Pinselstriche der Politik - DER SPIEGEL
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Pinselstriche der Politik

Von Sophie von Puttkamer
• aus SPIEGEL Geschichte 6/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die kleine Margarita ist sein Liebling, sein Augenstern. Zärtlich ruft er sie »meine Freude«. König Philipp IV. von Spanien (1605 bis 1665) hat schon sieben seiner acht Kinder sterben sehen, als Margarita Teresa am 12. August 1651 in Madrid zur Welt kommt. Jetzt ruht auf dem ersten Kind seiner zweiten Ehe alle Hoffnung: auf gesunde Nachkommen, auf ein neues, besseres Elternglück.

Margaritas Mutter, Maria Anna von Österreich (1634 bis 1696), ist damals erst 16, jung genug also, um einst den ersehnten Thronfolger zu gebären. Dass ihr als direkter Nichte ihres Gatten das Inzucht-Schicksal der Habsburger nicht erspart bleiben wird, dass sie etliche Kinder verlieren und am Ende nur der körperlich und geistig zurückgebliebene Karl (1661 bis 1700) als Erbe übrig sein wird, davon kann 1651 noch niemand etwas ahnen.

Mit ihren großen braunen Kulleraugen und langen blonden Löckchen zieht die kleine Infantin früh alle Blicke auf sich. Philipp IV. hat Großes mit ihr vor: Kaum der Wiege entwachsen, wird Margarita schon ihrem Onkel und Cousin Leopold von Österreich (1640 bis 1705), dem späteren Kaiser Leopold I., als Ehefrau versprochen. Der König beauftragt seinen besten Hofmaler, Diego Velázquez (1599 bis 1660), Margarita für seinen späteren Schwiegersohn zu porträtieren.

Ganze drei Jahre alt ist das Mädchen auf Velázquez' erstem Bild: »Infantin Margarita Teresa in rosafarbenem Kleid« heißt das entzückende Porträt, dass heute im Wiener Kunsthistorischen Museum hängt. Schüchtern, vornehm und nachdenklich blickt die Prinzessin an ihrem Betrachter vorbei in die Ferne, als ahnte sie schon ihre Aufgabe.

Die Infantin »ist so feierlich allein, dass sie sich an der Tischkante halten muss«, schwärmt der Kunsthistoriker Martin Warnke. Oder ist sie bloß auf der Suche nach Halt, nach ein wenig Geborgenheit? Bei aller Feierlichkeit scheint es, als fühle sich das Kind nicht wohl. In seinem üppig gerüschten und schleifenverzierten Kleid wirkt es unbeholfen, gezwungen, puppenhaft.

Velázquez konnte seine Beobachtergabe eben nicht ganz verleugnen - obgleich er vor allem den ausersehenen Gemahl fesseln soll. Oft hat der Künstler, seit 6. Oktober 1623 »pintor del rey« am Hofe Philipps IV., während seiner 37-jährigen Dienstzeit Mitglieder der königlichen Familie porträtiert - Dutzende von Malen allein König Philipp und seine beiden Gattinnen. Doch am schönsten werden seine Kinderporträts: Entstanden als Instrumente habsburgischer Heiratspolitik, werden sie zu Dokumenten einer aussterbenden Dynastielinie.

Das erste der Bilder entsteht um 1630: Es zeigt Maria Anna (1606 bis 1646), die Schwester des Königs und spätere Ehefrau Kaiser Ferdinands III. Dann widmet sich Velázquez dem Prinzen Baltasar Carlos: Er malt ihn als Zweijährigen mit einem Zwerg, als Dreijährigen im Reifrock, als Fünfjährigen zu Pferd, im Jahr darauf als Jäger.

Nach Baltasars Tod (1646, vermutlich durch Pocken) porträtiert Velázquez mehrmals die Infantin Maria Teresa (1638 bis 1683). Philipps achtes Kind - das einzige aus erster Ehe, welches das Erwachsenenalter erreicht - wird 1660 den französischen König Ludwig XIV. heiraten, einen Cousin mütter- wie väterlicherseits.

Offenkundiger Liebling des Vaters und seines Hofmalers aber wird die jüngere Halbschwester Margarita Teresa. Velázquez malt sie im Alter von drei, fünf und acht Jahren, insgesamt mindestens sechsmal. Die glanzvollsten Porträts sammeln sich in Wien, etwa die »Infantin Margarita Teresa in blauem Kleid« (1659). Im prunkvollen Reifrock sieht die Achtjährige beinahe wie 18 aus.

Im selben Jahr porträtiert Velázquez zum letzten Mal einen kleinen Habsburger: Prinz Philipp Prosper, der, wie so viele seiner Geschwister, nur wenige Jahre lebt. Kurz darauf, am 6. August 1660, stirbt der Maler 61-jährig in Madrid. Philipps jüngstes Kind, den ersehnten Thronfolger Karl, hat er nicht mehr erblickt. Dennoch weisen die Kinderporträts auf das fatale Ende der spanischen Habsburger voraus.

Als Karl am 1. November 1700 kinderlos stirbt, erheben Leopold I. wie König Ludwig XIV. Anspruch auf den spanischen Thron - nicht zuletzt weil beide mit einer ehemaligen Infantin verheiratet waren. Selten haben fürstliche Porträts so unmittelbar weltpolitische Folgen. Sophie von Puttkamer

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