Schülerverbindungen: Freundschaft, Ehre, Treue, Vaterland
Schülerverbindungen Freundschaft, Ehre, Treue, Vaterland
Das Entsetzen von Direktor Schädel ist groß, als sich Ende Dezember 1904 ein schlimmer Verdacht bestätigt: Ausgerechnet an seinem ehrwürdigen Großherzoglichen Gymnasium, dieser seit 1605 bestehenden Traditionsanstalt in Gießen, haben Pennäler pünktlich zum 300. Jubiläum der Lehranstalt eine geheime Schülerverbindung namens "Cheruscia" gegründet. Und das, wo dem Gymnasium doch zum runden Geburtstag der Titel "Landgraf-Ludwigs-Gymnasium" verliehen werden soll, womit es unter die ehrwürdigsten Bildungsanstalten des Großherzogtums Hessen aufgestiegen wäre.
Eine Katastrophe. Dem hilflosen Rektor bleibt nichts anderes übrig, als die Umbenennung zu verschieben, die lang geplante Feier muss abgesagt werden. Erst zweieinhalb Jahre später, im Jahr 1907, sieht Direktor Schädel den Ruf seiner Anstalt hinreichend wieder hergestellt, um die Ehrung des Großherzogs entgegen zu nehmen. Die Übeltäter hatten inzwischen die Schule verlassen, die meisten von ihnen waren ohnehin Primaner kurz vor dem Abitur gewesen. Dass zum Jahresbeginn doch noch eine kleine Neuauflage der "Cheruscia" entdeckt wird, hält die Schulleitung 1907 nicht mehr davon ab, die Feier dieses Mal steigen zu lassen. Sieben Jahre dauerte der Kampf der Gießener Schule gegen die "Pest der Schülerverbindung", erst nach 1907 schweigen die Schulakten über die im Jahr 1900 zum ersten Mal erwähnte Cheruscia.
Trinkgelage und lärmende Zusammenkünfte
Etwa 450 geheime Schülerverbindungen, inspiriert von den studentischen Corps, gab es zur Jahrhundertwende allein in Preußen, schätzte 1911 der Schulleiter und aufrechte Kämpfer gegen das Schülerverbindungswesen Max Nath in einer seiner Publikationen. Im Gegensatz zu ihren studentischen Vorbildern war den Schülern diese Form der Freizeitgestaltung verboten. Die Disziplinarvorschriften für Schüler der Gymnasien im Großherzogtum Hessen besagten unmissverständlich: "Trinkgelage, namentlich auch in Privatwohnungen, und lärmende Zusammenkünfte sind allen Gymnasiasten verboten. Auch ist denselben strenge untersagt, an irgend einer Gesellschaft, die den Charakter einer geheimen trägt, welchen Namen und 'Zweck' sie auch haben mag, Antheil zu nehmen und darauf bezügliche Farben und Abzeichen zu tragen."
Im wilhelminischen Kaiserreich durften die Schüler nicht nur wegen ihres Alters keinen Alkohol trinken. Gymnasiasten sollten sich auch außerhalb der Schule ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechend verhalten: Als Söhne gutbürgerlicher Familien, die ein Studium und anschließend eine Karriere als Beamte, Gelehrte oder Offiziere anstrebten, hatten sie sich "standesgemäß" zu benehmen.
Den Jugendlichen drohten für ihre "Studentenäfferei" harte Strafen - vom Nachsitzen im zellenartigen Schulkarzer über eine vorübergehende Suspendierung vom Unterricht bis hin zum Schulverweis reichte der Maßnahmenkatalog. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, immer wieder solche Verbindungen zu gründen. Doch was suchten die Schüler in ihren verbotenen Gemeinschaften, die sich mit ihrem Ehrenwort dem Verbindungsmotto "Freundschaft, Treue, Ehre, Vaterland" verschrieben?
Unterwerfen unter den Ehrenkodex
Freiheit von Regeln kann es jedenfalls nicht gewesen sein: Genau listet der 1905 von den Schülern nach langen Verhören an die Gießener Lehrerkonferenz ausgelieferte Statutenentwurf der Cheruscia die Rechte und Pflichten aller Verbindungsmitglieder auf. Ein monatlicher Mitgliedsbeitrag von einer Mark, die Aufnahmegebühr, regelmäßige Teilnahme an den "Kneipen" und "Konventen", sind dort ebenso aufgeführt, wie eine klar strukturierte Rangfolge von den "Fuchs" genannten Neumitgliedern über die "Burschen", die aktiven Schüler, bis hin zu den "Alten Herren" und "Ehrenmitgliedern" des Männerbundes.
Und auch das Verhalten der Mitglieder außerhalb des Verbindungsraums in einer der örtlichen Gaststätten war streng reglementiert: Der Kontakt zu Nichtmitgliedern musste reduziert oder eingestellt werden, die Schüler unterwarfen sich dem Ehrenkodex der Verbindung. Verbindungs-Experte Nath resümierte: "Der Neuling, der 'wacker eingesprungen' ist, sieht sich bald verstrickt in ein Netz der mannigfachsten Verpflichtungen. Er, der vielleicht über die 'Tyrannei' der Schule seufzte, beugt sich jetzt freiwillig und stolz einer viel strengeren Herrschaft."
Ausgangspunkt der schulischen Untersuchungen in Gießen war der Brief einer Mutter vom 31. Dezember 1904, die ausdrücklich betonte, ihr Sohn sei nicht Mitglied der Verbindung. Sie ging offenbar davon aus, dass der Schule die erneute Existenz der "Cheruscia" schon bekannt war. Dass die Mutter damit die Ermittlungen ins Rollen brachte, welche dann bewiesen, dass gerade ihr Sohn ein sehr aktives Mitglied war, hatte sie wohl nicht geahnt und sicher nicht beabsichtigt.
Schweigegelübde der Nachwuchs-Burschen
Schon zwei Wochen zuvor, am 15. Dezember, hatten zwar die Ermittlungen unter den Kneipenwirten der Stadt begonnen, doch erst mit dem Brief zum Jahreswechsel wurde der Verdacht der Schulleitung zur Gewissheit. Die handelte schnell: Noch in den Weihnachtsferien wurde der gesamte Lehrkörper zu einer Sonderkonferenz einbestellt, am nächsten Tag begannen die Verhöre der verdächtigen Schüler. Der Verbindung sollte keine Zeit gelassen werden, ihre Requisiten und Papiere zu verstecken oder sich eine gemeinsame Entlastungs-Geschichte auszudenken.
Dass diese Befürchtungen begründet waren, zeigte sich schnell: "Haben Sie bei Ihrem Eintritt das Ehrenwort geben müssen, für den Fall der Aufdeckung alles zu verschönigen?", wurden die Schüler in den Verhören gefragt - die Antwort fiel positiv aus. Doch schnell bröckelte das Lügengebäude der Nachwuchs-Burschen, die ersten gaben nach und nannten die Namen weiterer Mitglieder. Nur wenige blieben bei der Ursprungsversion: Sie seien einfach nur gute Freunde, erklärt etwa der Schüler Heimer, es gebe keine feste Verbindung mit Namen und Farben.
Ziel der Ermittlungen war jedoch nicht nur, die beteiligten Schüler ausfindig zu machen, denn damit war die Organisation noch nicht zerschlagen. Vielmehr war es wichtig, den Fundus der Verbindung zu beschlagnahmen; erst damit war die Schülerverbindung in ihrem Bestand getroffen. Die Gießener Schüler mussten schließlich nachgeben: Bänder, Liederbücher, Kneipprotokolle und sogar einen Entwurf ihrer Statuten lieferten sie widerwillig an die Schulleitung aus - ein voller Erfolg aus Sicht der Lehrer.
Doch kaum zwei Jahre später stellte sich heraus, dass der Triumph der Lehrer mitnichten endgültig gewesen war: Schon wieder hatte sich eine neue "Cheruscia" gebildet. Die Utensilien hatten die Nachrücker von ihren Vorgängern bekommen. "Alte Herren" und ehemalige "Cheruscia"-Mitglieder hätten den Gymnasiasten die Reste des Bestandes weitergereicht, wie die nunmehr dritte Generation der Verbindungs-Pennäler im Verhör eingestand.
Schulverweis für die Anführer
Die Schule stand vor einem Problem: Wie sollte sie die Verbindung komplett zerschlagen, wenn die sich immer wieder mit Hilfe ihrer Vorgänger neu formieren konnte? Was tun mit den beteiligten Schülern? Sie alle von der Schule zu verweisen, war schlecht möglich - halbe Klassen wären so verschwunden und mit ihnen das Schulgeld der Eltern. Auch die Unruhe unter den verbleibenden Schülern sprach gegen eine derart drakonische Maßnahme. Gleichzeitig musste ein abschreckendes Bespiel gegeben werden, um so zumindest zeitweilig die Wiederauferstehung der "Cheruscia " zu verhindern.
Die Gießener Lehrerkonferenz entschied sich für einen Mittelweg: Nur die aktivsten fünf Schüler bekamen den gefürchteten Schulverweis, aktive Mitglieder der "Cheruscia ", die "hartnäckig geleugnet" hatten, wurden für ein halbes Jahr vom Unterricht suspendiert. Auf die letzte Gruppe, diejenigen, die nur kurzzeitig Mitglied gewesen und schnell gestanden hatten, wartete der Schulkarzer: Einige Stunden mussten sie in der schuleigenen Zelle verbringen und über ihre Verfehlungen nachdenken.
Den "Haupttätern" erleichterte ein einflussreicher Vater die Strafe: Das hessische Schulministerium in Darmstadt zog die Urteile zurück und ersetzte sie auch für die fünf größten Übeltäter durch eine zeitweilige Suspendierung, die anderen Strafen wurden ebenfalls in etwas mildere Urteile umgewandelt. Ein Grund für den Sinneswandel war auch, dass keines der umliegenden Gymnasien bereit war, die verwiesenen Verbindungsschüler aufzunehmen.
Eine Erklärung für die Anziehungskraft der "Cheruscia " fand die Lehrerkonferenz in Gießen nicht, sie suchte wohl auch nicht wirklich danach. Für die Lehrer war die geheime Gesellschaft der Oberschüler zwar ein schwerer Verstoß gegen die Schuldisziplin, aber letztlich doch auch eine Art Streich von "dummen Jungen", die ihren verbotenen Alkoholkonsum mit einem verquasten Ehrbegriff adeln wollten. Dass für die Schüler tatsächlich mehr dahinter stand, lässt die Hymne vermuten, die sie eigens für ihre "Cheruscia" gedichtet hatten: "Es heißt nach jenem Völkerstamm, der einst das stolze Rom bezwang." Im Aufmucken gegen ihre Lehrer sahen die Pennäler selbst ein heroisches Aufbegehren gegen die die Tyrannis der Schule.
Dieser Artikel basiert auf einem preisgekrönten Beitrag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Weitere Informationen zum Originalbeitrag "'Der Freiheit Herd?' Das Schülerverbindungswesen am Anfang des 20. Jahrhunderts" von Mira Kröck und Bettina Kühn können in der Datenbank des Geschichtswettbewerbs recherchiert werden.
Lesen sie auch:
Freikörperkultur: Links und Nackt
Münchener Räterepublik: Mord im Luitpold-Gymnasium
Nazi-Ikone Horst Wessel: "Christussozialist" im Straßenkampf