NS-Zeit: Todesgefahr durch eine Scheibe Brot
KZ-Schicksal Der Brotschmuggler von Reichenbach
Eines Abends riss mich das Klingeln meines Telefons aus dem Schlaf. "Sind Sie der Journalist und Schriftsteller Josef Königsberg, der 1942 und 1943 KZ-Häftling in Reichenbach nahe Breslau war?" fragte am anderen Ende der Leitung ein Mann, der hier Dr. Scholl genannt sein soll. Dessen Sohn hatte in meiner Autobiografie "Ich habe erlebt und überlebt!" gelesen, wie mir ein deutscher Angestellter der Firma Hagenuk damals regelmäßig Butterbrote geschenkt hatte. Dafür hätte er mit dem Tod bestraft werden können. Dr. Scholl erklärte mir, dass er in der Beschreibung sofort seinen Vater erkannt habe.
Von SS-Einheit desertiert
Ich war fassungslos darüber, dass ein Nachfahre meines Retters mein Buch kannte und Kontakt zu mir aufnahm. "Was ist aus Ihrem Vater geworden?" fragte ich. "Ich hoffe, er hat den Krieg überstanden. Lebt er noch, geht es ihm gut?" Wie ich dann hörte, war er 1944 für eine SS-Einheit rekrutiert und sofort an die Ostfront abkommandiert worden. Die Hauptaufgabe dieser Einheit war die Verfolgung und Vernichtung von Juden.
"Mein Vater war Zeuge, wie Tausende Menschen - Junge, Alte, Frauen und Kinder - aus den Häusern geholt und erschossen wurden. Er konnte das nicht ertragen und desertierte. Leider wurde er bald aufgespürt, gefangen genommen und in ein Strafbataillon versetzt. Das Schicksal war aber auf seiner Seite und ließ ihn überleben", berichtete Dr. Scholl. "Nach Kriegsende wurde er von den Alliierten zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Denn er konnte nicht beweisen, dass er vielen Juden geholfen hatte, indem er sie vor dem Hungertod bewahrte."
Der Anruf des Sohnes berührte mich so tief, dass ich beschloss, die Geschichte von der Begegnung mit meinem Wohltäter aufzuschreiben.
20 Stunden auf dem Weg ins KZ
Es war das Jahr 1942. Ich befand mich in einem Güterzug mit Hunderten Juden, die während einer Razzia in Chrzanów (deutsch: Krenau) aufgegriffen worden waren. Wohin die Fahrt ging, wusste ich nicht. Der Wagen war brechend voll mit erschöpften, hungrigen und durstigen Menschen. Verzweiflung machte sich breit. Nach 20 quälenden Stunden erreichte der Zug das Konzentrationslager in Laskowice Olawskie (Markstädt).
Schon der erste Tag dort begann mit Schikanen. In der Waschbaracke erwartete uns ein Mann mit einem Rasiermesser. Binnen weniger Minuten verwandelte sich mein Schopf mit langen, lockigen Haaren in einen Glatzkopf. Am nächsten Tag hörten wir nach dem Appell, dass Handwerker wie Tischler, Maurer, Maschinenbauer und Elektriker gesucht wurden.
Mein Schulfreund Dago, der während derselben Razzia gefangen worden war, hatte im Chrzanówer Getto in einer Elektrowerkstatt gearbeitet. Auf sein Drängen hin meldete ich mich gemeinsam mit ihm als Elektriker, obwohl ich von dem Beruf nicht die geringste Ahnung hatte. Ich fürchtete, dass mich schon ein kleiner Fehler das Leben kosten könnte. Doch Dago konnte mich überzeugen. "Ich habe hier eh' nicht viel zu verlieren", dachte ich.
Einige Stunden später saßen wir mit anderen jungen Leuten in einem Lkw, der uns zum Konzentrationslager Grodek (Gräditz) brachte. Dieses kleinere Lager war dem KZ Groß Rosen unterstellt.
Drei Meter hoher Fabrikzaun
Am nächsten Morgen wurden die gemeldeten Handwerker, Elektriker, Maurer und Schreiner zu einer Gruppe formiert. Unter Bewachung einiger SS-Leute verließen wir das KZ und marschierten eine Stunde lang zu einem Ort, den wir nicht kannten. Dort wurden wir in eine Fabrik geführt, die von einem drei Meter hohen Zaun umgeben war. Am Haupteingang hing ein Schild mit der Überschrift "Hagenuk". Die Anlage befand sich in der Kreisstadt Reichenbach, etwa vierzig Kilometer von Breslau entfernt.
Dago und ich wurden einem Elektromeister zugeteilt, der uns in unverkennbarem Berliner Tonfall ansprach: "Mein Name ist Hans Neumann, wir werden eine Weile zusammenarbeiten. Ich bin kein Nazi und verfolge keine Juden. Mit Nahrungsmitteln kann ich euch aber nicht helfen. In Berlin habe ich eine Frau, drei Kinder und eine Schwiegermutter zu versorgen. Es herrscht Krieg, und alles ist knapp." Voller Bedauern sah er uns an.
In einem Büro der Fabrikhalle, in dem ich mit Dago Leitungen verlegen sollte, saßen ein älterer Mann mit einer Beinprothese und ein jüngerer Angestellter, der einen freundlichen Eindruck machte. Der Ältere schaute uns eine Weile durchdringend an: "Ihr seid doch sicherlich Häftlinge aus dem Gräditzer Konzentrationslager, nicht wahr?" Als wir ihm dies bestätigten, sagte er: "Seid froh, dass ihr nicht verkrüppelt seid wie ich. Ich habe mein Bein an der Ostfront verloren."
"Wenn du erwischt wirst, sind wir beide dran"
Nachdem der Mann zusammen mit Dago den Raum verlassen hatte, kam der Jüngere vorsichtig auf mich zu. Erst nachdem er ganz sicher war, dass sich niemand hinter den Stellwänden verbarg, raunte er mir ins Ohr: "Am Kleiderständer hängt mein Mantel. In der rechten Tasche findest du eine Kleinigkeit zum Essen. Sei bitte vorsichtig. Wenn du erwischt wirst, sind wir beide dran."
Als er zur Mittagspause ging, holte ich ein kleines Päckchen aus seiner Manteltasche. Ich legte es in meine Werkzeugkiste und ging auf die Häftlingstoilette im Hof. Meine Freude war nicht zu beschreiben, als ich eine dicke, mit Marmelade bestrichene Scheibe Brot auspackte. Gierig aß ich eine Hälfte, die zweite bewahrte ich für Dago auf. Dieses Brot schmeckte mir wie der beste Kuchen. Mein ständiger Hunger wurde durch dieses kleine Stück zwar nicht gestillt, aber ich fühlte mich dennoch wie neu geboren.
Als sein kriegsverletzter Kollege am folgenden Tag mit einem Mörser beschäftigt war, wies der junge Mann wieder verstohlen auf seinen Mantel, der in der Ecke des Raumes an einem Haken hing. Jeden Morgen brachte mir mein Wohltäter fortan eine Scheibe Brot mit.
Als wir eines Tages allein im Büro waren, sagte er mir leise: "Es tut mir leid, dass ich dir nur kleine Stückchen Brot mitbringen konnte. Wir sind auf Lebensmittelkarten angewiesen. Und die Rationen reichen nicht immer aus. Heute werdet ihr eure Arbeiten hier beenden und ab morgen woanders eingesetzt. Wann immer du dich in dieses Büro schleichen kannst, wirst du in meiner Manteltasche eine Schnitte Brot finden. Du musst aber sehr vorsichtig sein. Sollte man dich hier erwischen, wird das schlimme Konsequenzen haben. Ich möchte nicht übertreiben, aber ich vertraue dir mein Leben an."
Kein Wiedersehen mehr mit Wohltäter
Leider wurde ich in einen entfernten Teil der Fabrikhalle verlegt, so dass ich keine Möglichkeit mehr hatte, in das Büro des großzügigen und mutigen Mannes zu gelangen. Es war viel zu gefährlich, den Arbeitsplatz zu verlassen. Pausenlos standen wir unter Beobachtung der Kapos und SS-Posten. Meinen Wohltäter und sein selbstloses Handeln habe ich seitdem nie vergessen.
Ich habe erlebt und überlebt!: Das Leben des Menschen ist vom Schicksal bestimmt
Josef KönigsbergKein Volk besteht ausschließlich aus Folterern und Verbrechern. In der Nazizeit nahm zwar ein großer Teil der Bevölkerung hilflos und passiv zur Kenntnis, wie verächtlich und skrupellos sich das Hitler-Regime verhielt. Trotz großer Gefahren gewährten aber nicht wenige Leute den verfolgten Juden Unterschlupf in der eigenen Wohnung oder versteckten sie an anderen Zufluchtsorten. Äußerst selten begegnete man solchen Menschen auch in den Reihen der SS.