Arschkarten der Geschichte: Knapp daneben ist auch vorbei
Pechvögel der Geschichte Knapp am Ruhm vorbei
I often think of Michael Collins sitting in Columbia
I wonder if anyone on Earth was ever lonelier
Staring out into the darkness, circling the moon alone
Counting stars, a quarter of a million miles from home
(aus dem Song "Michael Collins" von The Boy Least Likely To)
Er spürte Panik in sich aufsteigen. Michael Collins schaute seinen beiden Kollegen nach, die in der Dunkelheit davonglitten. Er stammelte in den Funk: "Jungs, redet mit mir!" Jahre hatte er auf diesen Moment hingearbeitet. Doch wie funktioniert so etwas, die Vorbereitung auf das Unvorstellbare?
Einige Minuten später hörte der Raumfahrer Collins in der Kommandokapsel des Raumschiffs Columbia nichts mehr. Unruhig schrieb er in sein Notizheft: "Ich schwitze wie eine nervöse Braut." Er war nun so einsam wie nie ein Mensch zuvor. Er wartete auf ein Funksignal, das dort, wo er sich befand, nicht eintreffen konnte.
Michael Collins, geboren in Rom, aufgewachsen in Oklahoma, New York, Puerto Rico, Texas und Virginia, war auf der dunklen Seite angekommen - on the dark side of the moon. Zwischen ihm und der Menschheit: der Mond plus 400.000 Kilometer Weltraum. Collins schrieb: "Ich bin nun wirklich allein. Absolut allein in Bezug auf alles bekannte Leben. Ich bin es."
Der unsichtbare Dritte, ein vergessener Astronaut
Es war der 20. Juli 1969, auf der hellen Seite des Mondes schrieben seine beiden Kollegen Geschichte. Neil Armstrong und Edwin "Buzz" Aldrin waren die ersten Menschen auf dem Mond. Den kleinen Schritt Armstrongs verfolgten auf der Erde mehr als eine halbe Milliarde Menschen, sie hörten seine Stimme. Michael Collins war näher dran als jeder andere Mensch - in diesem denkwürdigen Moment hörte und sah er jedoch: nichts.
Eine kleine Parade der Pechvögel:einestages zeigt, wer Ruhm und Reichtum nur haarscharf verpasst hat
Arschkarten der Geschichte: Knapp daneben ist auch vorbei
"Meine heimliche Angst in den vergangenen sechs Monaten war, dass ich beide auf dem Mond zurücklassen müsste und allein zurück zur Erde kommen würde", notierte Collins im Raumschiff Columbia. "Sollten sie es nicht zurück schaffen, wäre ich Zeit meines Lebens ein gebrandmarkter Mann."
Richard Nixon, damals US-Präsident, hatte schon im Vorfeld einen Nachruf schreiben lassen. In seinem Redemanuskript für den Fall einer gescheiterten Mission standen folgende Sätze: "Das Schicksal hat befohlen, dass die Männer, die in friedlicher Absicht den Mond erkunden wollten, dort ihren Frieden finden. Diese mutigen Männer, Neil Armstrong und Edwin Aldrin, wissen, dass es keine Hoffnung auf Rettung gibt. Aber sie wissen auch, dass in ihrem Opfer Hoffnung für die Menschheit liegt."
Video zur Mondlandung: "Ein großer Sprung für die Menschheit"
Armstrong und Aldrin waren schon vor dem Start Helden. Auf dem Mond schickte ihnen Nixon per Funk Glückwünsche. Collins vergaß er. Und als sie es zurück auf die Columbia schafften, schließlich zurück auf die Erde, waren Armstrong und Aldrin Legenden. Collins hatte sie nicht wie befürchtet zurückgelassen auf dem Mond. Er hatte sie dort wieder abgeholt - und war dann selbst irgendwie zurückgelassen worden. Collins war der unsichtbare Dritte im Raumschiff: der "vergessene Astronaut".
Zehn Prozent von drölf Fantastilliarden
Michael Collins ist das Paradebeispiel eines Menschen, dem nur eine Nebenrolle blieb bei Weltereignissen, bei großen Momenten der Politik-, Wirtschafts- oder Kulturgeschichte. Berühmt werden können hätte beispielweise der Erfinder Elisha Grey. Aber er verlor 1876 das Rennen zum Patentamt gegen Alexander Graham Bell, beim Begriff Telefon denkt heute keiner mehr an ihn. Jason Everman spielte Gitarre und Bass in den legendären Grunge-Bands Nirvana und Soundgarden - jedoch jeweils vor dem großen Erfolg. Er ging dann zum Militär.
Oder Ron Wayne: 1976 gründete er mit Steve Jobs und Steves Wozniak die Computerfirma Apple und verkaufte seine Anteile nach nur zwölf Tagen für 800 US-Dollar. Zuvor hatte er das erste Firmenlogo gezeichnet, das allerdings schnell durch den dann weltbekannten angebissenen Apfel ersetzt wurde. Seine zehn Prozent hätten ihn zum Multimilliardär gemacht, wäre er nicht ausgestiegen. Doch Ron Wayne spielt in der Geschichte von Apple nur noch eine Nebenrolle.
Fast berühmt, knapp vorbei am Legendenstatus - das gilt auch für Jacob Davis, der 1870 die Nietenjeans erfand, sich aber das Patent nicht leisten konnte. Das übernahm ein anderer: Levi Strauss. Der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Außer für den Erfinder Davis.
Schwereloser Job, bodenständiges Restleben
Fast ein Jahrhundert später später sorgten die Männer von Apollo 11 für den Höhepunkt der bemannten Raumfahrt. Am Nachmittag des 24. Juli 1969 landete die Kapsel des Raumschiffes Columbia mit Armstrong, Aldrin und Collins im Pazifik. Das Bergungsschiff USS Hornet holte sie an Bord. Wenig später schaute Nixon dankbar auf die Männer in der Quarantäne-Station.
Um Collins, damals 38, wurde es schnell ruhiger. Er verabschiedete sich vom aktiven Weltraumreisen und verzichtete so auf einen möglichen Mondspaziergang bei einer späteren Mission. Erst wurde er Staatssekretär im US-Außenministerium, dann Direktor des National Air and Space Museums und gründete 1985 eine Beratungsfirma. Dieser Experte für Schwerelosigkeit führte ein bodenständiges Leben - trotz aller Auszeichnungen und eines eigenen Kleinplaneten: 6471 Collins.
Bis heute sieht der "vergessene Astronaut" das, was 1969 die Welt in Atem hielt, nüchtern: "Wir haben hart gearbeitet, wir haben unsere Arbeit nahe an der Perfektion betrieben. Aber dafür waren wir auch angestellt." Mit seiner nach außen hin undankbaren Aufgabe bei der Mondlandung hat er seinen Frieden gefunden. Vielleicht auch, weil er sah, wie Armstrong bis zu seinem Tod 2012 die Aufmerksamkeit zu schaffen machte und wie Aldrin versuchte, die Auswirkungen mit Alkohol zu bekämpfen.
"Ich weiß, dass ich ein Lügner oder Idiot wäre, wenn ich sagen würde, dass ich den besten der drei Plätze von Apollo 11 hatte", sagte Collins einmal. "Aber ich kann ehrlich sagen: Ich war zufrieden mit dem, den ich hatte."