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Post aus der DDR: "Wir haben keine Tiere"

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Post aus der DDR "Wir haben keine Tiere"

"Drüben" war kaum 20 Kilometer entfernt und doch so fern. Doris Dippold begann als Schülerin einen Briefwechsel mit einem Mädchen in der DDR. Beide begeisterten sich für "Alf" - doch vieles, was die Ostdeutsche schrieb, klang wie von einem anderen Stern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Liebe Doris, wie geht’s, wie steht’s? Ich heiße Marion und bin 8 Jahre alt und gehe in die 2. Klasse. Mein Heimatort ist Hoyerswerda. Das ist eine Stadt in der DDR. Ich habe deine Adresse aus der Zeitschrift "Sumsi" Nr. 47. Ich würde gerne Deine Brieffreundin sein. Meine Hobbys sind: Akrobatik, Leichtathletik, Basteln und Zeichnen. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich von Dir Post bekomme. Tschüß und Tschau. Marion."

So begann, mit einem Brief vom 22. November 1987, eine fast zehnjährige Brieffreundschaft. Nichts besonderes, wäre Marion aus Regensburg, Köln oder Bremen gewesen. Das andere deutsche Land hinter der Betonmauer war jedoch, obwohl von meinem Heimatort nahe Hof nicht einmal 20 Kilometer entfernt, in vielerlei Hinsicht ein fremder Stern, zumal meine Familie keine Verbindung in die DDR hatte.

22 Jahre später begab ich mich in Marions Briefen auf Spurensuche. Was erzählen sie eigentlich über deutsch-deutsche Befindlichkeiten? Was erzählen sie über uns? Vieles ist längst Geschichte: der Palast der Republik, der die Briefmarken auf Marions ersten Briefen zierte, abgerissen; aus der Postleitzahl BRD 8676 wurde erst W-8676, dann 95125. Und der Inhalt? Es ist viel Belangloses darin, Mädchen- und Teenagerthemen werden verhandelt. Doch zwischen den Zeilen scheint auch durch, wie sich die Welt um uns herum veränderte.

"Kennst du Barbie?"

Mit den ersten Briefen begann das Kennenlernen: Was sind deine Lieblingsfächer? Was hast du zu Weihnachten, was hast du zu Ostern bekommen? Auf meine Frage, ob sie Haustiere habe, antwortet Marion: "Wir haben keine Tiere, weil wir in einer Neubauwohnung wohnen." Später, nach dem Mauerfall, sollte ich diese Wohnung kennenlernen. Als Kind vom Lande an viel Platz und Auslauf gewöhnt, stand ich staunend in der 60-Quadratmeter-Plattenbauwohnung, in der sich Marion mit ihrer Schwester ein Zimmer teilte.

Während ich mit meiner Familie zu jener Zeit größere Fahrradtouren durch Deutschland unternahm, fuhr Marion in den Ferien ins "Trainingslager Akrobatik". Manches, was Marion schreibt, überrascht mich: "Kennst du Barbiepuppen? Ich habe vier Barbies und einen Barbiemann." Zu gerne würde ich wissen, woher Marion solche Westartikel bekam: Hatten die Großeltern, die als Rentner in den Westen reisen durften, sie mitgebracht? Gab es sie vielleicht sogar zu kaufen? Oder waren es gar keine "echten" Barbies?

Viele von Marions Briefen aus den Anfangsjahren sind mit Disney- und Garfield-Aufklebern dekoriert; ein Steckbrief vom September 1989 verrät, dass Marion Fan von Michael Jackson, Patrick Swayze und Jennifer Grey war. Dirty Dancing also auch in Hoyerswerda. Ich entdecke noch andere Gemeinsamkeiten: Auch Marion kann, wie ich, an den Abenteuern des Außerirdischen vom Planeten Melmac teilnehmen, denn sie bekommt zu Weihnachten 1988 elf Alf-Kassetten geschenkt.

"Wir kommen!"

Die politischen Ereignisse der Wendezeit finden keine direkte Erwähnung. 1988 oder 1989 - der Poststempel ist unlesbar - kommt bei Marion ein Geburtstagspaket verspätet und "ganz zerknittert" an. War es an der Grenze geöffnet worden? Am 7. Dezember 1989, knapp einen Monat nach der Maueröffnung, schließlich der Brief mit dem Satz: "Übrigens: Deine Mutti hat meiner Mutti geschrieben, daß wir im Sommer zu euch kommen sollen und wir kommen."

Kurz nach Beginn unseres Briefkontakts hatten unsere Mütter selbst Kontakt aufgenommen und schrieben sich regelmäßig. Der erwähnte Aufenthalt von Marions Familie bei uns erfolgte schließlich im Sommer 1990, nachdem im Frühjahr zuvor schon meine Familie für ein verlängertes Wochenende nach Hoyerswerda gefahren war. Auf der Fahrt durch Dresden hatten wir Broiler sowie eine der ersten Opel-Vertragswerkstätten der DDR kennengelernt.

Neues auch für Marions Familie: Die Reise zu uns erfolgte noch zu viert im Trabbi, auf der Heimfahrt verteilten sich die Familienmitglieder auf den Trabbi und einen gebraucht gekauften Opel Ascona: "Meine Mutter ist den Trabie gefahrn und ich mit meinem Papa sind den Ascona gefahren meine Schwester saß im Trabie. Sie ist einmal 110kmh als sie das gesehen hat wums auf die Premse."

"Auf dem Gymnasium läuft es beschissen!"

In den Folgejahren hieß nicht nur Karl-Marx-Stadt, das ebenfalls einige der Vorwende-Briefmarken geziert hatte, wieder Chemnitz, auch andere Ereignisse deuteten auf eine neue Zeit - etwa beim Thema Fernsehen: "Wie viele Fernsehsender kriegt ihr denn rein? Wir kriegen rein: RTLplus, Sat 1, Pro7, 3Sat, DFF, ARD, DFF, ARD SFB." Meine Antwort war wahrscheinlich, dass wir zu jener Zeit lediglich dreigleisig fuhren (eine Situation, die sich wundersamerweise schnell änderte, als die Bundesligarechte an die privaten Sender verkauft wurden). So war Marion wesentlich früher als ich Zuschauerin amerikanischer TV-Serien: "Im Pro7 kommt ... eine Fernsehserie mit Schwarze. Das ist zum tot lachen. Sie heißt Bill Cosby Show.“

Etwa ab 1991 ändern sich die Themen. In Marions Briefen geht es nun oft um Jungs, auch um Schule und Schulprobleme. So am 5. Oktober 1991: "Du fragtest, wie es auf dem Gymnasium läuft. Beschissen! Es ist alles so furchtbar schwer, ich sitze jeden Nachmittag da und lerne wie eine Bekloppte." Marion schreibt auch von Zukunftswünschen - zum Beispiel dem Plan, als Au-Pair-Girl in die USA zu gehen und Schauspielerin zu werden oder einen Beruf zu ergreifen, der mit Religion zu tun hat (die wohl zum ersten Mal als Fach in der Schule unterrichtet wurde).

Eher säkular sind die Familienfeste: "Die Jugendweihe von meiner Schwester war ganz okay, nur total langweilig ... von dem Geld der Omas hat sie sich ein Fahrrad gekauft." Wir beide engagieren uns politisch und sozial, können aber mit dem Thema der jeweils anderen eher wenig anfangen: Während Marion eine Kampagne für Delphine erwähnt, rege ich mich über rechtsradikale Zeitungen auf, die ich in einem Zeitungsladen entdeckt hatte.

"Ich hatte keine Lust zum Schreiben"

Mitte der neunziger Jahre dann neue Veränderungen in Marions Familie: Andrea, Marions Schwester geht für ein Schuljahr in die USA, während Marion die Schule wechselt. Veränderungen auch in Hoyerswerda: "Überall wird gebuddelt, gebaggert und gebaut." War dies schon der Beginn des Rückbaus, nachdem die Stadt seit der Wende so viele Einwohner verloren hat?

Der Briefkontakt läuft schleppender, oft beginnen die Briefe mit einer Entschuldigung für die lange Sendepause: "Ich hatte keine Lust zum Schreiben", bekennt Marion. Mir ging es nicht anders. Obwohl sich unsere Familien in jener Zeit noch einige Male besuchten, waren die Mütter zu diesem Zeitpunkt die aktiveren Schreibpartner.

Marions letzter Brief ist auf den 23. April 1996 datiert, neun Jahre nach dem ersten. Das Hauptthema ist die Suche nach einem Ausbildungsplatz als Hotelkauffrau. In jener Zeit hatte ich schon den Führerschein gemacht und steckte mitten in der Kollegstufe. Unsere Interessen entwickelten sich auseinander und schließlich endete auch unsere Brieffreundschaft, während sich unsere Mütter noch einige Jahre darüber hinaus regelmäßig schrieben, die Eltern sich besuchten.

Im Jahr 2003 habe ich Marion bei einem Besuch in Dresden noch einmal getroffen, dann jedoch wieder den Kontakt nicht gehalten. Dennoch sehe ich auf die Brieffreundschaft mit ihr mit großer Dankbarkeit zurück: Der Kontakt brachte mir die Trennung der beiden deutschen Staaten auf einer persönlichen Ebene nahe, auf die sich meine Klassenkameraden nicht beziehen konnten. Deshalb an dieser Stelle: Viele Grüße an die "kleine Kriefe" aus Hoyerswerda (Brief vom 12. November 1988)!