Praktikant im Wendewinter - DER SPIEGEL
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Praktikant im Wendewinter: Wie ich den Mauerfall verpasste

Foto: KLAUS NENNEWITZ

Praktikant im Wendewinter Wie ich den Mauerfall verpasste

Kalaschnikows im Sonderangebot und Marmelade kochende Rumänen im Studentenwohnheim: Als Klaus Nennewitz 1990 aus den USA ins heimische Eichsfeld zurückkehrte, fühlte er sich völlig daneben. Deutschland war nicht wiederzuerkennen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein verkaterter Sonntagmittag in La Paz am Südzipfel der mexikanischen Halbinsel Baja California. High Noon wie in einer Western-Filmkulisse. Staub wirbelte durch die Gegend. Die Sonne brannte, und das schneidende Pfeifen Ennio Morricones lag in der Luft. Bewegungen in Zeitlupe. In einem Kiosk, der mehr einem alten Schweinestall glich, hing eine "Los Angeles Times" mit dem Titel: "East Germany opens border, wall has no more meaning". Blitzartig war ich wach, kaufte zwei Exemplare der bereits mehrere Tage alten Ausgabe, riss sie in die Höhe und lief schreiend durch die verstaubten Straßen, ohne dass jemand auch nur annähernd die Tragweite dieser Notiz verstanden hätte.

Ich war völlig allein. Tausend Meilen Fahrt durch die mexikanische Wüste standen mir bevor. Nach zwei Wochen Autorennstress während der legendären "Baja 1000" musste ich den gigantischen V8-Service-Pickup mit Anhänger nach Los Angeles zurückbringen. Ein voller Tank, eine Stange Zigaretten und eine einzige Kassette von Carlos Santana im Auto, die den bezeichnenden Titel "Europe" hatte. Ohne Handy war ich 48 Stunden allein mit meinen Gedanken, atemberaubenden Sonnenuntergängen, riesigen Kakteen und den Erinnerungen an meine Kindheit auf einem Bauernhof im Schatten der nordhessischen Zonengrenze.

Zum amerikanischen Rennmaschinenhersteller ATK war ich im März 1989 gekommen. Eigentlich war meine Bewerbung für ein Praxissemester in den USA als Schnapsidee an der Fachhochschule München entstanden, wo ich unter Qualen versucht hatte, das Vordiplom in Fahrzeugtechnik mit den Partys im Studentenwohnheim in Einklang zu bringen. Der Einstieg in die amerikanische Gesellschaft war über die jüdische Familie meiner damaligen Freundin in Oregon erfolgt, deren erzkonservativer Vater wohl lieber einen Schwarzen als einen 23-jährigen "German" an der Seite seiner Tochter gesehen hätte. Als er schließlich von meiner Ausmusterung bei der Bundeswehr erfuhr, hatte ich jeglichen Rest Sympathie verspielt.

Tschernobyl, Smog und Aids - vergessen

Nach zwei unendlichen Tagen in der Wüste begrüßte mich Ronald - "Mr. Gorbatschow, tear down this wall!" - Reagan, der letzte Kämpfer des Kalten Krieges, von einem Foto auf dem Flughafen in Los Angeles. Dort vergingen die kommenden Monate wie im Flug. Auf meinem Anrufbeantworter fand ich Dutzende Nachrichten. Beim Gespräch mit meinem Vater verstand ich kein Wort. Nur schluchzende Wortfetzen kamen über den großen Teich. Ich war noch zu jung, um die enorme Rührung meines in Thüringen geborenen Vaters zu verstehen.

Damals stand ganz Amerika Kopf, mehr als ich es je erwartet hätte. Meine Lieblingsradiostation "KLSX 97.1-Classic Rock" verloste Stücke der Berliner Mauer doppelsinnig als "Pieces of Classic Rock" und spielte ununterbrochen "Wind of Change" von den Scorpions, am Abend sogar das gesamte Album "The Wall" von Pink Floyd, ohne Unterbrechung. Aufbruchstimmung an der Westküste Amerikas! Tschernobyl, Smog und Aids waren für einen Moment vergessen. Simple Minds brachten ihr Album "Street fighting years" heraus, auf dem politische Songs wie "Mandela day" oder "Biko" endlich auch einem Praktikanten wie mir so etwas wie ein politisches Bewusstsein bescherten.

Als Nelson Mandela gegen Ende des Jahres wirklich freikam und Ceausescu in Rumänien hingerichtet wurde, geriet jeder Gang zum Kiosk zu einer Entdeckungsreise. Es waren wirklich "Street fighting days". Die Welt wurde in Europa komplett umgekrempelt - und ich war nicht dabei. Meine Eltern berichteten telefonisch von ergreifenden Szenen, deren Zeugen sie geworden waren. Menschen waren sich nach 40 Jahren beim Niederreißen des Grenzzaunes in einem ländlichen Gebiet in der Nähe meines alten Zuhauses, endlich wieder in die Arme gefallen.

Kulturschock daheim

Ich dagegen war an der Westküste. Bei mir gab es Sunshine und Fun. Mein Film von grenzenloser Freiheit war ein anderer - und zwar der von Geländemotorrädern, die in die Unendlichkeit der Wüste rasten. Meine Freiheit waren Männerfreundschaften am Lagerfeuer und ein unendlicher Ehrgeiz beim Überschreiten der eigenen Grenzen. "On a steelhorse I ride" wurde, frei nach Jon Bon Jovi, unsere Hymne. Das Leben eines Rockstars? Nicht ganz, eher das Leben eines Filmstars. Der neun Jahre zuvor unter mysteriösen Umständen in einer mexikanischen Privatklinik an Krebs gestorbene Steve McQueen hatte uns in Dan Browns legendärem Motorradfilm "On any Sunday" unseren romantischen Männertraum vorgelebt. Er hatte uns ein sorgenfreies Leben auf dem Sattel eines Motorrads zusammen mit guten Freunden vorgemacht. Bis zum Erreichen eines Zustandes kindlicher Unschuld.

Aber meine Zeit wurde knapp. Jedes Wochenende auf dem Motorrad in der Mojave-Wüste kostete ich bis auf die letzte Minute aus, bevor es Mitte Februar wieder in die Alte Welt Europa zurückging, die für mich eine gänzlich Neue Welt sein würde. Jim Morrisons "The West is the Best" lag mir auf dem elfstündigen Rückflug im Ohr.

Die Warnungen meiner Freunde, die mir gesagt hatten, dass der wahre Kulturschock bei meiner Rückkehr stattfinden würde, hatten mich nicht ansatzweise auf das vorbereiten können, was mich schließlich erwartete: Im Februar 1990 waren die westdeutschen Autobahnen voller Trabbis und Wartburgs, meine Heimatstadt Eschwege war überlaufen von blassen und seltsam altmodisch gekleideten Menschen, die volle Einkaufstüten trugen, und die Luft war voller Zweitakterabgasen.

Mystisches Land - ganz nah

Am zweiten Abend wagte ich den riesigen Schritt und fuhr mit dem Auto über die schließlich immerhin noch existierende Zonengrenze in den Osten! Ich hatte das Gefühl, ein geheimnisvolles, mystisches Land zu betreten. Nach zehn Kilometern stand eine junge Anhalterin am Straßenrand. Ich ließ sie einsteigen und betrachtete sie wie ein Wesen von einem anderen Stern. Kann sie reden? Was wird sie sagen? Wie geht es ihr? Auf ihre Frage, wo ich gerade herkäme, antwortete ich: Kalifornien. Kopfschüttelnd stieg sie schon nach zwei Kilometern wieder aus. Zuhause hat sie wohlmöglich davon berichtet, von einem Ufo mitgenommen worden zu sein. Ich fühle mich völlig daneben im Wendewinter mit meinen Westcoats-Storys im dunklen Landkreis Eichsfeld.

München sollte weit genug weg sein von der Ostzone, um im Studium wieder Fuß zu fassen. Aber auch dort hatte sich alles geändert. Deutschsprachige Rumänen kochten Marmelade im Studentenwohnheim ein! Ich verstand die Welt nicht mehr und stürzte mich verzweifelt in mein Studium.

Während der Semesterferien im Sommer bei meinen Eltern ging ich mit dem Motorrad auf Entdeckungsreise. 15 Kilometer von meinem Elternhaus entfernt entdeckte ich eine riesige russische Kaserne mitten im Wald. Panzerstraßen wie afrikanische Saharapisten. Ein Soldat öffnete das schwere Eisentor und bot mir seine Kalaschnikow zum Kauf an. Monate später verkörperte ein riesiger Altölteich auf dem Gelände der inzwischen verlassenen Kaserne lediglich die Spitze des Eisberges an Altlasten, die durch die Wiedervereinigung und deren Folgen noch auf Deutschland zukommen sollten.