Schule in den Vierzigern - DER SPIEGEL
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Schule in den Vierzigern: Scheitelknien für die Disziplin

Foto: hanns schneider/Fotografin war vermutlich die Großmutter "Omme".

Schule in den Vierzigern Scheitelknien für die Disziplin

Schule ist auch heute nicht immer lustig - doch den Rohrstock müssen vorlaute Schüler nicht mehr fürchten. Ganz anders in den Vierzigern: Hanns Schneider überstand ein langes Martyrium an Bayerns Schulen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Sommer 1943 - die Katastrophe der 6. Armee in Stalingrad lag schon ein knappes halbes Jahr zurück - fuhren meine beiden Omas, meine Mutter, mein Bruder und ich in die Sommerfrische. Unser Quartier war die Pension Plössl in Truchtlaching an der Alz.

Während unseres Aufenthalts verfügte die Stadtverwaltung von München, dass wir nach Herbsdorf, Gemeinde Nussdorf, zur Familie Braml evakuiert würden. Ein Teil der Möbel wurde daher inzwischen dorthin verfrachtet. Wir flüchteten notgedrungen vor den nächtlichen Luftangriffen auf München - die Flak-Batterie auf dem heutigen Trainingsgelände des FC Bayern konnte unseren Stadtteil nicht mehr schützen.

Eines Tages kam ein Mann in die Pension und verkündete, der Hof des Burger-Bauern sei durch Blitzschlag abgebrannt. Das war zwar für die betroffene Familie schlimm, aber uns berührte das eigentlich nicht so sehr - bis sich herausstellte, dass Herr Braml seinerzeit in den Burger-Hof eingeheiratet hatte. Jetzt waren auch wir betroffen.

Rohrstock und Spitzel bei Frau Dippert

Beim Brand hatte man, so erfuhren wir, unsere Möbel aus dem ersten Stock des Bauernhauses geworfen, was ihnen nicht sonderlich gut bekam. Bis ein Ersatzquartier gefunden war, mussten wir noch längere Zeit in der Pension ausharren. Ich kam deshalb in Truchtlaching in die Grundschule zu Fräulein Holde. Wegen meiner guten Leistungen durfte ich schon bald bei der im selben Klassenzimmer befindlichen 2. Klasse mitlesen.

Zwischenzeitlich hatte eine Fliegerbombe die Rückwand unseres Hauses in München wegrasiert: Für die nächsten Jahre gab es kein Zurück. Etwa im Dezember stand unser Ausweichquartier bereit, ein elendes Häuschen. Es war im Winter derart feucht und schimmelig in der Bude, dass sich hinter dem Kleiderschrank eine dicke Eisschicht bildete. Mein Bruder und ich wurden unsere starke Erkältung den ganzen Winter lang nicht los.

Die Schule lag im ungefähr eine Stunde entfernten Nussdorf. Die Lehrerin regierte mit Rohrstock und Spitzeln. Wenn sie zur Kaffeepause in ihre im Schulhaus gelegenen Wohnung ging, führte gewöhnlich eine Schülerin Aufsicht und machte für jedes Schwätzen oder Verlassen der Schulbank einen Kreidestrich an die Tafel. Zurück in der Klasse ließ Frau Dippert den Gertenstock zischen, für jeden Strich gab es eine "Tatze" auf die vorgestreckte Hand. Bei schwereren Vergehen hagelte es Schläge auf den Hintern. Die Krönung war das Scheitelknien: Wir mussten uns auf die spitze Seite eines dreieckigen Holzscheits knien - besonders schmerzhaft, wenn die scharfe Holzkante unterhalb des Knies eindrang.

Demütigung vor der ganzen Klasse

Die ausgefeilte Pädagogik dieser Lehrerin führte dazu, dass ich schon bald Angstzustände bekam, wenn ich nur ihren Namen hörte. Im Unterricht neigte ich zu unkontrollierten Armbewegungen. Sie ließ es sich nicht nehmen, mich zum Gaudium der ganzen Klasse nachzuahmen. Weihnachten 1944 sollte jedes Kind bei der Schulfeier eine Gedichtstrophe aufsagen, mich sortierte sie als einziges Kind aus. Schließlich bestellte sie meine Mutter zu sich in die Schule und beklagte meinen Leistungsabfall.

Zwei Jahre später meinte es der Herrgott gut mit mir. Durch nützliche Zuwendungen ergatterten wir auf der Ladefläche eines Lkws einen Platz und fuhren nach München. Wir saßen reichlich unbequem oben auf den Möbeln. Am Stadtrand von München, in Ramersdorf, fuhr der Lkw in einen Biergarten und steuerte ein auf zwei Pfosten angebrachtes Wirtshausschild an. Meine Mutter stieß einen Schrei aus und instinktiv ließ ich mich zwischen den Möbeln nach unten fallen. Andernfalls wäre ich mit dem Kopf gegen das Schild geschlagen.

In München fanden wir Unterschlupf bei meinem Onkel in der Maximilianstraße; ich besuchte von nun an die katholische Knabenvolksschule an der Herrnstraße. Dort bezog ich von meinen Mitschülern jeden Tag eine ausgiebige Tracht Prügel. Zu diesem Zweck zerrten sie mich zu sechst oder acht in die Toilette, um ihrem Handwerk ungestört nachgehen zu können. Es versteht sich von selbst, dass sie auch meine Briefmarkensammlung klauten, die ich einem Mitschüler zeigen wollte.

Starke Rechte von "Dr. Tod"

Als mein Körper derart grün und blau geschlagen war, dass es sogar den Nachbarn auffiel, beschwerte sich meine Mutter beim Rektor. Doch das nützte mir nichts mehr, denn wir zogen bald darauf in unser notdürftig repariertes Haus in Harlaching zurück.

Nun kam ich in die Knabenvolksschule an der Rotbuchenstraße. Dort hatte ich es leichter, die Prügel meiner neuen Mitschüler zu ertragen, denn in Manfred fand ich einen Leidensgenossen, und geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid. Es begann schon am ersten Tag damit, dass mir ein Namensvetter auf dem Schulhof grundlos einen satten Kinnhaken verpasste. Und die Meute jubelte.

Nach einem halben Jahr in dieser Marteranstalt wechselte ich auf die Klenze-Oberrealschule, damals provisorisch im Theresiengymnasium am Kaiser-Wilhelm-Platz unterbracht. Unsere Deutsch-Lehrerin, eine feurige Ungarin, verpasste mir schon bald eine Ohrfeige, dass ich Nasenbluten bekam. Übertroffen wurde sie nur vom stellvertretenden Direx, wegen seines auffallend blassen Teints "Dr. Tod" genannt. Zuerst schlug er auf die linke Wange und beim Rückwärtspendeln der Hand schlug er - seine Kraftreserven optimierend - mit dem Handrücken zu.

Danach verblasst meine Erinnerung. Einmal, in der Quarta, schlug mir der Geographielehrer Heller den Zeigestock derart heftig auf die Schulter, dass er zerbrach.

Aber das war sicher keine böse Absicht.