Prediger Priscillian Geköpft in Trier – die Hinrichtung des ersten Ketzers
Unorthodox: Priscillian predigte Verzicht auf Sex, Wein und Fleisch. Seinen angeblichen Irrweg gestand er unter Folter (Illustration, 19. Jahrhundert).
Foto:Leonard de Selva / Bridgeman Art Library
In der römischen Provinz Lusitanien, ganz im Westen der Iberischen Halbinsel, predigt ab etwa 370 ein junger Mann bewegende Worte. Priscillian ist der Spross einer reichen Familie – kein Kleriker, sondern lediglich ein doctor, ein theologischer Lehrer.
Doch seine Reden begeistern die Menschen. Er spricht zu einfachen Leuten wie zu Priestern und zu Bischöfen. Er spricht zu Männern und zu Frauen. Er spricht zu reichen Grundbesitzern und zu Sklaven.
Im Namen Gottes
Wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten wirkt heute der Begriff »Ketzer«. Man denkt wohl an Mittelalter, an Folter und Scheiterhaufen im Auftrag der katholischen Kirche. Mit der Reformation oder spätestens mit der Aufklärung endete der Spuk – so die gängige Annahme.
SPIEGEL-Redakteure, Autorinnen und Wissenschaftler schauen sich in dieser Ausgabe an, wie die Kirche Abtrünnige jagte.
Priscillians Botschaften sind ungewöhnlich: Männer und Frauen dürften nicht unterschiedlich behandelt werden. Sklaverei verstoße gegen die christliche Ordnung. Und wer sein Leben Gott weihen wolle, der müsse auf Fleisch und Wein ebenso verzichten wie auf den Geschlechtsverkehr, um seine Gedanken allein auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Um Gott zu dienen, brauche es auch keine pompöse Umgebung.
Seine Predigten hält Priscillian nicht in reich geschmückten Kirchen, sondern in den Häusern seiner Anhänger oder gleich draußen in der Natur unter freiem Himmel.
Der Zulauf ist beachtlich. Und es sind nicht nur die Unterprivilegierten, die ihm an den Lippen hängen – sondern ebenso betuchte Mitglieder einflussreicher Familien wie er selbst, die hoffen, auf dem von Priscillian aufgezeigten Weg zur Erlösung zu gelangen.