Propagandaplakate - Alarm an jeder Straßenecke - DER SPIEGEL
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Propagandaplakate: Alarm an jeder Straßenecke

Propagandaplakate Alarm an jeder Straßenecke

Keulenschwingende Affen, blutrünstige Wölfe, todbringende Adler: Mit martialischen Plakaten warben die Kriegsparteien während des Ersten und Zweiten Weltkriegs um Rekruten, Geld und Rückhalt an der Heimatfront. Nur die Deutschen, sonst Meister der Propagandainszenierung, erwiesen sich als Spätzünder.
Von Ariane Stürmer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Deutsche ist ein Affe. Nicht irgendeiner, sondern ein Gorilla, brüllend und geifernd, ein zerstörerisches Monster mit irrem Blick, das Europa in Schutt und Asche gelegt hat und scheinbar unaufhaltsam Richtung USA stapft. Es schwingt eine blutbefleckte Keule und raubt die schönsten Frauen. Die Kopfbedeckung: eine wilhelminische Pickelhaube.

Dieses Bild malte der US-amerikanische Künstler H.R. Hopps während des Ersten Weltkrieges vom Deutschen. Es ist das Motiv eines jener Weltkriegs-Propagandaplakate, auf denen eine menschliche Szene mit Tieren symbolisiert ist. Und es ist eines der herausragendsten Beispiele dafür, wie man versuchte, die Bevölkerung für den Krieg zu mobilisieren: Die Plakate sollten Emotionen wecken, aufstacheln, Hass schüren, der Feind durch die Darstellung als Tier entmenschlicht-, und die Hemmschwelle, ihn zu töten gesenkt werden.

Die Botschaft des Affen-Plakates war klar: Der Deutsche ist böse, brutal, ein Mörder - und auf dem Weg in die USA. Der Aufruf an die US-amerikanischen Männer: "Zerstört dieses böse Vieh - meldet euch freiwillig für die US-Armee."

Das Plakat als Waffe

In einer Zeit, als es noch kein Internet gab, kein Fernsehen, keine bunte Leuchtreklame und kaum farbige Zeitungen, war das Plakat eines der wirksamsten Kommunikationsmittel. Es war ein Blickfang auf den Straßen: Plakate wurden eingesetzt wie politische Waffen. Mit ihnen wurde um Geld für den Krieg geworben, um Rekruten, und um das Durchhaltevermögen der Bevölkerung. Es sollte die Bürger davon überzeugen, dass der Krieg gegen den Feind richtig war, dass er es wert war, unterstützt zu werden - weil der Feind ein Monster war, das vernichtet werden musste.

"Das Plakat war eine mächtige Waffe. Die Alliierten wussten das - nur die konservative Staatsführung des Wilhelminischen Reiches hatte anfangs Hemmungen, sie einzusetzen", sagt Anne Schmidt. Die Historikerin hat die Kommunikationspolitik des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg erforscht. "Die monarchische Staatsführung wehrte sich lange dagegen, emotional aufgeladene Propaganda zu machen. Sie fürchtete, die Bevölkerung so sehr aufzuwühlen, dass sie sie dann nicht mehr kontrollieren könnte", so Schmidt weiter. Das erklärt, warum es auch bis Mitte des ersten Weltkrieges kaum offizielle deutsche Propagandaplakate gab, die den Feind extrem negativ darstellen - gleich, ob als Tier oder Mensch.

Ab 1916 änderte sich das. Immer mehr Menschen forderten eine Propaganda, wie sie in den alliierten Staaten längst an der Tagesordnung war. Der Maler Emil Nolde hatte bereits 1914 an das preußische Kriegsministerium geschrieben und sich über dessen Informationspolitik beklagt. Es werde nicht genügend für die Kriegsanleihe geworben, mit denen die Bürger dem Staat bei der Finanzierung des Krieges halfen.

Fehldeutungen an der Heimatfront

Briefe wie der Noldes waren durchaus üblich, sagt Schmidt: "Die Bürger verfassten zahlreiche Eingaben und forderte die Staatsführung zu einer offensiveren und damit auch emotionalisierenderen Propaganda auf." Schließlich forderten auch führende Militärs eine aus ihrer Sicht moderne Werbung - unter ihnen der Vizechef der Obersten Heeresleitung, Erich Ludendorff. Doch als sich ab Mitte des Krieges auch im Deutschen Reich emotionalisierende Propaganda-Plakate durchsetzten, deuteten die Menschen die Bilder teilweise falsch oder missinterpretierten sie. Das Problem: Sie kannten die neuen Motive der Bildsprache nicht. "Die Bevölkerung musste quasi erst eine neue Sprache erlernen", so Schmidt. Das Problem war auch in den USA nicht unbekannt. Noch 1942 kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass Propaganda-Plakate keinesfalls symbolisch sein dürften, weil sie dann leicht missverstanden werden könnten. Die Künstler aber hielten sich nicht immer an den Rat.

Nach der Niederlage des Deutschen Reiches behauptete Ludendorff, es habe den Krieg nicht militärisch, sondern propagandistisch verloren. Der spätere Putsch-Partner Hitlers legte damit eine der Grundlagen für die Dolchstoßlüge - das deutsche Militär hätte den ersten Weltkrieg gewinnen können, wenn es nicht von der Heimat im Stich gelassen worden wäre. Die Dolchstoßlegende sollte für die Nationalsozialisten das ideale Instrument werden, um die Bevölkerung gegen den Versailler Vertrag aufzuwiegeln und letztlich den zweiten Weltkrieg vom Zaun zu brechen.

Doch für die rechtsradikalen Kräfte gab es zunächst einen anderen Feind zu bekämpfen: Die Linkspolitiker. Während der Zwischenkriegsjahre nutzte zum Beispiel die extremistische "Vereinigung zur Bekämpfung des Bolschewismus" emotionalisierende Plakate für ihre Zwecke: "Bolschewismus bringt Krieg, Arbeitslosigkeit und Hungersnot", behaupteten die Organisation, deren Gründer Eduard Stadtler als Auftraggeber für die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gilt. Wie in den USA wenige Jahre zuvor, war es nun ebenfalls ein Affenungeheuer, mit scharfen langen Reißzähnen, einem Dolch in der einen und einer Bombe in der anderen Hand, das das Böse symbolisierte. "Man schürte damit Angst", sagte Anne Schmidt. Und man sprach der linken Bewegung das Menschsein ab: Der Feind durfte offen diskreditiert werden.

Entwürdigung, Hass, Angst - das war die Sprache der Propagandaplakate

Mit Beginn des zweiten Weltkrieges hatten die Deutschen gelernt, die Sprache des Propagandaplakates zu deuten. Das wussten die Nationalsozialisten für sich zu nutzen. René Grohnert, Leiter des Deutschen Plakat Museums, kennt zahlreiche Drucke aus dieser Zeit und auch die Auswüchse der Feinddarstellung, die die neue aggressive Bildsprache bot: "Es ging um Entwürdigung, um Lügen, um Hass und Angst. Der Krieg wurde mit einer neuen Härte geführt. Der Feind wurde karikiert, man stellte ihn als etwas Böses oder Niederes dar, jedenfalls als einen Menschen, der dem Deutschen nicht gleichwertig war - oder als Tier."

Die Künstler aus den verschiedenen Ländern bedienten sich der immer gleichen Symbole für ihre Plakate: Der böse Wolf, der freiheitsliebende Adler, die falsche Schlange, der gefährliche Löwe oder der raffgierige Krake wurden von ihnen als Stellvertreter des Menschen gewählt. Es waren bekannte Maler, die entweder aus politischer Überzeugung von der Staffelei aus ihren Teil zum Sieg beitragen wollten oder schlicht für die Kriegsplakat-Malerei verpflichtet wurden.

ür ein Kriegsanleihe-Plakat aus dem ersten Weltkrieg gewannen die USA beispielsweise einen ihrer bedeutendsten Tiermaler der Zeit: Charles Livingston Bull. Er hatte bereits zahlreiche Bücher und Zeitschriften wie das Life Magazin illustriert. Mit einem seiner Plakate warb die US-Army um Rekruten für die Luftstreitkräfte. Livingston Bull wählte für seine Illustration zwei Adler im Kampf - den deutschen und den amerikanischen.

Im zweiten Weltkrieg griffen die Künstler der Alliierten auf andere bildliche Metaphern für NS-Deutschland zurück: Schlange, Löwe, Wolf und Dackel etwa symbolisierten das NS-Reich. Mancher Künstler trieb das Spiel mit den Emotionen auf die Spitze und kombinierte Hass und Ironie in einem Bild: So heißt es auf einem US-Plakat einerseits mit Blick auf Deutsche "merzt sie aus" - gleichzeitig malte der Künstler einer züngelnden Schlange nicht nur Hakenkreuze als Muster auf den geschuppten Bauch, sondern auch ein winziges Hitlerbärtchen an die Nase und ein paar schwarze glatte Haarfetzen auf den Kopf. Ein bedrohliches Affenmonster, vor dem man sich fürchten musste, war Nazi-Deutschland da offenbar schon längst nicht mehr.