Reise nach Istanbul in den Sechzigern - DER SPIEGEL
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Istanbul in den Sechzigern: "Almanya gut!"

Istanbul in den Sechzigern "Almanya gut!"

Das soll Europa sein? 1965 besuchte Björn Pätzoldt Istanbul und tauchte ein in die Gerüche, Klänge und Farbe des Orients. In einem Wirtshaus probierte er unbekannte Speisen und Getränke - bis ihm die Sinne schwanden. Doch als er wieder zu sich kam, fühlte er sich schon fast wie daheim.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rollbahnen sind auf allen Flughäfen größerer Städte lang, glatt und manchmal hart, wenn die Maschine zu sprunghaft auf dem Boden aufsetzt. In Istanbul landete ich weich. Flache Gebäude jenseits des Seitenfensters. Ich war in Europa angekommen und könnte überall sein. Erst als ich mit dem Autobus Istanbul erreichte, begann ich daran zu zweifeln, auf dem Kontinent meiner Vorfahren angelangt zu sein. Ich schlenderte auf der Suche nach einer Herberge durch verwinkelte Gassen der Altstadt. Trank hier einen Kaffee und dort einen Tee, durchstreifte schummerige Bazare, von kunstvollem Mauerwerk überwölbt. Moscheen und Minarette kamen mir bei jedem meiner Schritte entgegen. Das soll Europa sein?

Ich fühlte mich eingebettet in Gerüche, Geräusche und Farben des liebreichsten Orients und dachte insgeheim, noch immer in Nordafrika zu sein. Wahllos durchquerte ich die quirligen Straßen der Stadt. Ich schlenderte den Sultanahmet-Platz unweit des Topkapi-Palastes entlang. Zog weiter zur Blauen Moschee, vor deren sechs Minaretten und Kaskaden von Kuppeln ich ergriffen innehielt. Sah die Hagia Sophia und das Hippodrom mit der Schlangensäule und dem ägyptischen Obelisk. Besuchte Galata Mevlevihanesi, das älteste Kloster der tanzenden Derwische. Europa war, als ich danach suchte, in dieser Stadt noch nicht angekommen. Hier in Istanbul fühlte ich mich geborgen. Ich begab mich zum Ufer am Bosporus, zur Meeresbucht Halic, dem Goldenen Horn. Ein unansehnlicher Ort. Abfallhalde der Stadt.

In einem Wirtshaus bestellte ich ein Essen, das ich nicht kannte. Auf einer Speisekarte erblickte ich Buchstabenreihen und Zahlen, alles mit der Hand geschrieben. Letzteres mussten die Preise sein. Links daneben standen die Worte "iskembe corbasi". Ich las diese Zeile, wenn auch gewiss in holpriger Aussprache, so laut und nachdrücklich vor, dass die Männer am Nebentisch zu mir hinüberschauten. Deren Blicke nahm ich bewusst nicht wahr. In die Leere schauend, wartete ich geduldig auf die Speise.

Ein ekelerregender poriger Lappen

Meine Bestellung wurde nach einer Weile in einer dampfenden Schale gebracht. Der Inhalt war noch zu heiß, sofort verdrückt zu werden. So rührte ich mit dem Löffel in der Suppe herum und brachte, als ich das Schöpfgerät anhob, einen porigen Lappen zutage. Mir schnürte sich der Magen zu. Das waren Pansenstücke, erinnerte ich mich. Der Hund meiner Eltern daheim bekam solche Kutteln zum Fraß. Ich starrte nur mit ekelerfüllten Augen in die Schüssel und spürte im Nacken, wie sich die Blicke vom Nebentisch in mich zu bohren schienen. Mir war, als würden sich Augäpfel aus fremden Schädeln lösen und wie Wurfgeschosse auf meinen Körper zutreiben.

Ich verharrte in meiner starren Körperhaltung und wendete nicht den Kopf. In meinem Gehirn rumorte es nach einer Entscheidung. Schließlich gab ich mir einen Ruck und führte den Löffel mit dem Eingeweide zwischen die geöffneten Lippen, schlürfte, kaute und würgte das labberige Gewebe in der Mundhöhle durch Zungengrund und Gaumenbogen die Speiseröhre hinunter bis in den Magen hinein. Die Augengeschosse hielten inne und schlugen nicht auf mich ein. "Nur schnell hinunter mit dem Zeug", dachte ich und löffelte so schnell wie möglich die Schüssel leer. Kaum hatte ich aufgegessen, erhoben sich die Männer vom Nachbartisch und gingen auf mich zu. Sie klopften mir auf die Schulter und bestellten beim Wirt ein Glas Schnaps. War es Arak oder Raki? Ich erinnere mich nicht, es waren zu viele Gläser, und danach war ich nicht mehr bei Sinnen. Mein Gaumen schmeckte nach Schweiß und Anis.

Die Männer in der Kaschemme umsorgten mich. Ich spürte klatschende Hände an meinen Wangen, öffnete zaghaft die Augen und sah nur Schnauzbärte über mir. Ich musste wohl zu Boden gesunken sein, bevor meine Sinne schwanden. In dieser batakhane , einer Spelunke in der Istanbuler Altstadt, wurde ich mit rauer Berührung und Rufen und Rütteln in die Wirklichkeit zurückgeholt. Und als ich mich wach genug wähnte, vernahm ich fragende Gesten, die zu wissen begehrten, woher ich denn komme. "Almanya", hauchte ich. Da schlugen die besorgten Männer schon wieder auf mich ein, lachten und hoben mich auf: "Almanya gut! Du warten!"

Sprach da einer Deutsch?

Ich wusste nicht, hatte ich richtig verstanden? Sprach da einer deutsch? "Was soll's", dachte ich und wartete, auch wenn ich nicht wusste, worauf. Ich hätte mich ohnehin aus eigener Kraft nicht fortbewegen können. So ließ ich mich schlaff in dem Gestühl hängen, auf das mich die anderen gehievt hatten, und zog mich aus der Wahrnehmung meiner Umgebung zurück, bis nach einer Weile ein jüngerer Mann auf mich zukam. In knappen Worten in meiner Muttersprache erklärte er mir, er sei gerade aus Deutschland zu Besuch in seiner Heimat. Sein Onkel habe ihn gerufen. Er wies mit der Hand auf einen der Bärte, der grinste. Er solle sich um den Almani kümmern, und übersetzen solle er auch. Dann sprachen die türkischen Männer Anerkennung und Lobesworte. Freund sei ich obendrein: "Almanya gut! Du Freund!"

Vereint griffen die Männer mir unter die Schultern und schleiften mich aus der Gaststätte über die Straße in ein nahe gelegenes Haus. Dort legten sie mich auf ein Bett und ließen mich liegen. Ich schlief, wer weiß wie lange, bis ein beißender Geruch mich aus der Ohnmacht lockte. Als ich erwachte, wusste ich nicht, wo ich mich befand. Ich spürte nur auf meiner Stirn ein kaltes feuchtes Tuch und erblickte über mich gebeugt ein gütiges Omagesicht. Mild lächelnd pendelte die Frau über meinem Haupt ein verziertes Schwenkgerät, aus dem weißer Qualm hervorquoll. Weihrauch zog durch meine Nase und schlich sich in meine Stirn. "Buhur", pustete mich die Wohltäterin an und wedelte mir mit einer Hand den harzigen Weihrauchduft in das Gesicht. Sie küsste mich weich auf Stirn und Wangen. "Sohn", wisperte ihre warme Stimme auf Türkisch.

Ich nahm das Geflüster mit schläfrigen Sinnen wahr und hörte die Frau den jungen Türken rufen, der deutsch sprach und sagte, das sei seine Tante. Er sei hier nur zur Stippvisite auf der Weiterreise nach Anatolien, dort lebe er in einem Dorf bei seiner Familie. Die habe ihn vor vier Jahren nach Deutschland geschickt, zur Arbeit und um Geld zu verdienen: "Deutschland gut!" Er würde noch einige Tage in Istanbul bleiben, und wenn ich wolle, könne er mir die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen. "Danke!", erwiderte ich nur matt.

Der Neffe meiner Gastgeberin führte mich die Tage darauf zu allen möglichen Orten, mit Ausnahme des Goldenen Horns, das ich schon auf einer eigener Entdeckungsreise besucht hatte. Wir weilten auch im Stadtviertel Ortaköy nahe am Bosporus, wo in friedlichem Nebeneinander Moscheen, Kirchen und Synagogen und deren Gläubige zu finden sind. Dann brachte mich der Stadtführer in die Unterwelt. Mit dem Tünel, der ältesten Untergrundbahn auf Erden, die einst von Pferden und Ochsen gezogen worden sei, glitten wir durch die ewige Nacht unter der Stadt. Auch auf der Galatabrücke, die in die Altstadt führt, sind wir gewesen. Die habe vor fünfzig Jahren oder ein wenig mehr MAN gebaut: "Deutschland gut!"

Mit dem Gastgeber zum Freitagsgebet

So vergingen die Tage, bis der Freitag kam: "Allahu akbar...". Aufgeregt weckte mich der junge Türke am Freitagmorgen. "Cuma-Namaz!", hatte er gerufen, was übersetzt: "Freitagsgebet!" hieß. In der Sultan-Ahmet-Moschee würden die Männer, ihrer religiösen Pflicht folgend, den Worten des Predigers lauschen und zu Allah beten. Ob ich mitkommen wolle? Ich wollte!

So machte ich mich nach einem ausgiebigem Bad mit dem türkischen Freund und seinem Onkel auf den Weg zur Blauen Moschee. "Allahu akbar...! Gott ist groß...!" Azurblaue Helle umhüllt mich, durchbrochen von goldenen Strahlen. Ein Lichterkranz schwebt über meinem Haupt, und aus dem bunten Glas der Fensterbögen ringsum strömt das Mittagslicht herein. Ich spüre die warme Farbenpracht meinen bedeckten Körper umschmeicheln. Vor mir und hinter und neben mir: Reihen hockender Männer. Unbeschuht knie ich auf flaumweichem Teppich, neige mich bäuchlings den farbenprächtigen Knüpfmustern zu und schließe die Augen. Arabische Wortklänge hallen durch den Raum und fließen durch meine Glieder. Der islamische Geistliche - hoca - rezitiert das Pflichtgebet. Die Gläubigen beten mit gehobenen Händen zu Gott und preisen den Propheten: "Sallallahu alaihi vesselam..." - "Gott segne ihn und schenke ihm Heil..."


Leicht geänderter Textauszug aus:

Björn Pätzoldt: Nandinda, "Draußen ist Freiheit... Eine deutsche Nachkriegsbiographie", Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009.