vanille und Schokolade kam des Sommers in Form eines dreirädrigen Stinkers mehr oder weniger oft in der Nüßerhött vorgefahren. Weithin klang seine Glocke, die in Kürze allerlei Genuss ankündigte. "Knolli" wurde der Eismann genannt. Tatsächlich hatte sein Kopf die Form einer Futterrübe. Und bei heißem Sommersonnenschein nahm dieser auch deren Farbe an.
Schnellstens wurde die Mutter alarmiert, die den nötigen Groschen oder auch zwei herausrückte. Diese waren nun mal vonnöten, um Besitzer jener Köstlichkeit zu werden, die dort im inneren einer Holzkiste darauf wartete, in meine Hand zu gelangen.
Natürlich beobachteten wir Kinder jenen "Knolli" immer scharf. Bei zuviel Unachtsamkeit griff die Hand (nicht nur meine) dann ganz schnell unter die chromglänzenden Deckel, die das Eis vor Wärme schützen sollten. Es waren halt lausige Zeiten!
Herausgeputzt zur Kirmes
Eis gab es zusätzlich im Juli, dann aber aus besonderem Anlass. Der Heilige Jakobus feierte Namenstag. Er war der Schutzheilige unserer Kirche; in Jüchen war große Kirmes angesagt. Proppenvoll, im schönen Marktplatz eingebettet, das bunte Jahrmarktstreiben.
Schon von weitem jaulte die Sirene im ab- und anschwellenden Ton: Damit kündigte das Selbstfahrergeschäft der Schaustellerfamilie Rosenzweig den Beginn der Kirmes an. Samstagabend war es soweit: die Eltern machten sich und uns Kinder fein, soweit dies den Umständen entsprechend möglich war, und so machten wir uns auf den Weg ins Dorf. Gleich um die Straßenkurve herum standen bereits die ersten bunten Kirmesbuden: Papierblumen in allen Farben leuchteten, gläserne Spazierstöcke mit vielen bunten Liebesperlen schaukelten im Licht, Lakritzstangen und Lebkuchenherzen lockten; und leuchtend rote Paradiesäpfel und gefüllte Waffeln sorgten für anhaltenden Speichelfluss im Mund.
Überall war Leben, überall große Kinderaugen, Karussells drehten sich zum Orgelklang. An der Orgel des Kinderkarussells konnte ich mich gar nicht Sattsehen und -hören. Und wenn ich dann auch noch auf einem der bunt lackierten Holzpferdchen eine Runde drehen durfte, war das schon Höhepunkt genug.
Der Duft von Bratfisch und Rollmops, vermengt mit dem herrlichen Duft gebrannter Mandeln, hüllte das Geschehen ein. Doch am liebsten war mir der Geruch von Vanilleeis, und dieser kam aus Kremers Eisbude. Magisch zogen mich die bunten Spiralen der Schwungräder an den Eismaschinen an. Diese halfen, die duftenden Zutaten zu herrlichem Vanille- und Schokoladeneis zu verrühren. Vom Gerührten dann eine ordentliche Portion in der Hand zu halten und genüsslich aus dem gefüllten Hörnchen zu lecken, sorgte für Wohlbehagen. Eine Runde auf der Raupenbahn schockierte mich zunächst sehr. Irgendwann während der rasanten Berg- und Talfahrt schlug das Verdeck über mir zusammen, und da glaubte ich schon, nie mehr das Tageslicht zu erblicken.
Die geheimnisvolle Frau ohne Unterleib
Misstrauisch war ich schon immer. So stand ich stundenlang vor jener Schaubude, welche die "Dame ohne Unterleib" im Angebot hatte. Stunde um Stunde betrachtete ich die Schaukästen mit dem körperlosen Kopf, drehte die Münzen in der Tasche hin und her - rein oder nicht rein? Schließlich siegte die ungestillte Neugier, um das Geheimnis der Dame ohne Körper im inneren der Bude zu erfahren. Auch wenn dieser Entschluss nun dazu führte, dass der weitere Tag mangels Geldes dürftig ausfallen würde. Trotzdem kam ich nicht hinter das Geheimnis der körperlosen Dame und war deswegen schon etwas sauer.
Noch wichtiger war, unbedingt auf Onkel Hein aus Priesterath zu treffen. Dieser stets korrekt gekleidete Onkel, mit einem riesigen Schädel gesegnet, hatte stets ein freundliches Wort für uns Kinder über. Ein blankes 50-Pfennigstück hatte er immer für mich als Kirmesgeld dabei. Und wenn er dann noch in seine stets mitgeführte Aktentasche griff, kam mit Sicherheit eine Tüte Bonbons hervor.
Dienstags betrachtete ich dann mit Wehmut, dass mit dem Abbau der bunten Pracht begonnen wurde. Wenn die Dame in Schwarz vom Selbstfahrergeschäft zum letzten Mal die Sirene ertönen ließ, und dann mit der Geldkassette zu ihrem Kirmeswagen humpelte; und wenn die uralte Frau Rosenzweig von der Schiffschaukel ein letztes Mal mit ihren langen Fingern die Geldstücke eingezogen hatte, wusste ich, es wird wieder ein langes Jahr dauern, bis sich der Marktplatz erneut füllt.