Polen in den Achtzigern - DER SPIEGEL
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Polen in den Achtzigern: Wo sich die Tische bogen

Foto: Keystone/ Getty Images

Polen in den Achtzigern Wo sich die Tische bogen

Wodka in Strömen, dafür leere Geschäfte: Als Karl Wilhelm Meier in den achtziger Jahren Verwandte in Polen besuchte, fand er viele Klischees bestätigt. Doch er wurde auch überrascht - und war beschämt.
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Meine Oma, die in Polen lebte, wurde 80. Der Geburtstag sollte groß gefeiert werden, alle Kinder und Enkelkinder waren nach Wolfsee/Wilkasy nahe der russischen Grenze eingeladen. Doch die Anreise war gar nicht so einfach - denn ein Teil der Verwandtschaft lebte wie ich in der Bundesrepublik. Und auch wenn das zur Niederschlagung der Solidarno??-Bewegung verhängte Kriegsrecht in Polen 1983 wieder aufgehoben worden war, stand zwischen uns immer noch der Eiserne Vorhang.

Wir fuhren am Abend los - um so den Zwangsumtausch für einen Tag zu sparen. Mein Schwager und meine Schwägerin nahmen mich in ihrem neu erworbenen alten Auto mit. Die Rückbank war ein herrlicher Schlafplatz. An der Grenze zur DDR war ich allerdings hellwach, denn die Kontrollen wollte ich mir nicht entgehen lassen. Der Aufdruck auf einer Plastiktüte, die wir dabei hatten, erregte besondere Aufmerksamkeit und Heiterkeit bei den Grenzern: "Gutes - billig" stand da zu lesen. Bei allem Humor vergaßen sie aber nicht, ein Stück Seife aus dem Koffer der Transitreisenden zu durchleuchten.

Wir durchquerten die DDR und reisten am nächsten Morgen in Polen ein. Abends waren wir dann am Ziel und übernachteten im Wohnzimmer einer Tante. Ich erinnere mich noch an das unbequeme Sofa, auf dem wir schlafen mussten. Am nächsten Tag beschlossen wir - sehr zum Missfallen unserer Familie - doch lieber ein Zimmer im einzigen Hotel am Ort zu nehmen. Doch dort waren die Sanitäranlagen in so erbärmlichem Zustand, dass wir nach einer Übernachtung wieder auszogen.

Großzügige Bewirtung trotz Mangelversorgung

Bei der Geburtstagsfeier bogen sich die Tische, so viel wurde aufgefahren. Und das, obwohl es doch fast nichts gab. Aber in Polen steht Gastfreundschaft ganz oben, für die Gäste wurde einfach alles aus den Kellern und Vorratskammern geholt. Und der Wodka floss in Strömen - ganz, wie ich es erwartet hatte. Zum Anstoßen gab es allerdings einen Schluck Wein aus einem Senfglas. Ich habe es für Wodka gehalten und in einem Zug ausgetrunken, nachher war es mir peinlich. Die Speisen blieben den ganzen Abend auf dem Tisch, so dass man immer wieder zugreifen konnte. Für den reichlichen Alkoholkonsum brauchte man schließlich eine gute Grundlage.

Mein Schwiegervater diskutierte mit der polnischen Verwandschaft die Rolle der Solidarno??. Ich konnte leider nicht alles verstehen. Irgendwer sagte aber, dass man alle nach Sibirien hätte schicken sollen, dann wäre wieder Ruhe und Frieden im Land gewesen. Die Einzigen, die dann geweint hätten, wäre die Wessis gewesen. Nicht, weil sie die Solidarno?? besonders gemocht hätten, sondern weil sie dann einen Verbündeten verloren hätten, der ihnen helfen konnte, das Rad der Zeit zurückzudrehen.

In den darauffolgenden Tagen konnte ich mich selbst davon überzeugen, wie unglaublich großzügig unsere Verwandtschaft bei der Bewirtung während des Festes gewesen war. Das einzige Kaufhaus vor Ort führte kaum Waren. Die Regale waren leer, in der Schuhabteilung fand sich kein einziger Schuh und in den anderen Abteilungen war alles in grauen Tüten verpackt. Es gab zwei verschiedene Aufschriften an den Regalen, die ich leider nicht lesen konnte. "Mit Marken" - "ohne Marken", ließ ich mir übersetzen. Das Wenige, das es gab, war also auch noch rationiert. Vor einem Geschäft sah ich eine lange Schlange. Erst dachte ich, dort würde es etwas umsonst geben... Beschämt erkannte ich dann, dass die Leute um Fleisch und Wurst anstanden. Man musste schnell sein, um etwas abzubekommen.

Uns Gästen hat es an nichts gefehlt. Schließlich gab es in der Nähe einen Laden, in dem wir zollfrei einkaufen konnten. Zigaretten gab es dort, auch Schnaps und Süßigkeiten. 'Das macht also den Kapitalismus aus', dachte ich mir.

Als wäre die Zeit stehengeblieben

Der kleine deutsche Friedhof im Ort war völlig zugewachsen und einige Fenster der evangelischen Kirche waren zerstört. Offenbar kümmerte sich niemand darum - und wollte niemand daran erinnert werden, dass dieses Gebiet zu Deutschland gehört hatte. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Die wechselvolle Geschichte der deutschen Ostprovinzen hatten wir in der Schule ausgespart, ich kannte nur die Plakate des Komitees "Unteilbares Deutschland", auf denen behauptet wurde, dass Ostpreußen immer deutsch war und immer deutsch sein würde. Und das, obwohl dort nun überwiegend polnisch gesprochen wurde. Irgendwie schienen auf beiden Seiten die Uhren stehen geblieben zu sein.

Einmal besuchten wir einen Onkel und eine Tante, die sehr ländlich wohnten. Dort bevölkerten Gänse den Flur im Erdgeschoß und der Onkel lobte das im zollfreien Laden erhältliche deutsche Bier. Das würde wenigstens zischen, wenn man die Flasche öffnet, sagte er. Die Tante briet Fische, die im nahen See gefangen worden waren und schwärmte davon, auch eines Tages Polen zu verlassen, "heim ins Reich" zu gehen, wie sie sagte. Ich fand das nicht korrekt und ärgerte mich über das Reizwort "Reich".

Die Rückfahrt verlief reibungslos, obwohl wir beim polnischen Zoll alles auspacken mussten. Meine Schwägerin steckte unsere letzten Zlotys in ihren Pass und reichte alles zusammen dem Beamten. Der winkte uns dann durch. Die DDR-Grenzer interessierten sich nur für unsere Papiere.