Roter Hahn - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Roter Hahn: Als der Hof von Bauer Vernholz brannte

Roter Hahn Als der Hof von Bauer Vernholz brannte

Für die Jungen war es eine Sensation: Endlich war etwas los in ihrem Dorf! Doch für die Erwachsenen im kleinen sauerländischen Ort Wennigloh war der Brand auf dem Vernholzer Hof alles andere als ein Spaß. Fast wäre Lehrer Kaiser zu Schaden gekommen.
Von Ferdi Keuter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im verträumten Wennigloh, einem Dorf im Sauerland, lief im Frühjahr des Jahres 1951 alles seinen normalen Gang: Der Vikar und Lehrer Kaiser als Vertreter von Kirche und Schule waren neben dem Bürgermeister die wichtigsten Persönlichkeiten im Ort. Daneben wetteifern die Bauern des Dorfes um Ansehen und Anerkennung. Neben Landwirten mit über 400 Morgen Ackerland, gab es kleinere Betriebe mit wesentlich weniger Fläche. Angebaut wurden Getreide und Runkeln.

Die Familie Vernholz unterhielt einen eher kleineren Betrieb. Sie zählte zu den unauffälligen der Zunft, ehrlich, fleißig und freundlich. Tochter Elisabeth Vernholz ging mit mir in die Dorfschule, wo der Lehrer Kaiser das Sagen hatte.

Als passionierter Jäger war Kaiser stets in Grün gekleidet. Das Verhältnis Lehrer zu Eltern war günstig: Auf einem Spaziergang durchs Dorf klopfte Kaiser, der alle Wennigloher kannte, bei dieser oder jener Familie an und erkundigte sich beiläufig danach, warum es mit dem Sohn oder der Tochter in der Schule nicht so recht klappte. Er erfuhr dann oft die Ursache und wusste meist Abhilfe zu schaffen. Zu dieser Zeit gab es in Wennigloh etwa 70 Schüler.

Am frühen Morgen des 25. August 1951 war die Dorfidylle plötzlich zu Ende. Es war kurz nach 4 Uhr, als eine aus Holz errichtete Scheune und ein Viehstall in Flammen standen. Größere Mengen Stroh und Getreidevorräte lagerten auf dem Dachboden.

Das "Ereignis" wurde von den "Jeusten", wie man die Jungen des Dorfes damals nannte, indes gar nicht als eine Katastrophe gesehen - eher als eine Sensation im Alltag. Aus dem ganzen Ort liefen die Menschen zusammen, auch Lehrer Kaiser war dabei. Er stand in der ersten Reihe und versuchte, verschiedene Dinge aus der Scheune zu retten. Fast wäre er dabei verunglückt, denn plötzlich stürzte die gesamte Vorderwand mit dem großen Holztor ein. Nur ein schnelles Wegspringen rettete ihn vor herabfallenden Teilen der Scheune.

Eine eigene organisierte Feuerwehr besaß Wennigloh noch nicht, also mussten die Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr aus Arnsberg, Neheim-Hüsten und Hachen zu Hilfe gerufen werden. Als sie schließlich eintrafen, waren die Stallungen nicht mehr zu retten. Zum Glück blieb das angrenzende Wohnhaus vom Feuer verschont, Bewohner kamen nicht zu Schaden und auch das Vieh konnte in Sicherheit gebracht werden.

Es dauerte Stunde, bis der Brand eingedämmt war. Danach postierten sich Brandwache vor den Resten der Scheune.

Nachdem der Brand gelöscht war, wurde in den darauf folgenden Wochen das angebrannte Stroh und Getreide auf die umliegenden Felder ausgebracht. Noch Wochen später stank es im ganzen Ort nach angekohltem Stroh, Heu und Getreide, bis die schwarze Masse endlich eingepflügt werden konnte.

Die Gemeinschaft der Bauern half der Familie Vernholz über die ersten Engpässe hinweg. Ihr Vieh wurde mit Futter versorgt und fand neue Stallungen.

Schnell war den Wenniglohern klar, was passieren musste: Sie nahm das Unglück zum Anlass, eine eigene Feuerwehr zu gründen. Mein Schulfreund Richard Becker war einer der ersten Feuerwehrjungen des Ortes.