Privat-Fotos aus Auschwitz - DER SPIEGEL
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Privat-Fotos aus Auschwitz: Fröhliche Stunden neben der Gaskammer

Foto: AP/U.S. Holocaust Memorial Museum

Privatfotos aus Auschwitz Fröhliche Stunden neben der Gaskammer

SS-Offiziere aus Auschwitz, die sich in Liegestühlen räkeln, mit Helferinnen schäkern und fröhlich musizieren - während nebenan zahllose Menschen in den Gaskammern sterben: In Washington sind Fotos aufgetaucht, die den Zynismus der NS-Tötungsmaschinerie in einzigartiger Weise deutlich machen.
Von Heike Sonnberger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwölf SS-Helferinnen sitzen fröhlich auf einem Geländer und essen Blaubeeren, die ein SS-Offizier an sie verteilt. Das Foto wurde 1944 aufgenommen in Solahütte, einem Erholungsheim bei Auschwitz für die SS-Mannschaft des Konzentrationslagers.

Ein Bild von 116 aus einem Fotoalbum, das das Holocaust-Museum in Washington nun der Öffentlichkeit vorstellte. Das Museum erhielt die Fotos Anfang 2007 von einem pensionierten Geheimdienstoffizier der US-Armee, der 1946 in einer Wohnung in Frankfurt auf das Album stieß und es nun dem Museum schenkte. Er möchte anonym bleiben.

Die Fotos wurden zwischen Mai und Dezember 1944 aufgenommen. Sie zeigen Offiziere und Wachleute in entspannten Situationen, während zur gleichen Zeit im Lager zahllose Menschen ermordet und ihre Leichen in Verbrennungsöfen geworfen wurden.

Auf einigen Aufnahmen singen SS-Offiziere, manche zeigen sie auf der Jagd, auf anderen schmücken sie einen Weihnachtsbaum. Museumsdirektorin Sara J. Bloomfield sagte: "Diese Fotos unterstreichen, wie sie das Leben genossen, während sie gleichzeitig unvorstellbares Leid beaufsichtigten."

"Auf den Fotos ist nichts Schreckliches zu sehen, noch nicht einmal ein Gefangener im Hintergrund", erläutert die Leiterin der fotografischen Sammlung des Museums, Judith Cohen. "Und genau das macht sie so furchtbar."

Seltene Aufnahmen von Mengele

Das Album gehörte Karl Höcker, dem Adjutanten des letzten Lagerkommandanten Richard Baer. Für seine persönlichen Erinnerungen fotografierte er unter anderem bei einem Musikausflug mit einem Akkordeonspieler und etwa 70 SS-Leuten, unter ihnen auch Josef Kramer und den früheren Lagerkommandanten Rudolf Höss. Auf ein paar Fotos ist auch der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele zu sehen - einige der seltenen Aufnahmen aus seiner Zeit in Auschwitz.

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Vor der Befreiung durch die Alliierten floh Höcker aus Auschwitz. Nach dem Krieg arbeitete er jahrelang unerkannt in einer Bank. 1963 musste er sich schließlich in Frankfurt beim Auschwitz-Prozess verantworten. Höcker behauptete in seinem Schlußwort: "Ich hatte keine Möglichkeit, die Geschehnisse in irgendeiner Weise zu beeinflussen, noch habe ich sie gewollt oder betrieben. Ich habe keinem Menschen etwas zuleide getan, noch ist jemand durch mich in Auschwitz umgekommen." Er wurde wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und kam nach fünf Jahren frei. Im Jahr 2000 starb Höcker im Alter von 88 Jahren.

Bislang waren 320 Fotos bekannt, die das Konzentrationslager vor der Befreiung durch die Russen am 27. Januar 1945 zeigten - das sogenannte Auschwitz Album, das 1980 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Diese Bilder zeigen vor allem, wie ungarische Juden in dem Konzentrationslager Ende Mai 1944 ankamen und von den SS-Leuten selektiert wurden. Die neu entdeckten Fotos vom fröhlichen Alltag der Nazis in Auschwitz sind ein makabrer Gegensatz zu diesem Dokument.