Panzerschlacht von Kursk 1943 Die vielleicht größte Schlacht aller Zeiten
Momentaufnahme aus der Schlacht bei Kursk, 6. Juli 1943: Aufklärer und Überläufer hatten die deutschen Pläne verraten
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Mit Rekorden muss man in der Geschichtswissenschaft vorsichtig sein. Ob die »Schlacht bei Kursk« im Zweiten Weltkrieg die größte Schlacht aller Zeiten war, wie manchmal behauptet wird, lässt sich schon deshalb schwer verlässlich sagen, weil belastbare Quellen für viele andere Auseinandersetzungen fehlen. Doch eines ist unzweifelhaft: Das Gefecht im Kursker Bogen vom 5. bis 13. Juli 1943 zwischen der deutschen Wehrmacht und der sowjetischen Roten Armee war wohl die größte Landschlacht und auch ein strategischer Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs.
Der deutsche Überfall auf die UdSSR 1941 (»Unternehmen Barbarossa«) begann zunächst mit deutschen Erfolgen. Bald aber fuhr sich der Angriff jeweils vor Leningrad, Moskau und am Don fest. 1942 legte der nationalsozialistische Diktator Adolf Hitler den operativen Schwerpunkt auf die Südfront: Die Ukrainische Sowjetrepublik mit ihrer für Deutschland überlebenswichtigen Industrie und Landwirtschaft hatte er besetzt, seine Ziele waren nun die Wolgamündung ins Kaspische Meer und der Kaukasus mit seinem Erdöl. Beide wollte er in einer Doppeloffensive ab Juli 1942 unter Aufteilung seiner Heeresgruppe Süd erobern (»Fall Blau«).
Wehrmachtssoldaten während einer Kampfpause: Die sowjetischen Reserven unterschätzt
Foto: Scherl / SZ Photo / picture allianceMit dem Sieg der Sowjetunion über die 6. Armee bei Stalingrad im Norden im Winter 1942/43 und dem anschließenden Rückzug der deutschen Kräfte aus dem Kaukasus Anfang 1943 scheiterte dieser Plan. Einen Durchbruch in Südwestrussland hatte die Sowjetführung damit verhindert. Doch noch immer stand die nach Stalingrad neu formierte deutsche Heeresgruppe Süd in der Ostukraine. Zudem hatten die Deutschen im März nach zähen Kämpfen Charkow (heute Charkiw) zurückerobert, das kurz nach Stalingrad an die Sowjets gefallen war. Nördlich von Charkow ragte die sowjetische Front nun über eine Länge von etwa 200 Kilometern tief nach Westen hinein, etwa 150 Kilometer weit. Im Zentrum dieses Frontzipfels lag die Stadt Kursk.
Ihren Vorteil konnten die Deutschen nicht ausspielen
Diesen »Kursker Bogen« wollte die Wehrmachtsführung, ermutigt durch den Erfolg bei Charkow, abschneiden. Die Initiative hierzu im deutschen Oberkommando ging wohl, da ist sich die Forschung inzwischen einig, weniger von Hitler aus als von einer Gruppe Spitzenmilitärs. Allen voran Feldmarschall Erich von Manstein, der die Heeresgruppe Süd befehligte. Im Morgengrauen des 5. Juli 1943 begann mit diesem Ziel das »Unternehmen Zitadelle«, ein »Gemeinschaftsunternehmen« der Heeresgruppen Mitte und Süd.
Aufklärung und Überläufer hatten die deutschen Pläne freilich verraten, und so empfingen die Sowjets die Deutschen mit massiertem Artilleriefeuer. Auch hatte das deutsche Oberkommando die sowjetischen Reserven unterschätzt. Und so wurde aus einer eigentlich begrenzten Frontbegradigung die wohl größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs; nach Einschätzung des Doyens der Militärgeschichte Karl-Heinz Frieser vielleicht sogar »die größte Schlacht der Geschichte« mit knapp drei Millionen beteiligten Soldaten. Gekämpft wurde mit Panzern, mit Schlacht- und Jagdfliegern sowie am Boden mit Infanterie und Artillerie.
Infanterie der Roten Armee während der Schlacht von Kursk: Sowjetische Überzahl
Foto: Laski Diffusion / Getty ImagesZahlenmäßig waren die Deutschen den Sowjets im Verhältnis 3:1 (Soldaten) bzw. 2:1 (Panzer) und 5:1 (Artillerie) unterlegen, doch setzten sie auf ihren technischen Vorsprung. Auf dem Papier waren die deutschen Panzer Panther und Tiger dem leichteren und wendigeren russischen T-34 vor allem an Panzerung und Feuerkraft tatsächlich überlegen. Aber diesen Vorteil konnten sie aufgrund der sowjetischen Überzahl und eklatanter Wartungsmängel nicht wirksam zur Geltung bringen; wie etwa der Historiker Karsten Heinz Schönbach betont, mussten auch nur als beschädigt gemeldete Fahrzeuge de facto oft ganz abgeschrieben werden.
Die Schlacht hatte zwei Schwerpunkte: Das Gebiet um Orel im Norden und jenes um Belgorod im Süden. Bei Prochorowka nördlich von Belgorod kam es am 12. Juli zu einem Gefecht zwischen jeweils mehreren Hundert Panzern, das als »größte Panzerschlacht der Geschichte« gilt. Die deutsche 4. Panzerarmee unter Generaloberst Hoth und die sowjetische 5. Gardepanzerarmee unter Generalleutnant Rotmistrow lieferten sich einen verbissenen Kampf. Lange galt Prochorowka als überragender sowjetischer Sieg. Nach Auswertung des Zahlenmaterials ergibt sich jedoch ein differenziertes Bild, manches scheint sogar auf einen deutschen Teilerfolg zu deuten. Das ist freilich unerheblich, weil Hitler bereits am 13. Juli die Offensive abbrach und am 16. Juli auch seine Panzerelite aus der Schlacht zog.
Grund hierfür war nicht, wie insbesondere Manstein in seinen Memoiren behauptet hat, die Landung der Westalliierten auf Sizilien am 10. Juli, vielmehr war es die Sorge Hitlers um den deutschen Frontvorsprung im Süden des Kursker Bogens, im Donezbecken. Zudem musste man auf die während der Kämpfe bei Prochorowka angelaufene Operation Kutusow reagieren, in der die Sowjets bei Orel im Norden durchbrachen und, das ergibt sich etwa aus dem Kriegstagebuch der dort kämpfenden 9. Armee, die schwache deutsche Heeresgruppe Mitte in Gefahr brachten. Diese beiden Faktoren ließen Unternehmen Zitadelle nach nur zehn Tagen scheitern.
Der »Schwanengesang der deutschen Panzerwaffe«
Der Abwehrerfolg bei Kursk stieß für die Sowjets das Tor auf zur Ukraine. Am 23. August fiel Charkow. Und auch das Donezbecken im Süden, das die Deutschen im Anschluss an Kursk noch vorläufig hatten halten können, ging im Rahmen der Schlacht am Dnepr bis Herbst verloren. Am 6. November 1943 fiel Kiew, die Ostukraine war in sowjetischer Hand. An Weihnachten 1943 begann dann mit der Dnepr-Karpaten-Großoffensive die Befreiung der Westukraine durch die Rote Armee.
Kursk und was unmittelbar danach kam, sorgte vor allem in der Roten Armee für enorme Verluste. Für die Zeit vom 5. Juli bis zum Fall von Charkow kommt der Historiker Roman Töppel, der aktuell vielleicht beste deutschsprachige Kenner der Ostfront, auf 863.000 sowjetische und 203.000 deutsche Verluste an Menschen, d.h. Gefallene, Vermisste, Verwundete und Kriegsgefangene zusammen. Der russische Historiker Boris Sokolow, ein scharfer Kritiker der offiziösen sowjetischen Geschichtsschreibung und auch des Putin-Regimes, zählt sogar allein eine Million sowjetischer Gefallener. Am Ende entscheidend aber war: Seine Materialverluste konnte das deutsche Heer nicht mehr voll ersetzen. Marschall Konew, der die Steppenfront im Südabschnitt befehligte, hatte Kursk den »Schwanengesang der deutschen Panzerwaffe« genannt; sein Zitat wurde zum geflügelten Wort.
Sowjetische Soldaten inspizieren einen erbeuteten deutschen Panzer: Die Ära der deutschen Rückzüge begann
Foto: AP / picture allianceAber war Kursk nun ein bzw. der Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs? So sieht es der britische Historiker Richard Overy, der Kursk mit Waterloo 1815 verglich, und mit ihm viele Historiker der älteren Generation. Für Töppel dagegen hat schon das Scheitern des deutschen Vormarsches 1941 die deutsche Niederlage im Osten besiegelt; Experten wie Johannes Hürter und Stephan Malinowski pflichten ihm hier grundsätzlich bei. Auch Frieser nennt die Schlacht im Kursker Bogen eine »virtuelle Wende«, die nur sichtbar gemacht habe, was ohnehin schon manifest war.
Unstrittig ist, dass Kursk der letzte Versuch der deutschen Heeresführung zu einer Großoffensive im Osten war. Wäre sie gelungen, hätte dies womöglich Stalin kompromissbereit stimmen und dessen Koalition mit den Westmächten gefährden können, die sich schon im Januar 1943 in Casablanca auf die bedingungslose Kapitulation Deutschlands als Kriegsziel verständigt hatten. So aber wurde »Zitadelle« zum Auftakt einer schier endlosen Reihe sowjetischer Gegenoffensiven, und es begann die Ära der deutschen Rückzüge.
Der Ruf von Kursk als kriegsentscheidendem Wendepunkt ebenso wie die von Prochorowka als größter Panzerschlacht ist jedoch auch ein Produkt einst sowjetischer und heute russischer Propaganda. Dass ausgerechnet hier die russischen Truppen in ihrem Angriffskrieg gegen die Ukraine einen Gegenschlag hinnehmen müssen, dürfte die Führung um Putin zweifelsohne empfindlich treffen.
Zum Weiterlesen: Karl-Heinz Frieser et al. (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 8: Die Ostfront 1943/44 – Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten; DVA; 1350 Seiten; 49,80 Euro; Roman Töppel: Kursk 1943. Die größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs; Schöningh; 289 Seiten; 29,90 Euro.