Rübergemacht: Der nette Herr vom Geheimdienst
Rübergemacht Der nette Herr vom Geheimdienst
"Wer flieht, kann später wohl noch siegen.
Ein toter Mann bleibt ewig liegen."
Samuel Butler, Politischer Blumengarten 1
Beim Frühstück in der Bahnhofsmission überraschte uns eine der christlichen Damen mit der Mitteilung, dass draußen auf dem Bahnhofsparkplatz ein Amerikaner auf uns warte. Er säße in seinem Auto und wir sollten in Ruhe zu Ende Kaffee trinken.
Das war ja nun interessant. Wer war das und was wollte der? Woher wusste der, dass es uns gab? Wir beeilten uns, gingen hinaus und bestaunten einen Straßenkreuzer. Ein typischer Ami, der erste, den wir zu Gesicht bekamen, saß drin und strahlte uns mit seinem Stiftekopf an. Er sei von der Murmel... Murmel... Dienststelle.
Hatten wir das richtig verstanden? Geheimdienst? Schon wurde das Leben wieder spannend. Was wollte der von uns? Informiert hatte ihn der Bundesgrenzschutz. Nun wollte er sich etwas mit uns unterhalten. Das könne im Auto geschehen. Wir stiegen neugierig ein. Leider startete er den Motor nicht, sondern machte sich Notizen. Fragte uns zu diesem und jenem, fragte sogar, ob wir diese oder jene Personen aus unserem Heimatdorf kannten und ob diese noch da wohnten, wo sie wohnten.
Zigarettenstangen wechseln den Besitzer
Wir waren beeindruckt, was er alles wusste. Er ließ sich unsere Fluchtgeschichte erzählen, betrachtete interessiert unsere Ausweise, fragte, ob wir die FDJ- und GST-Papiere noch brauchten, er würde sie gerne von uns bekommen.
Als Gegenleistung bot er uns eine Stange Zigaretten an, das konnten wir nicht abschlagen. Was sollten wir schon mit den Ausweisen anfangen.
Er interessierte sich auch für unsere Zange, mit der wir den Stacheldraht durchgeschnitten hatten. Ob er die auch haben dürfe? Eine weitere Stange Zigaretten wechselte den Besitzer. Hatte der viele Zigaretten in seinem Auto. Irgendwann interessierte ihn nichts mehr, wir stiegen aus und er fuhr fort.
Der nächste Termin wartete schon auf uns: Wir sollten zum Bundesgrenzschutzbüro kommen, dort wolle man ein Protokoll anfertigen. Auf dem Weg dorthin betrachteten wir voller Interesse die kleinstädtische Umgebung. Sieh an, auch hier gab es Agitation und Propaganda: Waren wir aus der DDR Transparente gewohnt, auf denen in großen Buchstaben stand:
"Die Partei bleibt die stärkste Kraft der Arbeiterklasse!"
sahen wir hier ein Plakat, auf dem in großen Buchstaben stand:
"Persil bleibt Persil!"
Das war kürzer, klang aber auch interessant.
Warnung vor "sowjetzonalen" Minen
Beim Bundesgrenzschutz erzählten wir erneut, was wir bereits dem großzügigen Amerikaner mitgeteilt hatten. Besonders interessiert waren die BGS-Leute an der genauen Stelle, wo wir die Grenze passiert hatten. Wir versuchten dies, so gut wir konnten, zu beschreiben, die Beamten schauten uns ernst an und teilten uns mit, dass wir ein Minenfeld passiert hätten.
Wir schauten darauf hin uns untereinander an. "Gesehen haben wir keine, auch keine Warnschilder - wir waren der Meinung, dieser Grenzabschnitt sei noch nicht vermint", gaben wir zu Protokoll. Meine Freundin versuchte einen Witz: "Deshalb habt ihr mich zuerst durch den Zaun gelassen, ich sollte wohl mal testen, ob's vermint war?"
Uns war nicht zum Lachen zumute. Wir wurden wieder in den Käfer gebeten, dann fuhren wir an die Grenze, um die Stelle, wo sich für uns der Osten in den Westen verwandelt hatte, unter uniformierter Obhut bei Tageslicht zu betrachten. Am Tage sah das alles etwas anders aus, aber wir meinten, doch die Stelle erkennen zu können. Wir fanden auch das Schild "HALT! Hier Zonengrenze!" wieder, am Zaun war nichts zu erkennen, meine Jacke hing dort auch nicht mehr.
In der Nähe, auf westdeutschem Gebiet, standen noch weitere Warnschilder:
"Vorsicht! Wirkungsbereich sowjetzonaler Minen!"
Was hatten wir für ein Glück gehabt. Nix wie rein in den Käfer, im Beisein des BGS-Beamten fühlten wir uns doch wohler.
In der Zange wegen der Zange
Wir fuhren zur Wache zurück, dort eröffnete man uns, dass wir am nächsten Morgen zunächst mit dem Zug nach Kronach fahren müssten. Ein dortiges Amt würde sich um uns kümmern, Fahrkarten dorthin bekamen wir ausgehändigt.
Am Nachmittag erschien unser amerikanischer Freund wieder. Diesmal schaute er nicht so fröhlich, wie am Morgen. Eigentlich war er sogar unfreundlich. Wir sollten ihm endlich die Wahrheit erzählen, sagte er, denn unsere Geschichte, wie wir sie ihm am Morgen aufgetischt hätten, könne doch nicht stimmen. Wir schauten uns verdutzt an. Was war mit dem los?
Wir fragten nach. Er habe veranlasst, dass unsere Zange im Labor untersucht wurde. Dabei hätten die amerikanischen Spezialisten festgestellt, dass damit noch nie irgendwelcher Draht geschnitten worden sei, schon gar kein Stacheldraht. Das könne man feststellen. Und wir sollten jetzt endlich mit der Wahrheit herausrücken: Wer hätte uns geschickt, was wäre unsere Aufgabe im Westen? Wenn wir alles zugäben, wäre es für uns leichter, sagte er.
Wenn es nicht so ernst gewesen wäre, hätten wir laut gelacht. So antworteten wir ernst, dass unsere Berichte bisher der Wahrheit entsprächen, außerdem wären wir sicher, mit eben jener Zange eben jenen Stacheldraht zerschnitten zu haben. Vielleicht habe sein Labor nicht richtig untersucht. Mit diesen unseren Beteuerungen gab er sich denn auch zufrieden, weitere Stangen Zigaretten, wie wir gehofft hatten, gab es nicht. Er fuhr wieder weg.
"Der hat halt mal auf den Busch geklopft"
Wir waren der einhelligen Meinung, die Amis seien Idioten, ein Bundesgrenzschutzbeamter, dem wir diese skurrile Episode erzählen, meinte lapidar. "Der hat halt mal auf den Busch klopft - dös machens scho' mal, die Amerikaner. Vielleicht seid's Ihr ja auch wirklich geschickt worden."
Das war nun ärgerlich, dass man uns nicht ganz vertraute, wir versuchten es zu verstehen. Es war ja auch gut, dass gründlich untersucht wurde, was der Hintergrund unserer Flucht war.
Komisch war es, dass wir die Einzigen waren, die sicher wussten, dass wir in niemandes Auftrag im Westen erschienen waren.
Am nächsten Morgen sollten wir weiter fahren, zunächst nach Kronach, zum Jugendamt, oder Landratsamt, das erinnere ich nicht mehr genau. Von dort würde veranlasst, dass wir nach Gießen fahren würden, in das zentrale Notaufnahmelager. Das sei notwendig, da müsse auch jeder hin.
Was würde uns in Gießen erwarten? Wir waren gespannt!