Rehpfeffer »Radbot« - DER SPIEGEL
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Rehpfeffer »Radbot«

Den Schweizern sind die Habsburger suspekt - dabei hat die Herrscherdynastie ihre Wurzeln im Kanton Aargau. Der namensgebende Stammsitz ist bis heute zu besichtigen.
Von Hans-Ulrich Stoldt
• aus SPIEGEL Geschichte 6/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man schreibt das Jahr 2009, und Habsburg wird wieder vom Schloss aus regiert. Allerdings bleibt das Territorium gut überschaubar. Habsburg, das ist heute eine 430 Seelen zählende Gemeinde im schweizerischen Kanton Aargau.

Der Herr, der oben, 505 Meter über dem Meeresspiegel, in der historischen Burg die Geschicke des Dorfes lenkt, ist auch kein Adliger, sondern Hansedi Suter, 57, der Gemeindeammann. Der demokratisch gewählte Vorsitzende der Gemeinde Habsburg arbeitet hauptberuflich als Gastwirt. Schon seit 30 Jahren führt er in geschichtsträchtigem Gemäuer das Restaurant »Schloss Habsburg«.

In »Rittersaal« und »Jägerstube« servieren er und seine 25 Mitarbeiter Spezialitäten wie Hirsch-Saltimbocca an Rotkraut mit Kastanien oder Rehpfeffer »Radbot« mit Eierschwämmli, Silberzwiebeln und hausgemachten Spätzli. Dazu wird - weltexklusiv - »Habsburger Blauburgunder« gereicht, ein Wein, der gleich hier am Schlossberg gedeiht.

Als Suter vor drei Jahrzehnten seine Gaststätte öffnete, wusste er so gut wie nichts über den traditionsträchtigen Ort. Doch weil so viele Gäste fragten, was es denn mit der alten Burg auf sich habe, wandte er sich an einen örtlichen Historiker, der ihm dann an mehreren Wochenenden Nachhilfe gab. Mit Erfolg - »die Jahreszahlen habe ich aber nur in etwa im Kopf«.

Macht nichts. Wer exakt wann den Grundstein legte, wissen auch andere nicht genau: »Die Ursprünge liegen weitgehend im Dunkeln und werden sich wohl auch nicht mehr restlos aufklären lassen«, sagt der Schweizer Historiker Bruno Meier.

Ausgrabungen haben gezeigt, dass wohl bereits in der älteren Eisenzeit um 600 vor Christus an der Stelle der späteren Habsburg Menschen siedelten. Um das Jahr 100 nach Christus unterhielten römische Legionäre oben auf dem Kamm des Wülpelsberges wahrscheinlich eine Signalstation. Erst viel später lässt dann ein Benediktinermönch in den Acta Murensia, der Chronik über das nahe gelegene Kloster Muri, Guntram den Reichen aus dem Nebel der Geschichte treten.

Guntram wird darin »Stammvater« der Habsburger genannt. Er hatte Besitzungen im Aargau, und nach allem, wie man weiß, auch im Breisgau und im Elsass. Als Angehöriger eines elsässischen Geschlechts gilt er als Nachkomme merowingischer Herzöge aus dem 7. Jahrhundert. Genau weiß das niemand, die Quellen sind dürftig.

Einigermaßen sicher ist indes, dass Guntrams Sohn Kanzelin weitere Gebiete im Aargau unter seine Herrschaft brachte - nach Art des Adels nicht nur auf die feine Tour.

Der Besitz Kanzelins wurde nach dessen Tod zwischen den Söhnen Rudolf und Radbot aufgeteilt, die sich sogleich in die Haare bekamen. Mordend und brandschatzend zogen die Grafen durch die Gegend - zur Sühne soll Radbot 1027 das Kloster Muri gegründet haben. Irgendwann zwischen 1020 und 1030 baute er wohl auch den ersten steinernen Wohnturm auf dem Wülpelsberg.

Anlass war der Legende nach, dass Radbot bei der Jagd einen Habicht verlor und ihn ganz oben auf dem dichtbewaldeten Berg wiederfand. Begeistert von der strategisch günstigen Lage, beschloss er, dort zu siedeln und, weil der Greifvogel ihn nun mal darauf gebracht hatte, das Ganze »Habichtsburg« zu nennen.

Wahrscheinlicher freilich ist, dass der spätere Name Habsburg sich vom althochdeutschen »hab« (Besitz) herleitet.

Wie dem auch sei - überlieferte Namen wie Havichsberch, Havekhesperch und Habisburch kondensierten schließlich zu Habsburg. Radbots Enkel Otto II. nannte sich als Erster des Geschlechts nach dem Herrschaftssitz. Da war das Kastell bereits zu einer rund 80 Meter langen und 30 Meter breiten Doppelburg erweitert worden.

Die Eigentümer nahmen dort gleichwohl nur sporadisch Quartier - damals musste reisen, wer seine Herrschaft festigen oder ausbauen wollte: Ohne Präsenz waren Einfluss und Macht schnell gefährdet.

Hinzu kam, dass die Residenz nicht wirklich lockte. »Die Habsburg war im 12. Jahrhundert ein feuchtes Loch«, so Historiker Meier, »man lebte buchstäblich über den Abfällen, die einfach in das tiefer gelegene Stockwerk geworfen wurden. Wurde der Gestank unerträglich, zündete man den Müll an und vertrieb mit dem Rauch das Ungeziefer.«

Der zuletzt gebaute, westliche hintere Teil der Burg besteht bis heute, vom vorderen Komplex lässt sich nur noch der rekonstruierte Grundriss bestaunen - diese Bauten waren bereits Anfang des 13. Jahrhunderts verlassen und zerfielen später. Da waren die Habsburger längst weitergezogen. Ihr Stammsitz war zu klein geworden für das aufsteigende Adelsgeschlecht, und im Osten lockten lukrative Pfründen.

In den folgenden Jahrhunderten wechselten Besitzer und Bewohner häufig, zuletzt hausten Bauern oder Hochwächter auf der Burg, um die umliegenden Gemeinden mit Mörserschüssen vor Feuersbrünsten zu warnen.

Lange Zeit haben das die Hummels getan. 1720 tauchte erstmals der Name der Pächterfamilie auf, deren Nachkommen erst 1974 das Schloss verließen. Bis dahin hatte Alice Mattenberger-Hummel hier eine einfache Gastwirtschaft geführt, bot Wandersleuten und Neugierigen Suppen, Braten und Schinken an, derweil die Kinder mit Freunden aus dem Dorf im gut 21 Meter hohen Burgturm »Indianerlis« spielten.

Kurz danach rückten Archäologen an, um Überbleibsel zu suchen und das Kastell in seinen Grundmauern zu rekonstruieren.

Dort stapfen heute Touristen über die Mauerreste, informieren sich an einer Schautafel über den historischen Ort und lassen sich hernach von Hansedi Suter in der hinteren Burg bewirten, die teilweise ebenfalls zu besichtigen ist und ein kleines Museum beherbergt.

Auf dem Schlosshof davor liegt seit vergangenem Jahr eine sieben Meter große, runde Bodenplatte. Pfeile darauf weisen in Richtung jener Gegenden, wo Habsburger einst herrschten - von Chile und Bolivien bis hin nach Kuba und Texas und zu den Philippinen. »Weltreich der Habsburger« steht an der Platte, und die heutigen Nachkommen des Adelshauses müssten sich geschmeichelt fühlen, wie hoch ihr Andenken in der eher habsburgfeindlichen Eidgenossenschaft gehalten wird.

Allerdings verirrt sich nur selten eine Durchlaucht dorthin, wo die Sippe ihren Zug durch die Geschichte begann und die Gebeine der ersten Generationen in Sarkophagen des Klosters Muri ruhen.

Beliebt doch mal eine vorbeizuschauen, dann werden - wie vergangenen April - alle Habsburger zu Habsburgern, die »Aargauer Zeitung« bebt vor Ehrfurcht und grüßt im Namen der Untertanen »Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit Simeon von Habsburg, Erzherzog von Österreich und dessen Gemahlin, Ihre Kaiserliche und Königliche Hoheit Maria von Habsburg, Erzherzogin von Österreich, geborene Prinzessin de Bourbon«. Wo sonst hätte die Schweiz so etwas zu bieten?

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