Protokoll der "Landshut"-Entführung: "Wo sind die Schweine?"
Protokoll der "Landshut"-Entführung "Wo sind die Schweine?"
Donnerstag, 13. Oktober 1977
14.00 Uhr
In der Lufthansa-Boeing 737 "Landshut" auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt am Main ist gerade ein Imbiss serviert worden. An Bord sind 86 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder, überwiegend Deutsche, aber auch Norweger, Österreicher, Holländer, Amerikaner, ein Finne, fünf Spanier, ein Grieche , zwei Schweizer, eine Dänin - und ein vierköpfiges Terrorkommando der "Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP) mit Sitz in Bagdad. Als die Stewardessen das Geschirr abräumen, stürmen zwei Männer mit gezückten Pistolen ins Cockpit und schlagen auf den Co-Piloten Jürgen Vietor ein: "Raus, raus, raus aus dem Cockpit." Vietor weicht in die First Class zurück, dort erblickt er zwei junge Frauen, die Handgranaten in den ausgestreckten Händen halten und die Passagiere anschreien. Kurz darauf ertönt aus dem Bordlautsprecher die Stimme des Anführers, die eine Stewardess aus dem Englischen übersetzt: "Hier spricht Captain Martyr Mahmud. Die Maschine steht unter meinem Kommando. Wer meinen Anweisungen nicht folgt, wird sofort erschossen."
14.38 Uhr
Die Flugsicherung in Aix-en-Provence meldet eine Routenabweichung der Landshut. Kurz darauf berichtet die Flugsicherung in Mailand, ein "Hauptmann Mohammed Walter" verlange die Freilassung von "Kameraden", die in der Bundesrepublik inhaftiert seien. Im Auswärtigen Amt tritt ein Krisenstab zusammen. Die Außenstelle des deutschen Generalkonsuls in Barcelona mit Sitz auf Palma de Mallorca will sofort die Passagierliste besorgen
Kurz nach 17.00 Uhr
Die "Landshut" ist in Rom-Fiumicino gelandet und bekommt einen Halteplatz auf der äußersten Startpiste zugewiesen. Die italienische Polizei bildet mit gepanzerten Fahrzeugen einen Kordon um die abgedunkelte Maschine. Drei deutsche Botschaftangehörige und ein Lufthansa-Vertreter rasen zum Flughafen hinaus. Da ruft Innenminister Werner Maihofer die deutsche Botschaft in Rom an. Er habe eben mit seinem italienischen Kollegen Francesco Cossiga telefoniert. Notfalls soll "die Maschine durch Schüsse in die Reifen am Start gehindert werden" - eine Bitte, die der forsche Maihofer auf eigene Faust erteilt, obwohl für eine Befreiungsaktion niemand bereit steht. Die Bonner Diplomaten sollen den Wunsch an das italienische Außenministerium weitergeben.
Unterdessen irren die drei Diplomaten über den Flughafen - gleich mehrere Polizeidienststellen weisen ihnen einen falschen Weg, als sie nach dem Büro des Direktors der Flughafenpolizei fragen. In dem Büro, das sie schließlich vorfinden, ist niemand. Verärgert wenden sich die Männer an den Direktor des Flughafens. Der erklärt sich für nicht zuständig und verweist sie an den Generaldirektor für das Zivilflugwesen im italienischen Verkehrsministerium.
Noch während einer der Diplomaten diese Angaben an die Botschaft durchtelefoniert, unterbricht ihn um 17.42 Uhr der Flughafendirektor: "Die LH-Maschine ist soeben abgeflogen".
Ausrede der Italiener: Die Weisung Cossigas, den Abflug "um jeden Preis zu verhindern (sei) erst zweieinhalb Minuten nach dem Start beim Kommandanten der Polizeieinheit eingegangen". Cossiga stellt die Notlüge am nächsten Tag gegenüber Botschafter Arnold richtig: Er habe sich zu einem Schießbefehl "nicht entschließen können, weil das "mit höchster Wahrscheinlichkeit ein Blutbad" verursacht hätte.
Früher Abend
Die Anti-Terror-Einheit GSG 9 des Bundesgrenzschutzes bekommt Order, der gekaperten Maschine hinterherzufliegen. Kanzler Helmut Schmidt gibt noch aus der Sitzung heraus Weisung an die deutsche Botschaft in Nikosia. Die Diplomaten sollen gegenüber den Zyprioten sich dafür einsetzen, dass die "Landshut" landen, "aber nicht wieder starten dürfe".
20.28 Uhr
Die "Landshut" rollte auf dem Flughafen Larnaca auf Zypern aus. Ein Diplomat berichtet später von absurden Szenen:
"Auf dem nur etwa dreißig Quadratmeter großen Tower drängten sich zeitweilig so viele Personen, dass man Mühe hatte, sich einen Weg durch sie zu bahnen. Der Telefonapparat, mit dem die mit Deutschland bestehende Standleitung bedient wurde, war ständig von Pressevertretern in unmittelbarer Nähe umlagert. Der herrschende Lärm erschwerte die Verständigung erheblich, so dass laut telefoniert werden musste. Die Weitergabe von Anregungen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland an die Verantwortlichen war so von Anfang an erschwert. (...)Die Szene steigerte sich zeitweise zur Groteske, als die Verantwortlichen im engen Kreis mit zusammengesteckten Köpfen, Rücken nach außen, berieten, während Pressevertreter dicht an sie heranrückten, um auf Zehenspitzen mit langen Hälsen und Ohren so viel wie möglich mitzuhören."
Die Entführer verlangen, die Maschine aufzutanken. Ein deutscher Vertreter spricht nacheinander mit Zyperns Staatssekretär für Inneres und Verteidigung, dem Innen- und Verteidigungsminister und dem amtierenden Außenminister. Alle versichern, "das Auftanken der Maschine, wenn notwendig, mit Gewalt zu verhindern". Den Entführern teilt der Tower mit, man könne so schnell keinen Tankwagen schicken, weil die Besatzung bereits zu Hause sei.
Mahmud tobt: "Ich erschieße Crew-Mitglieder und Passagiere, wenn meine Forderungen nicht erfüllt werden". Eine junge Deutsche mit dunklen Haaren (Mahmud: "Du bist jüdisch") soll als Erste sterben. Da geben die Zyprioten nach. Der deutschen Botschaft gegenüber erklären sie, "dass die auf dem Flughafen anwesenden Sicherheitskräfte keine Waffen besäßen, die sie (die Reifen - die Red.) durchschlagen könnten".
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Freitag, 14. Oktober 1977
02.00 Uhr morgens
Gut 12 Stunden nach Beginn der Entführung wird deutlich, was die Kidnapper wollen. Bei dem Schweizer Anwalt, der bereits die Nachrichten der Schleyer-Entführer überbringt, gehen zwei Ultimaten ein. Das "Kommando Siegfried Hausner" und die "Organisation für den Kampf gegen den Weltimperialismus" verlangen die Freilassung der RAF-Häftlinge sowie zweier in der Türkei inhaftierten Palästinenser und 15 Millionen Dollar Lösegeld. Andernfalls würden Schleyer, die Passagiere und die Besatzung der "Landshut" umgebracht. Beide Ultimaten enden Sonntag, den 16. Oktober. Die Geldübergabe soll am nächsten Tag durch Schleyers Sohn Eberhard erfolgen.
Kurz nach 11.00 Uhr
Die deutsche Botschaft im Libanon berichtet über die Ereignisse der letzten Stunden: "Nach Abflug von Larnaca beabsichtigte Landung in Beirut verhindert durch Sperrung Flugfelds. Auch in Damaskus wurde Landegenehmigung versagt, worauf nach weiterer Verweigerung durch andere Flugplätze schließlich Dubai angeflogen wurde." Der Flughafen in Dubai ist ebenfalls gesperrt, Feuerwehrwagen stehen auf der Landespiste. Während die Maschine über dem Scheichtum kreist, drückt Mahmud plötzlich seine Pistole Schumann in den Nacken und schreit: "Du landest jetzt". Im letzten Augenblick räumen die Feuerwehrwagen die Piste vor der anfliegenden Boeing 737.
Gegen 09.00 Uhr
Scheich Mohammed Bin Raschid, 29, rast zum Flughafen. Der Jet-Set-Prinz ist Verteidigungsminister und hat eine Ausbildung an der britischen Militär-Akademie in Sandhurst absolviert. Er übernimmt die Einsatzleitung und handelt Mahmud ab, dass Medikamente, Eis und Getränke an Bord gebracht werden können. Ein Auftanken der Maschine lehnt Mohammed allerdings ab, solange die Entführer nicht Frauen und Kinder freilassen.
11.05 Uhr
In Bonn tagen die diversen Krisenstäbe und das Kabinett. Helmut Schmidt lässt im Auswärtigen Amt anrufen; er möchte wissen, wie er den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und den "Ruler Dubai" ansprechen soll; Dubai ist ein Emirat der VAE, der Herrscher zugleich Vize-Präsident der VAE. Die Antwort lautet: "Your Highness".
Auch soll das AA bei der Klärung der Frage helfen, ob eine "militärische Operation möglich" sei? Die Diplomaten schlagen vor, sich mit London in Verbindung zu setzen, denn das Scheichtum war bis 1971 britisches Protektorat. Auf diese Idee sind die Beamten im Kanzleramt auch schon gekommen.
14.15 bis 14.30 Uhr
Telefonat Schmidts mit dem britischen Premier James Callaghan. Schmidt bittet Callaghan um "einen persönlichen Rat": was würde dieser in seiner Lage tun? Callaghan will darüber erst nachdenken. Zweite Bitte Schmidts: hat Callaghan Möglichkeiten, "Einfluss auf das Scheichtum in Dubai auszuüben"? Noch ist der Kanzler nicht zu einer Befreiungsaktion entschlossen, denn die Lage ist unklar. Schmidt glaubt, bei den Entführern handele es sich um "zwei Deutsche und zwei Araber". Er will erst das Votum seines Staatsministers Hans-Jürgen Wischnewski abwarten, der bereits auf dem Weg nach Dubai ist.
Mitten in den Ausführungen des Kanzlers bricht laut Vermerk, "die Kommunikation immer weiter zusammen, so dass eine spätere Fortsetzung des Gesprächs vereinbart" wird.
Um 16 Uhr telefonieren die Regierungschefs erneut: Callaghan erklärt seine "persönliche und rein politische Meinung, dass auch er es für richtig halte, den Forderungen der Terroristen nicht nachzugeben, und die inhaftierten Terroristen nicht auszuliefern". Ein Beauftragter des Kanzlers soll nach London kommen und sich hier mit britischen Experten beraten.
18.15 Uhr
Ein Beamter des Lagezentrums im Innenministerium hat Sprechkontakt mit dem Dubai-Tower. Er meldet: "Die Maschine wurde bisher nicht aufgetankt. Entführer drohen Flugzeug in die Luft zu sprengen, wenn es nicht aufgetankt wird. Dubaier sind dagegen, würden aber uns die Entscheidung überlassen." Eine halbe Stunde später kommt die Antwort der deutschen Seite: "Flugzeug soll nicht aufgetankt werden. Es soll auf keinen Fall aus Dubai abfliegen".
19.00 Uhr
In Bonn wird bekannt, dass Scheich Mohammed Bin Raschid den Eindruck hat, "die Entführer seien wenig intelligent", und "man könne sie mürbe machen". Also ist doch keine Befreiungsaktion nötig?
Abends
Jürgen Rufhus, Abteilungsleiter im Kanzleramt, berät in London mit britischen Terrorexperten und dem Botschafter der VAE die Lage. Die Runde ist sich schnell einig: ein Nachgeben kommt nicht in Frage. Allerdings sei "für die Durchführung der Polizeiaktion der Zeitpunkt sehr wichtig. Wenn eine Geisel erschossen ist, würde es leichter sein, die Notwendigkeit einer Polizeiaktion vor der internationalen Öffentlichkeit zu vertreten." Ein zynisches Kalkül.
Die Briten übergeben Kartenmaterial vom Flugplatz von Dubai und sagen Blendgranaten zu, die sich beim Einsatz gegen die irische IRA bewährt haben.
23.35 Uhr
Staatsminister Wischnewski trifft in Dubai ein und bietet die Hilfe der GSG 9 an. Doch Einsatzleiter Scheich Mohammed will eine Befreiungsaktion nur mit eigenen Fallschirmjägern durchführen. Unter Anleitung von GSG-9-Chef Ulrich Wegner und britischen Ausbildern beginnen die arabischen Soldaten sofort mit dem Training an einer Boeing 737 der "Gulf Air". Nach einigen Einheiten glaubt Wegner, es könne klappen.
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Samstag, 15. Oktober 1977
10.00 Uhr
Botschafter Hansjoachim Neumann berichtet aus Dubai: "Lage auf beiden Seiten ruhig. Kapitän der Lufthansa-Maschine reagiert souverän und ruhig."
12.00 Uhr
Sohn Schleyer soll mit 15 Millionen Dollar - die wiegen ungefähr 130 Kilo - im Hotel Intercontinental in Frankfurt erscheinen. Doch ein Mitarbeiter Schmidts hat im Auftrag der Bundesregierung einem Journalisten einen Tipp gegeben, um die Übergabe zu hintertreiben; die Nachricht von der Geldübergabe spricht sich unter Pressevertretern schnell herum. Vogel teilt dem ahnungslosen Sohn Schleyer mit, dass ihm "angesichts des Bekanntwerdens von Treffpunkt und -zeit" das Geld nicht ausgehändigt werden könne.
Abends
Da das Kerosin verbraucht ist, droht die Klimaanlage in der Landhut auszufallen, die Temperaturen steigen bereits auf über 50 Celsius, mehrere Passagiere brechen zusammen: Kreislaufkollapse, Herzattacken, Erstickungsanfälle.
Ein enger Mitarbeiter von Außenminister Hans-Dietrich Genscher notiert, "dass Dubai, wenn Befreiung der Geiseln durch Überredung nicht zu erreichen, Aktion...plant". Auf deutscher Seite werde die Wahl des "geeigneten Zeitpunkts" Wischnewski überlassen. Zuvor hat allerdings der BND-Resident in Teheran gemeldet, nach seinen Informationen wolle die "Regierung in Dubai (eine) gewaltsame Befreiung nicht zulassen".
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Sonntag, 16. Oktober 1977
05.30 Uhr
Mahmud droht, zunächst den Flugkapitän und dann zwei Passagiere sowie alle fünf Minuten einen weiteren Passagier zu töten, wenn die "Landshut" nicht innerhalb einer halben Stunde aufgetankt wird. Scheich Mohammed gibt nach. Offenkundig wollen die Entführer Dubai jederzeit verlassen können.
Morgens
Will Scheich Mohammed prahlen oder hat er den Verstand verloren? Ein deutscher Diplomat berichtet später von der Szene: "Auf Fragen ihn umringender Journalisten erklärt Verteidigungsminister Scheich Mohammed..., dass Flugkapitän Schumann in hervorragender Weise über Sprechfunk mit ihm kooperiert habe. Durch seine verschlüsselt formulierte Mitteilungen habe er Kontrollturm vollständige Einzelheiten über Vorgänge im Flugzeug erhalten. "Wir wissen vom Kapitän, dass es vier Entführer waren und dass sie mit zwei Bomben und zwei Pistolen bewaffnet seien", erklärt der Verteidigungsminister.´"
Wie Mahmud von diesen Ausführungen erfährt, ist nicht bekannt. Wutentbrannt fuchtelt er jedenfalls mit der Waffe und schreit: "Der Kapitän hat uns verraten." Schumann muss aufstehen, Mahmud will ihn erniedrigen: "Nun wollen wir mal sehen, was du beim Militär gelernt hast. Steh gerade! Und jetzt Kehrtwendung! Los! Marschieren! Ein, zwei, eins zwei, eins zwei!"
Schließlich beruhigt sich der Araber wieder, doch Schumann schwebt ab jetzt in besonders großer Gefahr.
08.40 Uhr
Die Dubaische Fallschirmjägereinheit steht für einen Einsatz bereit, und Schmidt spricht darüber mit Callaghan. Eine Aktion hält er "für durchführbar und chancenreich". Callaghan gießt Wasser in den Wein: Einsatzleiter Scheich Mohammed sei zwar willig, aber "ihm fehle die Autorisierung durch den Regenten", also den Präsidenten der VAE Scheich Sajid Bin Sultan. Schmidt solle diesen anrufen, Callghan will die Telefonnummer übermitteln.
10.28 Uhr
Scheich Mohammed bestätigt Callaghans Angaben: Der Bundeskanzler müsse eine Vollmacht für ihn vom Staatspräsidenten erwirken, ohne diese könne er nicht handeln. Doch dem Kanzler läuft die Zeit davon, denn bald nach dem Telefonat fordern die Kidnapper, das Bodenaggregat zu entfernen, weil sie starten wollen. Nacheinander sprechen Scheich Mohammed und der deutsche Botschafter mit Mahmud. Ob er nicht doch Kinder, Frauen und Kranke freilassen wolle. Oder das Eintreffen eines Emissärs der Bundesregierung abwarten. Die Männer schinden Zeit, während Schmidt auf die Verbindung zu Präsident Sajid wartet, die um 11 Uhr 15 zustande kommt. Der Kanzler zeigt sich dankbar, schmeichelt dem Araber und trägt dann die "sehr herzliche Bitte" vor, den Start zu verhindern, notfalls auch mit Schüssen in die Reifen. Listig fragt er, ob der Präsident nicht erwägen wolle, Scheich Mohammed ähnliche Vollmachten zu erteilen, wie sie Wischnewski auf deutscher Seite habe.
Aber der Präsident hat schon zuvor angeordnet: "Wenn sie fliegen wollen, lasst sie fliegen." Er weicht einer Antwort aus und appelliert an den Kanzler, die RAF-Gefangenen freizulassen. Ein VAE-Diplomat erklärt später gegenüber dem deutschen Botschafter: "Wir haben als kleines Land Angst vor diesen Leuten. Wir fürchten die Repressalien der RAF und anderer Terroristen." Um 11.50 Uhr räumen die Kidnapper schließlich das Bodenaggregat selbst weg. Als der Kommandeur der Spezialeinheit die "Landebahn mit Fahrzeugen blockieren will", antwortet Scheich Mohammed resigniert am Fernglas: "I have no such order."
Der ahnungslose Schmidt beendet unterdessen sein Telefonat "mit der Versicherung seiner großen Hochachtung". Der Vermerk fährt fort: "In diesem Augenblick wurde der Bundeskanzler durch das Lagezentrum darüber unterrichtet, dass die entführte Maschine vor einer Minute in Dubai gestartet ist."
14.55 Uhr
Die Meldung trifft ein, dass die Maschine vermutlich nach Aden fliegt, der Hauptstadt des sozialistischen Südjemen. Die PFLP unterhält dort ein Trainingscamp, und es ist daher verständlich, dass die Entführer auf einen freundlichen Empfang hoffen. Was sie nicht wissen: unmittelbar nach der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten hat die Bundesregierung in Aden angefragt, ob Baader, Ensslin und die anderen RAF-Häftlinge in die Volksrepublik einreisen dürfen. Die Terroristen hatten den Südjemen als mögliches Aufnahmeland genannt. Aden lehnte ab mit der Begründung, zwei Jahre zuvor habe man schon einmal freigepresste deutsche Terroristen aufgenommen und stehe seitdem vor der Weltöffentlichkeit als Unterstützer des Terrorismus da. Ihm habe man erklärt, berichtet der Bonner Geschäftsträger Werner Daum, die Volksrepublik wolle "absolut nicht mehr mit Terrorismus und Flugzeugentführungen zu tun haben". Als die "Landshut" sich nähert, blockieren Panzer und Lkws die beiden Landepisten.
Die Maschine von Wischnewski, der bereits der "Landshut" hinterherfliegt, bekommt ebenfalls keine Landeerlaubnisse und kreist am Rande des gesperrten Luftraums. Das Regime will auch Verhandlungen auf seinem Territorium verhindern.
16.00 Uhr
In den Tanks der "Landshut" ist noch Sprit für 25 Minuten. Schumann beschließt eine Notlandung auf einer Sandpiste neben den Landebahnen. Mit einer fliegerischen Glanzleistung bringen die Piloten den gut 40 Tonnen schweren und 30 Meter langen Jet heil auf den Boden.
Dreißig Minuten später ist die jemenitische Führung am Flughafen: der Premierminister, der Außenminister und andere. Sie wollen, "das Flugzeug so schnell wie möglich zum Abflug zwingen", berichtet Geschäftsträger Daum, der vergeblich auf den Außenminister einredet. Eine Sondereinheit umstellt das Flugzeug, der Kommandeur raunzt die Entführer an: "Sie müssen hier sofort weg!"
Kapitän Schumann will erst das Fahrwerk überprüfen. Mahmud erlaubt ihm, die Maschine zu verlassen. Doch Schumann kümmert sich nicht nur um die Technik, sondern redet im Flughafengebäude auf den General ein, der die Sondereinheit befehligte. Man solle auf die Forderungen eingehen. Der Mann lehnt ab, und Schumann kehrt zur Maschine zurück. Mahmud misstraut dem Piloten seit dem Vorfall in Dubai; nun tobt er. Er zwingt den Kapitän, sich hinzuknien. Schumann will sich erklären, doch Mahmud schreit ihn nieder. Dann schießt er ihm in den Kopf.
18.10 Uhr
Staatssekretär van Well gibt Order, jene Länder zu bitten, aus denen die Geiseln stammen, bei der jemenitischen Regierung vorstellig zu werden. Nach drei Stunden kommen die Vollzugsmeldungen. Niederländer, Dänen, Finnen, Norwegen, Briten haben sich an Aden gewandt. Vergeblich.
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Montag, 17. Oktober 1977
02.02 Uhr
Co-Pilot Vietor muss die "Landshut" alleine starten, was ihm auch gelingt. Mahmud befiehlt, nach Somalia zu fliegen, also zum Horn von Afrika, wo sich gerade Somalier und Äthiopier einen besonders blutigen Krieg liefern. Vietor fürchtet, von einer der Parteien als "Geisterflugzeug" abgeschossen zu werden und nimmt daher keinerlei Funkkontakt auf.
03.15 Uhr
Die Nachrichtenagentur Reuters meldet, die Maschine sei nach Kuweit geflogen, doch der Tower in Kuweit dementiert. Auch der Tower in Dschidda (Saudi-Arabien) ist ahnungslos. Wo ist das Flugzeug?
Um 3 Uhr 55 will das Auswärtige Amt in Aden nach der Menge des dort getankten Treibstoffs fragen. Damit ließe sich errechnen, wie weit die Maschine fliegen kann. Um 4.00 Uhr gibt das Auswärtige Amt Order, die Botschaften in Mogadischu, Tripolis, Algier, Kampala "auf möglichen Anflug" hinzuweisen. 34 Minuten später trifft die Meldung ein, dass die "Landshut" in Mogadischu gelandet ist, bald darauf auch die Information, dass Schumann ermordet wurde. Mahmud lässt die Leiche über die hintere rechte Notrutsche aus dem Flugzeug gleiten. Die Entführer verlängern das schon vor Stunden abgelaufene Ultimatum bis 15 Uhr.
08.10 Uhr
Kanzler Schmidt hat den Botschafter von Somalia ins Kanzleramt gebeten und kommt gleich zur Sache. In etwa sechs Stunden könne "ein Flugzeug mit deutschen Polizeispezialisten in Mogadischu sein". Um den Eindruck zu erwecken, es sei vor allem eine deutsche Angelegenheit, flunkert der Kanzler. Drei der Terroristen seien Deutsche, behauptet er. Der Vierte, ein Araber, werde "von den deutschen Terroristen nur zur Tarnung benutzt" - für ein Mitglied der Arabischen Liga wie Somalia ist die Vorstellung nicht sehr verlockend, deutsche Polizisten gegen ein palästinensisches Kommando vorgehen zu lassen.
Dann lockt der Kanzler: Wenn die somalische Regierung "sich in dem von uns erbetenen Sinne verhalte, so würde dies unser Verhalten gegenüber Somalia auf lange Sicht ganz entscheidend bestimmen. Somalia könnte dann mit aller Hilfe von deutscher Seite rechnen." Schmidt wiederholt sein Angebot wenig später in einem Telefonat mit Somalias Staatschef Siad Barre.
Somalia hat eine solche Hilfe mehr als nötig. Der islamisch-marxistische Militärdiktator Barre führt seit Jahren immer wieder Kriege gegen Äthiopien und hat gerade eine verlustreiche Offensive in der Region Ogaden eröffnet. Beide Länder erhalten Militärhilfe von der Sowjetunion, doch Barre will sich seit längerem von Moskau lösen, weil der Kreml offenbar Äthiopien stärker unterstützt. Er hofft auf den Westen, auch auf Waffenlieferungen aus der Bundesrepublik, und insofern birgt für ihn die Geiselnahme politische Chancen.
Vormittags
Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß weilt zum Besuch in Saudi-Arabien, einem engen Verbündeten und Waffenlieferanten der Somalier. Die Saudis würden es begrüßen (und nach Einschätzung deutscher Diplomaten sogar finanzieren), wenn auch Bonn Kriegsgerät nach Mogadischu liefert. Strauß überbringt König Chalid den Wunsch, sich bei Barre für eine GSG-9-Aktion einzusetzen. Der Monarch verspricht es. Bis heute hält sich das Gerücht, die Saudis hätten auf Bitten Bonns ihre Waffenlieferungen an die Somalier ausgedehnt.
10.45 Uhr
Der deutsche Legationsrat Michael Libal berichtet aus Mogadischu: "Gespräch mit Flugzeug vermittelt den Eindruck, dass sowohl Entführer wie Crew am Ende ihrer Kräfte und möglicherweise vor einer psychologischen Krise. Nach Auskunft der Stewardess medizinische und psychologische Situation an Bord katastrophal, Asthma, Herz, Halluzinationen, Hysterie. Vertrauen in Bureg (Bundesregierung - die Red.) sei inzwischen fast völlig verloren ... Chef der Entführer versuchte in nahezu hysterischem Tonfall Ernsthaftigkeit seiner Forderung mindestens ein halbes Dutzend Mal klar zu machen...Stewardess sagte, die Entführer seien desperate und es hängt ihnen selbst nichts mehr an ihrem eigenen Leben. Wir sollten die Forderungen sehr sehr ernst nehmen, die Zeit laufe nunmehr ab."
11.44 Uhr
Wischnewski landet in Mogadischu. Eine Viertelstunde später telefoniert er mit Staatssekretär Heinz Ruhnau. Noch hat Barre den GSG-9-Einsatz nicht zugesagt und Wischnewski soll ihn mit Kooperation auf allen Feldern locken "mit Ausnahme der Schwelle, über die wir nicht rüberkommen" - Waffenexporte in das Krisengebiet sind illegal. Antwort Wischnewski: "Ja, wir dürfen ja bestimmte Dinge nicht verkaufen. An denen sind die aber natürlich bei ihrer Lage am meisten interessiert. Aber die Mittel, mit denen man so was transportiert, die kann man ihnen geben." Später liefert die Bundesrepublik Lastwagen, auf denen sich die Somalis montieren können, was sie wünschen und stockt die Entwicklungshilfe auf mit dem erklärten Ziel, den Somalier den Kauf von Waffen in Drittländern zu ermöglichen (SPIEGEL 10/2008).
In der Mittagszeit
Siad Barre hofft noch auf eine friedliche Lösung: freien Abzug der Kidnapper gegen Freilassung der Geiseln, aber das PFLP-Kommando lehnt ab. Briten, Norweger, Amerikaner appellieren unterdessen an die Somalier, alles für einen glücklichen Ausgang zu tun; der britische Premier Callaghan und US-Präsident Jimmy Carter, an dessen Wohlwollen Barre besonders gelegen ist, schreiben auch persönlich an den Diktator, der eine Befreiungsaktion nun nicht mehr ausschließen will. Freilich möchte er lieber somalische Kräfte einsetzen, aber seine Offiziere sehen keine Möglichkeit, in der Kürze der Zeit den Sturm auf eine Boeing 737 zu trainieren.
Kurz vor 15.00 Uhr
Die Entführer haben Sprengstoff an den Kabinenwänden befestigt, die Passagiere gefesselt und mit Alkohol übergossen. Ihre Regierung werde sie sterben lassen, erklärt ihnen Mahmud.Da stellt der deutsche Geschäftsträger auf dem Flughafen eine wichtige Nachricht in Aussicht und bittet um eine Verlängerung des Ultimatums. Wenige Minuten später gibt er durch, dass die Bundesregierung bereit sei, die RAF-Gefangenen nach Mogadischu zu bringen. Da der Flug nach Somalia sieben Stunden dauert, setzt Mahmud das neue Ultimatum auf 1.30 Uhr, also 3.30 Uhr Ortszeit fest. Doch der Anführer des Kommandos bleibt misstrauisch: In den letzten 10 Minuten sei ihm alles versprochen worden, was er seit vier Tagen verlangt habe.
17.30 Uhr (19.30 Uhr Ortszeit)
Ein Einsatzkommando der GSG-9 landet in Mogadischu; Barre hat sich endgültig zu einem Einsatz der Antiterror-Einheit durchgerungen. Wischnewski ist unterdessen über zwei Fernsprech- und eine Telexstandleitung in ständigem Kontakt mit Bonn. Alle Leitungen sind über Rom geschaltet. Da trifft die Meldung ein, dass die italienische Fernmeldeverwaltung beabsichtigt, um 19 Uhr wie üblich den Betrieb zu schließen. Die deutsch Botschaft in Rom bekommt aus Bonn Order, "mit allem zu Gebot (sic) stehenden Nachdruck" zu intervenieren, damit die Leitungen aufrechterhalten bleiben.
20.00 Uhr
Der israelische Abhörspezialist und TV-Journalist Michael Gurdus hat seit Beginn der Entführung den Funkverkehr der "Landshut", der Maschine von Wischnewski und auch des Flugzeugs mit den Bundesgrenzschützern verfolgt. Er bekommt mit, dass die GSG 9 Order erhält, nach Sonnenuntergang nur mit äußeren und nicht inneren Landelichtern in Mogadischu aufzusetzen und zieht daraus die richtige Schlussfolgerung. Das israelische Fernsehen berichtet von der Ankunft, verschieden europäische Rundfunkstationen, darunter die BBC und Radio France übernehmen die Meldung.
21.00 Uhr
Im Kanzleramt trifft die Meldung ein, dass die "Welt" am folgenden Tag von einem Telefonat zwischen Schmidt und Barre berichten wird. In dem Artikel heißt es: "Die somalische Regierung zögerte, ihre Zustimmung zu einer gewaltsamen Befreiung der Geiseln durch Spezialisten der... GSG 9 zu geben."
Schmidt lässt sich mit Welt-Chefredakteur Wilfried Hertz-Eichenrode verbinden. Und droht ihm "Schreckliches an, wenn er es nicht fertig bringt, sofort alle bereits ausgegebenen Zeitungen wieder einzusammeln." Hertz-Eichenrode schickt Kollegen im Großraum Bonn los, um die Andruckexemplare aufzukaufen, was auch gelingt. Später sagt Schmidt dennoch: "In der Geschichte gab es zwei Riesenarschlöcher! Ein israelisches und diesen Hertz-Eichenrode!"
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Dienstag, 18. Oktober 1977
00.05 Uhr
Vom Tower aus versuchen die Deutschen, Mahmud abzulenken. Wie denn der Austausch der Geiseln erfolgen solle? Der Chef des Kommandos hat sich die Modalitäten gut überlegt, gibt Anweisungen zum Umgang mit den Medien. Unterdessen schleichen sich die GSG-9-Männer von hinten an das Flugzeug heran. Als sie ihre Positionen erreicht haben, gibt GSG-9-Chef Wegener den Einsatzbefehl. Operation "Feuerzauber" beginnt. Blendgranaten explodieren vor den Cockpit-Fenstern und setzen Mahmud für einen Augenblick außer Gefecht. Durch die von außen geöffneten Türen stürmen die Männer mit den geschwärzten Gesichtern in die Maschine: "Köpfe runter. Wo sind die Schweine?" Dann eröffnen sie das Feuer. Drei der vier Geiselnehmer sind sofort tot. Nur Souhaila Andrawes überlebt. Von den Geiseln wird nur eine Frau am Bein verletzt, ein GSG-9-Mann am Hals.