NS-Täterkinder: Opa finden verboten
NS-Täterkinder Opa finden verboten
Dr. Silvia Amella Mai, geb. 1961, studierte Kulturwissenschaft und Sprachen in Kiel, Groningen (Niederlande) sowie Münster und absolvierte eine postgraduierte Ausbildung zur Wissenschaftlichen Dokumentarin an der Hochschule Potsdam. Sie veröffentlichte neben Fachpublikationen mehrere Biografien, musikwissenschaftliche und studentenhistorische Fachartikel. Die Lebensgeschichte ihres Großvaters hat sie in der Biografie "Wilhelm Frank: Von Fürth bis an die Front (1909 - 1943)" aufgeschrieben. Mai lebt mit ihrem Ehemann in Frankfurt am Main und arbeitet als Informationsspezialistin ihres eigenen Unternehmens.
Ich wollte Klarheit haben über meinen Großvater, über seinen Werdegang und gleichzeitig über eine Vergangenheit, die noch immer in die Zukunft ragt.
Mein Großvater mütterlicherseits hatte in der Wehrmacht gedient, mehr wusste ich nicht. Merkwürdig, obwohl wir Enkelkinder unsere gesamten Ferien bei meiner Oma verbrachten, erfuhren wir nichts weiter über ihn. Es gab keine Erinnerungen, keine Fotos, er wurde noch nicht einmal erwähnt. Nachfragen wurde stets gleichlautend und nachhaltig abwehrend beantwortet. Er war im Krieg "geblieben". Seine Kinder entzogen sich mit dem Argument, sie seien damals zu jung gewesen. Schwer nachvollziehbar, dass sie in den 60 Jahren bis zum Ableben meiner Oma keine Gelegenheit wahrnahmen, mit ihr über den eigenen Vater zu sprechen.
Opa wurde totgeschwiegen, Unterlagen vernichtet. Aber seine Spuren waren nicht gänzlich ausgelöscht, in den unterschiedlichsten Archiven schlummern noch vielfältige Belege. Meine Recherchen fingen mit Schulzeugnissen an, deren Inhalt im Nachhinein eine gewisse Komik barg: Mein Opa war sitzengeblieben. Zwei Mal. Was mussten wir uns als Schulkinder alles anhören, wenn ein blauer Brief nach Hause kam. Von wegen, "früher" hätte es so etwas nicht gegeben. Es folgten Nachweise über seine Ausbildung zum Straßenbauer, weiter zum Bauingenieur an einer Fachschule. Im September 1933 Eintritt in die SA. Auf einem Foto aus seinem burschenschaftsähnlichen Club gruppieren sich 1933 die jungen Männer vor dem Bild des "Führers", eine Hakenkreuzfahne daneben. Heirat 1935 an "Führers Geburtstag". Eintritt in die NSDAP 1937 und Beförderung zum Scharführer der SA. 1941 kam er als Mitglied der Organisation Todt (OT) nach Reval, Riga und Bobruisk.
Soweit eine normale Karriere, auch im "Dritten Reich" nichts Spektakuläres. Warum kann darüber nicht geredet werden? Weil ihm 1938 Zwangsarbeiter aus dem KZ Flossenbürg - meine Großeltern wohnten nur zwölf Kilometer entfernt - beim Straßenbau zuarbeiten mussten, ebenso 1941 und 1942 im sogenannten Ostland? Ich weiß nicht, wie er mit ihnen umgegangen ist, hatte nur einen Hinweis. In einer Klage gegen die Holzmann AG, die in den vierziger Jahren von der OT mit KZ-Häftlingen versorgt wurde, las ich die Aussage einer Zwangsarbeiterin über einen erbarmungslosen OT-Mitarbeiter. War mein Opa auch so? Hat meine Großmutter deshalb seine Feldpostbriefe beseitigt, das wenige Persönliche, was ihr nach achtjähriger Ehe von ihm blieb? Hatte er ihr darüber berichtet? War das der eigentliche Grund seines Verschwiegenwerdens?
Er ging in dem neuen Regime auf und wurde sogar Regierungsbauinspektor. Vieles habe ich trotz intensiver Studien nicht verstanden. Warum hat er sich 1942 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, obwohl er "uk", also freigestellt war? Wie unsinnig, einen gut ausgebildeten sachverständigen Bauingenieur als unerfahrenen Gefreiten einzusetzen. Warum musste er mit Gewalt in den Kaukasus vordringen, um dort bei minus 40 Grad zu zelten und Einheimische umbringen? Und warum haben die Nazis die jüdische Bevölkerung (0,7 Prozent!) nicht bequem qua Gesetz ausgewiesen, warum mussten sie so ekelhaft brutal menschenunwürdig vorgehen? Wie konnte sich dieser kaum 1,60 Meter kurzgewachsene Mann als überlegener Herrenmensch fühlen? Er blieb ja nur deshalb von rassistischer Verfolgung verschont, weil er keine jüdischen Vorfahren hatte. Das war keineswegs sein eigener Verdienst. Der christliche Glaube von über 60 Millionen Deutschen wurde einfach per Gesetz in ein biologisches Merkmal verwandelt, hokuspokus waren sie deklarierte "Deutschblütige", reinrassig, "arisch". Nur die Nächstenliebe musste gestrichen werden. Aber dann hat es ihn 1943 auf dem Schlachtfeld im totalen Krieg zerfetzt. Ein gefallener Mann.
Verbissenes Schweigen
Im Zuge meiner familiären Geschichtsaufarbeitung erfuhr ich von vielen anderen Forschenden dasselbe Dilemma, wenn es um die Zeit von 1933 bis 1945 geht: verbissenes Schweigen. Tauchen Fakten auf, wird mit Leugnen oder Vortäuschung von Nichtwissen reagiert. Ist die kollektiv aufgesetzte Unbedarftheit, selbsterzwungenes Vergessen und Verdrängen eine Flucht vor möglichem Rechtfertigungsdruck? Besteht da ein Zusammenhang, dass die ältere Generation en masse an Demenz erkrankt? Die eigene Familie bremst aus, diffamiert, blockiert. Da zeichnete sich ein Muster ab. Die eigenen Angehörigen lassen uns mit den seelischen Trümmern ihres früheren Lebens allein.
Warum stehen Mitwisserinnen wie meine Oma nicht einfach zu ihren damaligen Ansichten und Handlungen? Warum erschweren auch die Kriegskinder durch Unterdrückung ihres Wissens mit voller Absicht die Wahrheitsfindung? Weil sie sich für den Selbstschutz entschieden. Nach uraltem Prozessrecht haben Zeugen und Angeklagte das Recht zu schweigen, wenn sie sich selbst belasten würden. Genau diese Selbstbelastungsfreiheit nutzen ebenso Verwandte und Verschwägerte gnadenlos, widersetzen sich unerbittlich, ihr Mitwissen zu teilen und nehmen billigend in Kauf, uns nachfolgende Generationen moralisch zu belasten. Wir alle kennen den Fall Jakob von Metzler, dessen Entführer sich kategorisch weigerte, über den Aufenthalt des von ihm 2002 entführten Kindes auszusagen. Für dieses Recht wurde der kleine Junge geopfert. Summum ius summa inuria - das höchste Recht kann auch das höchste Unrecht sein. Nicht die Erkenntnis, ob eigene Verwandte verbrecherisch, unmenschlich handelten, wäre so schmerzhaft. Es ist diese Ungewissheit, die uns nachhaltig verstört und die in unsere Gegenwart ragt.
Ob es alte Kriegsbomben sind, Blindgänger, und wir unsere Wohnviertel deswegen evakuieren müssen, Aufmärsche von Rechtsradikalen, Gerichtsprozesse gegen endlich aufgespürte KZ-Mörder, antisemitische Äußerungen, Fernseh-Dokumentationen über Nazibonzen, den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, ob Diskussionen über Entschädigungszahlungen oder ganz persönliche Erlebnisse, wie auf einer Hochzeit in Israel. Die Korona auffallend jung, es feierten kaum ältere Verwandte mit, weder Großeltern noch Tanten, Onkel, Cousinen oder Cousins. Uns deutschen Gäste wurde schlagartig bewusst, dass sie nicht grundlos fehlten - sie waren in Konzentrationslagern qualvoll umgebracht worden. 70 Jahre nach Kriegsende wirkt das "Tausendjährige Reich" immer noch zerstörerisch nach.
Großvater wurde als Mittel zum Zweck benutzt, um vermeintliche Selbstachtung zu erhalten. Das sind egozentrische Motive aus Angst um das eigene Ansehen, weniger um das des Ehemanns oder Vaters. Was bedeutet, dass sein Bild in den Köpfen meiner Vorfahren ganz und gar nicht klar, sondern eher zerrissen ist. Aus dieser Unsicherheit heraus wurde er radikal verbannt, sicherheitshalber auch sein Dasein im Kaiserreich und in der Weimarer Republik komplett verheimlicht. Das hat er nicht verdient. Deshalb habe ich in vierjähriger Arbeit sein Leben in einem Buch rekonstruiert. Auf mein Publikationsvorhaben reagierte meine Mutter heftigst, ja sogar mit explizitem Verbot. Das sei IHR Vater, der gehe mich nichts an. Warum diese explosive Empörung? Will sie sich ein rein positives Bild über ihren Vater bewahren? Welches ist das überhaupt? Denn nicht einmal eine noch so harmlose kleine nette Begebenheit wurde überliefert.
In meinem Buch habe ich sein Leben als Ganzes beschrieben. Ich wollte nicht nur einen Ausschnitt zeigen. Mein Großvater sollte wieder an den Platz in der Ahnenreihe zurückkehren, der ihm gebührt; wie er war und geworden ist. Schließlich würde ich ohne ihn nicht existieren, er ist Teil meiner Wurzeln. Mein Opa.
Wenn auch Sie die Lebenswege Ihrer Vorfahren während der Zeit des Nationalsozialismus nachverfolgen möchten, finden Sie hier eine Aufstellung der in den Protokollen erwähnten Dokumente und Archive für Ihre eigene Spurensuche.
Leider gibt es nicht nur eine Anlaufstelle, in der alle relevanten Unterlagen für diese Zeit gelagert sind. Durch Kriegsverluste variiert die Wahrscheinlichkeit, in Archiven Antworten auf Fragen zu erhalten.Militärdienst, Militäreinsätze, Auszeichnungen, Verwundungen, Kriegsgefangenschaften:
Die "Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht" kurz "WASt" (http://www.dd-wast.de/ ) erteilt Auskünfte über alle Aspekte im Zusammenhang mit dem Militärdienst in der Wehrmacht. Angaben zu Beginn und Ende des Wehrdienstes, über Zugehörigkeiten zu verschiedenen Truppenteilen, Beförderungen, Auszeichnungen, etc. Darüber hinaus können auch Informationen über mögliche Verwundungen oder Kriegsgefangenschaften vorhanden sein, oftmals sogar mit Fotos.
Weitere Unterlagen zu Kriegsgefangenschaften, Verhören, etc. können sich eventuell auch in den Hauptarchiven der alliierten Streitkräfte, z. B. in den National Archives in London oder Washington, DC befinden.
Kategorie I: Hauptschuldige (Kriegsverbrecher)
Kategorie II: Belastete (Aktivisten, Militaristen und Nutznießer)
Kategorie III: Minderbelastete
Kategorie IV: Mitläufer
Kategorie V: Entlastete
Die Akten der Kategorien IV und V werden meist in den regionalen Stadt-, Staats- oder Landesarchiven aufbewahrt, abhängig vom Wohnort zum Zeitpunkt der Erhebung. Die Akten der Personen, die in die Kategorien I - III befinden sich ausschließlich im Bundesarchiv Berlin (http://www.bundesarchiv.de/bundesarchiv/dienstorte/berlin_lichterfelde/index.html.de ).
Prozessakten:In Spruchkammerverfahren wurden zwischen 1946-1949 in den drei westlichen Besatzungszonen Personen, die in die oben erwähnten Kategorien I und II eingeteilt waren, verurteilt. Oftmals endete ein Verfahren mit einer Einstufung als Mitläufer. Diese Akten werden im Bundesarchiv Koblenz (http://www.bundesarchiv.de/bundesarchiv/dienstorte/koblenz/index.html.de ) verwahrt.Als zentrale Anlaufstelle für Akten zu Nachkriegsprozessen aller bundesweiten Staatsanwaltschaften und Gerichte seit 1958 sollte jedoch das Bundesarchiv Ludwigsburg (http://www.bundesarchiv.de/bundesarchiv/dienstorte/ludwigsburg/index.html.de ) (Zentralstelle für Aufklärung von NS-Verbrechen) kontaktiert werden. Hier gibt es neben vielen Originalakten auch Kopien der sonst regional aufbewahrten Akten. Des Weiteren können Originale einiger Verfahrensakten Nationalsozialistischer Gewaltverbrechen auch in den Archiven am Ort der jeweiligen Prozesse recherchiert werden.Personalakten von Offizieren:Im Bundesarchiv Freiburg (http://www.bundesarchiv.de/bundesarchiv/dienstorte/freiburg/index.html.de ) existieren Personalakten der Offiziere. Diese Akten können Unterlagen wie persönliche Führungszeugnisse, Aufstellungen der Dienstlaufbahn, mit Beförderungen, Auszeichnungen, Einsätze in Truppenteilen enthalten. Aber auch Fotos sowie Angaben zu Lehrgängen, Beurteilungen von Charakter und Persönlichkeit, Führungsqualitäten können hier überliefert sein.Zusätzliche Hintergrundinformationen:Wer den Werdegang des Vorfahren in historischen Zusammenhang setzen möchte, wird in der weiterführenden Fachliteratur fündig, die man im Fachhandel und über das Internet bekommt oder in regionalen Archiven oder Universitätsbibliotheken einsehen kann. Dort ist auch eine Recherche in historischen Zeitungen möglich.
Die Historiker und Mitarbeiter der vielen Gedenkstätten, die meist an Plätzen der Gräueltaten der Nationalsozialisten angesiedelt sind, geben ebenfalls Auskunft oder bieten Seminare zu verschiedenen Themen der NS-Zeit an. Hier sei beispielsweise die Gedenkstätte des KZ-Neuengamme (http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/index.php?id=424 ) genannt.Trotz der Kriegswirren sind verhältnismäßig viele Dokumente bis zum heutigen Tag erhalten geblieben. Die Recherche kann kostspielig sein und ist vor allem langwierig. Zur Zeit dauert die Bearbeitung einer Anfrage bei der WASt mehr als 12 Monate. Die einzelnen Archive und Gedenkstätten sind sehr hilfreich und verweisen an andere Stellen für die Fortsetzung der Recherche.
Diese Aufstellung ist nur eine kleine Auswahl der möglichen Quellen, die personenbezogenen Unterlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus preisgeben. Auch wurden hier nur die Unterlagen über Täter, nicht jedoch die für die Recherche nach Opfern erwähnt.Andrea Bentschneider bietet seit 2004 mit ihrer Agentur Beyond History professionelle Ahnen- und Familienforschung an. Sie ist Vorsitzende des Berufsverbandes der deutschen Berufsgenealogen.(http://www.beyond-history.de/de/index.php )