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Schmutzige Vereitelungspläne: Wie mich einmal die Kaiserstochter besuchte

Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Keturah Collings

Schmutzige Vereitelungspläne Wie mich einmal die Kaiserstochter besuchte

Kaiserliche Hoheit auf Stippvisite: Als die Tochter Kaiser Wilhelms II. 1965 dem Christophorus-Internat einen Besuch abstattete, rebellierten die Oberprimaner. Rainer Schinzel und seine Mitschüler protestierten mit einem Lausbubenstreich.
Von Rainer Schinzel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der deutsche Nachkriegsmuff war 1965 bereits der Ahnung eines libertären Geists gewichen, der sich ab 1968 zu einer großen Studentenrevolte auswachsen sollte. Uns 20 Oberprimanern in der kleinen Außenstelle Limmer/Alfeld der Christophorusschule Elze im südlichen Niedersachsen dagegen teilte man in dieser Zeit mit, dass wir Besuch aus dem weitläufigen Kabinett deutscher Adelsgeschichte erwarteten. Besuch von höheren, blaublütigen Gnaden.

Der Name der Dame, die unserer Schule einen Besuch abstatten wollte, war Victoria Luise. Sie sei die Tochter des Kaisers, komme aus Braunschweig, und für uns als Internat sei ihr Besuch eine große Ehre, hieß es. Hätten wir nicht gewusst, dass wir in einer parlamentarischen Demokratie lebten, wir wären auf den Gedanken gekommen, Zöglinge im preußischen Kaiserreich zu sein. Und überhaupt: Wer eigentlich war diese Victoria Luise, und welcher Kaiser um Himmels Willen war ihr Vater? Und wieso wurde von dem nämlichen Kaiser gesprochen als regiere er uns noch immer?

Wer den Adelsbesuch der Tochter Wilhelms II. - des letzten deutschen Kaisers und Königs von Preußen, wie wir schließlich erfuhren - eingefädelt hatte, wussten wir nicht. Welchen Sinn er haben sollte, war uns auch nicht klar. Womöglich gab es ein paar alte Herren im Lehrerkollegium, die die Geburt der Weimarer Republik mit ihrem bemerkenswerten Sinn für Demokratie als das Ende einer glorreichen Zeit ansahen. Bis 1918 war die Dame, die uns besuchen sollte, immerhin eine Königliche Hoheit gewesen, Tochter des Regenten eines großen Reichs, Repräsentantin einer anderen, monarchistischen Herrschaftsordnung.

Preußisch unkorrekt

Im Christophorus-Zweiginternat ging es nach dieser Ankündigung zu wie in einem Bienenstock. Wände wurden getüncht, Schandflecke beseitigt, es wurde alles getan, damit das Internat einen guten Eindruck machte. Während wir für den Besuch schwitzten, ging uns nicht die Frage aus dem Sinn, warum wir wegen einer Kaisertochter solch einen Zirkus veranstalten. Wir beschlossen, den Besuch zu torpedieren. Er machte einfach zu viel Arbeit. Die übersteigerte Ehrerbietung Adeligen gegenüber erschien uns außerdem unzeitgemäß.

Unsern Internatsleiter, dessen Nervosität mit dem Näherrücken des blaublütigen Besuchs zu wachsen schien, konnten wir nicht leiden. Also beschlossen wir, ihn zu ärgern.

In den Tagen vor dem Besuch der Kaisertochter legte er allergrößten Wert auf den tadellosen Zustand der Sanitäranlagen. Bei uns Schülern entstand der Eindruck, Sinn und Zweck der kaisertöchterlichen Audienz bestand einzig darin, unsere Toiletten auf ihren ordnungsgemäßen Zustand zu kontrollieren. Hier sollte unser Vereitelungsversuch ansetzen: Am Morgen des großen Besuchstages ließen wir auf den Toiletten die Sau raus. Wir stopften Unmengen von Toilettenpapier in die Schüsseln, spülten exzessiv und überschwemmten alles, so gut wie wir konnten.

Langweiliges Protokoll

Unser drastisches Vorgehen war nicht bloß als Protest gegen Victoria Luise zu verstehen. Verheißungsvoller waren die peinlichen Momente, die unsere Aktion unserem Internatsleiter bei der Schulbesichtigung bescheren würde. Unser Plan ging allerdings nicht auf. Victoria Luise Adelheid Mathilde Charlotte Prinzessin von Preußen hatte zu unserem Bedauern kein Bedürfnis verspürt, unsere mittlerweile erfolgreich unter Wasser gesetzten Toiletten zu besichtigen. Warum bloß nicht?

Stattdessen wurden außerhalb des Gebäudes brav Hände geschüttelt. Die Kaisertochter schritt unsere Reihen ab, gab jedem Oberprimaner die Hand und fragte, woher er komme. Drei Schüler vor mir konnte ich schon ihre immer gleich glanzlose Antwort hören: "Das ist aber schön." Als ich an der Reihe war, drückte ich behutsam die Hand der alten Dame, die ein lustiges Hütchen trug, antwortete auf die Frage mit "Thüringen" und bekam erwartungsgemäß die gleiche langweilige protokollgerechte Antwort.

Als ich ein Jahr später aus Neugier die Biographie von Viktoria Luise las, dachte ich, Donnerwetter, diese Frau hat mir also mal die Hand geschüttelt. Die ein oder andere, ihr ereignisreiches Leben betreffende Frage kam mir in den Sinn, aber noch einmal blicken ließ sich die Kaisertochter in unserer Schule leider nicht.