Politische Bekenntnisse: Immer nur das Beste
Politische Bekenntnisse Immer nur das Beste
Gerade hatten wir Jugendlichen im Juni 1945 den Schock über den verlorenen Krieg einigermaßen verkraftet und die Amerikaner zwar als Nazifeinde, jedoch uns gegenüber als zugänglich kennengelernt, da kamen die Sowjets. Viele Jahre hatten wir nur Grausames über "die Russen" gehört. In Hohenleuben, meinem Heimatort, hatte man deshalb Angst vor der Zukunft.
Mein Vater, ein bekennender Sozialdemokrat, befürchtete zwar auch, dass uns eine schwierige Zeit bevorstehen könnte, er versuchte aber meine Furcht zu besänftigen: "Jetzt werden die Kommunisten das Sagen haben. In Hohenleuben gibt es unter denen aber hauptsächlich vernünftige Menschen, die sich hoffentlich durchsetzen." Er sollte Recht behalten. Im Übrigen empfahl er mir, mich kritisch mit dem auseinanderzusetzen, was ich in der Hitlerjugend mitgemacht hatte, war ich doch wegen "Führermangel" im letzten Kriegsjahr noch begeistert Fähnleinführer im Deutschen Jungvolk geworden.
Da hörte ich, dass in Hohenleuben am 28. November 1945 eine Ortsgruppe der Antifa-Jugend, der ersten Jugendorganisation in der Sowjetische Besatzungszone (SBZ), gegründet werden sollte. Auch ehemalige Pimpfe, Hitlerjungen und Jungvolkführer sollten aufgenommen und rehabilitiert werden. Ich beschloss, mitzumachen. Die Gründungsveranstaltung fand am 28. November 1945 in Holperts Lokal - dem ehemaligen Sturmlokal der SA - statt. Zu dieser historischen Versammlung waren viele meiner Freunde gekommen, soweit sie bereits aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt waren.
An der langen Leine
Fast alle Hohenleubener Jungen der Jahrgänge 1929 bis 1932 wurden freiwillig Mitglied in der Antifa-Jugend. Nach Jungvolk und Hitlerjugend trafen wir uns nun fast im gleichen Kreis wieder. Schon bei den ersten wöchentlichen Zusammenkünften bemerkte ich aber einen neuen Geist, der mir gefiel: Wir waren unter uns, wurden nicht bevormundet und machten viele Späße, die im Jungvolk verboten gewesen waren.
Allerdings waren nur wenige bereit, Neues zu lernen. Ich erinnere mich, dass ich bei einer Veranstaltung Begriffe wie sozialistische Demokratie, Antifaschismus oder Kapitalismus erklären wollte. Ich hatte mich mit viel Mühe vorbereitet, denn die mir zugänglichen Lexika definierten nach den neuen Auffassungen alles völlig falsch. Es waren nur wenig Zuhörer da und ich bekam zu hören, dass wir nicht mehr bei den Heimabenden des Jungvolks seien, wo nur einer das Sagen gehabt habe.
Dass ich bei solchen Abenden von kommunistischen Parteifunktionären indoktriniert wurde, kann ich nicht sagen. Die nahmen nur selten an unseren Veranstaltungen teil. Man ließ uns sprichwörtlich an der langen Leine. So war es für uns selbstverständlich, dass 1946 fast alle aus der Hohenleubener Antifa-Jugend Mitglieder ihrer Folgeorganisation, der Freien Deutschen Jugend (FDJ), wurden.
Rehabilitiert!
Neu an der FDJ war, dass hier Mädchen und Jungen gemeinsam agierten. Diese Form der Gleichberechtigung kannten wir zuvor nicht. Ich war schon ein bisschen stolz, zu den Gründungsmitgliedern in Hohenleuben zu gehören - ein Fakt, den ich während der DDR-Zeit immer gern bei Bewerbungen in meinem Lebenslauf erwähnte. Die Bestätigung über meine politische Rehabilitierung erhielt ich 1948 in Form eines Schreibens, das vielleicht vergleichbar war mit einer Entnazifizierungsbescheinigung im Westen.
Die ideologische Beeinflussung in der FDJ war nach meinem Eindruck in den ersten Jahren, etwa bis 1950, nicht besonders groß. Wir sahen vieles sehr locker und taten es ohne Zwang. Allmählich verlernte ich das Strammstehen. Ohne ein Sich-Anpassen-Müssen ging es aber dennoch nicht. In Kulturgruppen, im Volkschor und in der Volksspielkunst versuchte man, uns den Sozialismus schmackhaft zu machen.
FDJ-Mission in Sachen Liebe
Unter Schirmherrschaft der FDJ standen auch die meisten Tanzveranstaltungen, die nach dem Krieg in Hohenleuben stattfanden. Es spielten dann das Salonorchester Triebes oder die Hohenleubener Tanzkapelle, die an Staatsfeiertagen auch bei Umzügen mitmarschierte. Zu solchen Anlässen wurde natürlich auch Alkohol getrunken - und weil uns das Geld für den Schnaps fehlte, brannten wir ihn selbst aus Zuckerrüben, Kartoffeln oder Getreide.
1948 übernahm ich in der FDJ die ehrenamtliche Funktion eines sogenannten Arbeitsgebietsleiters als Instrukteur für die beiden Oberschulen unseres Kreises Greiz. Damals ahnte ich noch nicht, dass sich damit bald auch private Interessen verknüpfen ließen.
Ich war 1949 in der 11. Klasse, und meine Freundin und spätere Frau, die ich in diesem Jahr kennen gelernt hatte, ging auf die zweite Oberschule des Kreises. Verständlicherweise besuchte ich ihre Schule recht gern in FDJ-Mission, auch wenn ich unsere Freundschaft vor der Lehrerschaft ihrer Schule geheim zu halten versuchte.
Auf nach Berlin!
Kurz vor dem Abitur meldete ich mich zusammen mit sieben Schulkameraden bei der FDJ zur Prüfung für das "Abzeichen für gutes Wissen in der Stufe Gold" an. Wir versprachen uns damit bessere Chancen bei der Studienplatzvergabe. Man ließ uns aber alle durchfallen mit der Begründung, dass wir die deutschen Humanisten besser kannten als die Sowjetliteratur und dass wir uns zu wenig mit der Tagespolitik beschäftigt hätten. Es war das erste Mal, das ich mich von meiner Organisation ungerecht behandelt fühlte, zumal wir den Eindruck hatten, dass die Leistungen von uns Abiturienten strenger beurteilt wurden als die von berufstätigen Jugendlichen.
Am 7. Oktober 1949, dem Gründungstag der DDR, sollte ich zum ersten Mal an einer der FDJ-Massenveranstaltungen in Berlin teilnehmen. Wir waren von Wilhelm Pieck beeindruckt, wie er als erster Präsident der DDR vor die Massen trat und ihnen zuwinkte. Im Jahr darauf nahm die Hohenleubener Ortsgruppe am Deutschlandtreffen der FDJ teil. Ab jetzt sollten die Jugendfreunde und -freundinnen zur Vorbereitung der Teilnahme politisch geschult werden. Wir betrachteten das als Pflichtübung. Wir jubelten auf Befehl, ansonsten fanden wir vor allem die Massenunterkünfte prima und spielten in jeder freien Stunde Skat.
1951 fuhr ich dann als Student pflichtgemäß zu den III. Weltfestspielen der Jugend und Studenten. Es war eine typische Veranstaltung zur Bekundung der Verbundenheit zu Partei und Staatsführung. An den Fahrten nach Berlin reizten uns vor allem das Abenteuerliche, die Erlebnisse in der Großstadt, die Begegnung mit anderen Jugendlichen und - das weiß ich noch genau - der Wunsch, einen Blick nach Westberlin zu riskieren. Es wurde viel gelacht und gesungen, politische Gespräche führten wir kaum. Über die geschichtliche Bedeutung dieser Momente wurde zwar viel geredet, wir haben uns aber kaum daran beteiligt.
Ich bekenne mich
Meine Großmutter sagte oft: "Was sagt man zu geschehenen Dingen? Das Beste." Bis heute habe ich das fast ausnahmslos beherzigt. Das Einzige, das mich daran ärgert: Warum habe ich mir eigentlich keine Notizen gemacht, als ich all diese inzwischen historischen Ereignisse erlebte? Erst jetzt, während der Recherchen zu meiner Vergangenheit, habe ich Kontakt zu Bekannten gesucht, die mit mir in der Antifa-Jugend und in der FDJ in Hohenleuben gearbeitet haben. Nach anfänglicher Gesprächsbereitschaft allerdings bekam ich oft zu hören: "Ich will heute von der Politik jener Zeit nichts mehr wissen."
Ich jedoch bekenne mich zu meiner Mitarbeit in der Antifa-Jugend und in der FDJ, denn was sagt man zu geschehenen Dingen? Das Beste!