Schotten vs. Engländer: Wurzeln des schottischen Nationalismus
Schotten vs. Engländer "Archaische Angst des kleinen Bruders"
Eine Liebesheirat war es nicht: Als die schottische Elite vor gut 300 Jahren für die Allianz mit England eintrat, ging das einfache Volk auf die Barrikaden. In mehreren Städten kam es zu Protestkundgebungen, eilig verhängte das schottische Parlament das Kriegsrecht, um der Lage Herr zu werden. Dem Zorn des Mobs entfloh der Bürgermeister von Glasgow nur um Haaresbreite: indem er eilig in einen Schrank sprang.
Eine "Union mit weniger gegenseitiger Zuneigung" habe es noch nie gegeben, kommentierte Robinson-Crusoe-Autor Daniel Defoe, der Anfang des 18. Jahrhunderts als englischer Spion in Schottland den Aufruf miterlebte. Und trotzdem: 1707 vereinigten sich England und Schottland in den "Acts of Union". Das Königreich Schottland ging in einem wirtschaftlich prosperierenden Staat auf - und verlor im Gegenzug einen Großteil seiner Eigenständigkeit, um die es jahrhundertelang erbittert gekämpft hatte.
Von Anfang an, so scheint es, stand die Liaison beider Länder unter einem schlechten Stern. Wie viel alter Frust ist es, der nun den aktuellen Erfolg der schottischen Separatisten befeuert? Und wo liegen die historischen Wurzeln für die Abneigung der Schotten gegenüber den Engländern? einestages sprach mit dem Großbritannien-Experten Helmut Weber über den Ursprung alter Aversionen - und die historischen Wurzeln des schottischen Nationalismus.
Prof. Dr. Helmut Weber, Jahrgang 1951, war bis 2002 als Professor für Rechts-, Wirtschafts- und Sozialstrukturen Großbritanniens tätig, derzeit ist er Fellow am Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin.
einestages: Welcher englische Witz über die Schotten trifft die Kaledonier derzeit am härtesten?
Weber: "Sean Connery hat gesagt er kehrt von den Bahamas zurück, wenn Schottland unabhängig wird. Er muss sich ja jetzt vor Angst in die Hosen machen."
einestages: Und die schottische Witz-Retourkutsche auf diese Gemeinheit?
Weber: "Die britische Regierung warnt davor, dass ein unabhängiges Schottland bald der dritten Welt angehören wird. Die schottische Antwort lautet. Schon möglich. Aber ob es wirklich so viel besser wird?"
einestages: Warum können die Schotten die Engländer eigentlich nicht ausstehen?
Weber: In der Summe haben die Menschen im Land gar nichts gegen die Engländer - die Aversion richtet sich eher gegen die Zentrale London. Die Schotten treibt die archaische Angst des kleinen Bruders um, zu kurz zu kommen, ungerecht behandelt, immer wieder benachteiligt zu werden. Es herrscht ein uraltes, weit verbreitetes Gefühl, von dem großen Nachbarn im Süden über den Tisch gezogen worden zu sein.
einestages: Wann genau begann das schottisch-englische Schlamassel?
Weber: Probleme gab es von Anfang an, seit der Nationenwerdung beider Länder. England war immer die größere, stärkere Macht, Schottland das kleinere und ärmere Land, das sich verteidigen musste. Einen Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen um das Jahr 1300: mit dem Versuch des englischen König Edwards, sich Schottland ebenso einzuverleiben, wie das mit Wales gelungen war. Der Film "Braveheart" thematisiert diesen blutigen Konflikt.
einestages: Das Schlachtenepos von 1995 mit Mel Gibson bestärkte viele Kaledonier in ihrem Groll auf England. Es befeuerte den schottischen Nationalismus...
Weber: ...und hat den Drang nach Unabhängigkeit emotional aufgeladen. Jahrhundertelang kämpften die Schotten um ihre Eigenständigkeit, die anglo-schottischen Kriege waren ein permanentes "on and off".
einestages: Trotzdem opferten die Schotten im Jahr 1707 ihre Autonomie und gingen mit England zusammen. Warum taten sie sich das überhaupt an?
Weber: Die Schotten waren militärisch schwach - und ökonomisch am Boden. Das schottische Kolonialabenteuer in Panama war gründlich gescheitert, die Elite des Landes hatte fast ihr gesamtes Vermögen verloren. Die Engländer nutzten diese Schwäche, dieses kleine Zeitfenster, geschickt aus, um das schottische Königreich an sich zu binden.
einestages: Das einfache Volk wollte die Union mit England um jeden Preis verhindern...
Weber: ...doch die Adeligen setzten sich durch: London versprach im Unionsvertrag, die finanziellen Verluste des Panama-Desasters auszugleichen. Und für die schottische Wirtschaft öffnete sich ein gewaltiger Markt. Das kleine Land profitierte von der globalen Wirtschaftsmacht des Nachbarn.
einestages: Das ganze gleicht einer Vernunftehe ungleich starker Partner...
Weber: ...in der es immer wieder kriselte. Nehmen Sie etwa die Schlacht bei Culloden 1746: Drastisch unterwarfen die Engländer die überwiegend schottischen Aufständischen, verboten Kilt und Dudelsack: ein bis heute nicht verwundenes nationales Trauma, das natürlich Ressentiments schürt.
einestages: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert erfuhr der schottische Nationalismus einen großen Aufschwung. Was hat die Separatisten so stark gemacht?
Weber: Eine zentrale Rolle spielen die gewaltigen Erdölfunde vor der schottischen Küste Ende der Sechzigerjahre. Plötzlich fühlten sich die Schotten stark - und finanziell in der Lage, allein klarzukommen.
einestages: Etwa zeitgleich kam Margaret Thatcher an die Macht, für viele schottische Nationalisten bis heute die Inkarnation des Bösen. Warum?
Weber: Die Politik Thatchers war eine Politik der Stärkung der Londoner City als internationaler Finanzplatz und der Ausrichtung oft an den Interessen der City, verbunden mit einer schonungslosen Deindustrialisierungspolitik. Bergwerke und Werften wurden stillgelegt, die Arbeitslosigkeit stieg. Das schürte den Groll der Schotten.
einestages: Dazu kommt ein religiös bedingter Unterschied beider Mentalitäten.
Weber: In Schottland herrscht traditionell der gemeinschaftsbezogene und in gewissem Sinne egalitäre Calvinismus vor - in England der eher individualistisch und hierarchisch geprägte anglikanische Protestantismus. Die Schotten ticken einfach anders.
einestages: Was stört die Schotten am anti-europäischen Kurs vieler Engländer?
Weber: Die Kaledonier sind traditionell viel stärker mit dem Kontinent verwoben: Es gab Zeiten in der Geschichte, da studierten Generationen schottischer angehender Juristen und Mediziner etwa in Leyden und Utrecht. Das ganze Rechtssystem der Schotten ist im Ursprung ein genuin kontinentaleuropäisches - der englische Sonderweg ihnen eigentlich fremd.
einestages: Wie lautet Ihre persönliche Prognose für das Referendum?
Weber: Ich tippe auf 48 bis 49 Prozent für das "Yes"-Lager. Es ist wahrscheinlich, dass viele euphorische Nationalisten im letzten Moment doch noch umschwenken - so wie dies mehrmals in Québec passiert ist. Die Wähler verlässt der Mut, wenn sie in der Wahlkabine stehen. Aber ich mag mich täuschen.