Oktoberfestattentat 1980: Bombenterror vor dem Bierzelt - DER SPIEGEL
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Oktoberfestattentat: Bombenterror vor dem Bierzelt

Foto: Istvan Bajzat / dpa

Oktoberfestattentat Bombenterror vor dem Bierzelt

1980 zündete ein rechtsextremer Attentäter im Getümmel des Oktoberfestes einen Sprengsatz. Bernd Kellner war gerade auf der Wiesn angekommen, als die Bombe hochging und 13 Menschen tötete. Auf einmal fand er sich in der Hölle wieder - sein Taxi rettete ihm das Leben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 26. September 1980 explodierte auf dem Münchner Oktoberfest eine Bombe, die 13 Menschen tötete und mehr als 200 zum Teil schwer verletzte. Offiziell gilt bis heute der damals 21-jährige Geologiestudent Gundolf Köhler als Alleintäter. An dieser Version gibt es allerdings immer wieder Zweifel. Fest steht, dass Köhler der rechtsextremistischen Organisation der "Wehrsportgruppe Hoffmann" angehörte. Der Anschlag markierte "eine völlig neue Dimension des Grauens", wie der SPIEGEL damals schrieb. Nie zuvor hatten rechte oder linke Terroristen Anschläge auf belebte Plätze oder Bahnhöfe verübt. Bernd Kellner war an jenem 26. September gerade am Haupteingang des Oktoberfestes angekommen, als in zwölf Metern Entfernung die Bombe hochging. Auf einestages schildert er seine Erinnerungen:

Noch nie habe ich einen so lauten Knall gehört. Ich war damals Student und hatte gerade mit meinem Taxi ein paar Leute zum Oktoberfest gefahren. Um 22.18 Uhr ließ ich sie am Haupteingang raus, sofort stiegen wieder vier Gäste ein. Als ich mich gerade zu ihnen umschaute, um zu sehen, wen ich denn da im Auto hatte, explodierte die Bombe.

Ich hatte nur etwa zwölf Meter entfernt gehalten. Die Leute, die gerade eingestiegen waren, rissen alle, ohne ein Wort zu sprechen, die Türen auf und rannten weg. Ich blieb allein zurück und überlegte ein paar Sekunden lang, was da eigentlich gerade passiert war.

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Oktoberfestattentat: Bombenterror vor dem Bierzelt

Foto: Istvan Bajzat / dpa

Dann bin ich ausgestiegen. Ich sah, wie eine zerfetzte Leiche von meinem Kofferraum rutschte. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass dies der Attentäter war. Ich bin zurück ins Taxi und habe in den laufenden Funkverkehr hineingesprochen. Die Frau von der Zentrale herrschte mich zuerst an, das gehe so nicht, und ich entgegnete ihr etwas in der Art: "Sie hören mir jetzt genau zu und machen das, was ich sage." Dann habe ich Alarm gegeben. Das Ganze dauerte vielleicht ein, zwei Minuten.

Danach bin ich wieder ausgestiegen. Es war alles ruhig, niemand schrie, niemand stöhnte, und ich stand da, inmitten von Toten und Verletzten. Kurz vor meiner Ankunft war der Platz mit Hunderten von Menschen bevölkert gewesen. Alle, die es noch konnten, waren weggerannt. Ich war der einzige stehende Mensch in all dem Chaos.

"Ich habe Dinge gesehen, die mir den Atem verschlugen"

Nach ein paar Minuten kamen die Leute zurück. Als erstes ein kleines Mädchen. Sie kam auf mich zu, nahm mich an der Hand, führte mich zu einem anderen Mädchen und sagte: "Schau mal, das ist meine Schwester. Ist sie tot?" Das Kind lag am Boden mit offener Schädeldecke. Die Mutter der beiden lag daneben. Ihr eines Bein war weggerissen, aber sie schrie nicht und schien keine Schmerzen zu haben. Auch blutete sie nicht. Neben ihr saß ihr Schäferhund.

Ich bin dann durch die Verwundeten und Toten gelaufen und habe die am schlimmsten Verletzten gesucht, um die Notärzte gleich nach ihrem Eintreffen dirigieren zu können. Ich habe Dinge gesehen, die mir den Atem verschlugen. Als die ersten Rettungskräfte dann eintrafen, waren viele überfordert. Sie kamen aus allen Richtungen und Stadtteilen. Aber so etwas hatte ja keiner vorher sehen müssen. Ich habe dann mit der verletzten Frau gewartet, bis sie ins Krankenhaus abtransportiert wurde.

Es gab auch eine Familie, da sind zwei Kinder getötet worden. Der Vater war der einzige, der nicht verletzt wurde. Er war auch anfangs weggelaufen und dann wiedergekommen. Er war ziemlich betrunken, und als er seine toten Kinder und seine verletzte Frau gesehen hat, ist er total durchgedreht, hat geschrien. Einfach gellend geschrien.

Wie ein Roboter

Dann erinnere ich mich noch an eine andere Szene, die sich mir eingeprägt hat. Da war ein Betrunkener, der einen abgetrennten Fuß hochgehoben hat, aus dem der Knochen raus stand. Er hat ihn in sein Jacket gesteckt. Ein Polizeibeamter ist zu ihm hin und hat ihn mit einem Faustschlag niedergestreckt.

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Nach ungefähr zwei Stunden, als es für mich nichts mehr zu tun gab, bin ich zu meinem Taxi zurück und bin die Schicht zu Ende gefahren. Ich habe einfach nur funktioniert, wie ein Roboter, doch ich war voll handlungsfähig. Vielleicht war das so, weil ich ja im Auto saß, als die Bombe hochging, und ich die Druckwelle nicht so unmittelbar wie die anderen Passanten erlebt habe. Ich weiß es nicht. Jeder reagiert eben anders.

Mir ist das alles heute so gegenwärtig wie damals. Ich hatte nie Alpträume. Das hat mich sehr gewundert, anfangs war ich selbst über mich erschrocken. Jedes Jahr gehe ich ein-, zweimal auf die Wiesn. Dann gehe ich immer an dem Platz vorbei, wo heute ein Denkmal an das Attentat erinnert, und halte einen Augenblick inne.

Aufgezeichnet von Ariane Stürmer