Schullandheim Wegscheide: Heulen, Klagen und erste Liebe
Schullandheim Wegscheide Heulen, Klagen und erste Liebe
Im Jahr 1950 fahren wir mit der Klasse zur Wegscheide, das ist ein Schullandheim im Spessart für Frankfurter Schulkinder.
In der Handarbeitsstunde haben wir dafür extra Röcke genäht, die wir ringsum besticken müssen. Ein hässlicher Rock und ich sehe hässlich darin aus. Auf der Wegscheide fällt es Gott sei Dank nicht auf, wir haben alle diese hässlichen Röcke an.
Wir lernen das Wegscheidelied: "Auf der Höhe da droben, da wehet der Wind..."
Wir machen Bommeln für die Jungen, die wir dort kennenlernen werden, und hängen sie mit einer Sicherheitsnadel an unsere Hosen oder Röcke.
Um allen Kindern die Möglichkeit zu geben, mit auf die Wegscheide zu fahren, üben wir ein Theaterstück ein.
Der Erlös aus dieser Aufführung soll den Kindern zugute kommen, deren Eltern die Fahrt nicht finanzieren können.
Ich werde immer für lustige Rollen vorgeschlagen. Warum, weiß ich nicht. Ich bin nicht lustiger als andere Kinder und lache nicht mehr als andere Kinder, ich bin auch keine Ulknudel und manchmal bin ich auch traurig. Aber ich ahne, dass es an meiner Körpergröße liegen muss. Ich bin die Kleinste in der Klasse.
Ich spiele diese Rollen gerne, denn ich habe immer - na ja, ich bilde es mir wenigstens ein - den meisten Applaus. In diesem Jahr spielen wir den Rattenfänger von Hameln. Es gibt keine lustige Rolle in diesem Stück. Ich habe also eine kleine tragische Rolle als Mutter zu spielen und nichts anderes zu tun, als mit meiner Puppe auf dem Arm hereinzustürmen und zu rufen: "Ist es nicht schrecklich, zum Heulen und Klagen, sie schlüpfen sogar zu dem Baby in den Kinderwagen".
Doch bevor ich dazu komme, meinen Satz aufzusagen, rutsche ich aus, stürze im wahrsten Sinne des Wortes auf die Bühne, halte - auf dem Bauch liegend - meine Puppe fest umklammert und schreie wütend meinen Satz ins Publikum. "Ist es nicht schrecklich zum heulen und klagen..."
*Immer für einen Lacher gut*
Das ist die Wandlung von der Tragödie zur Komödie.
Schallendes Lachen tobt mir entgegen. Traurig stehe ich auf, lasse das Gelächter hinter mir, renne auf den Schulhof und weine. Ich eigne mich nicht für tragische Rollen.
Nach zwei Tagen Wegscheide schreibe ich meinen Eltern, sie sollen mich abholen, ich wäre kurz davor, schrecklich krank zu werden. Ich habe Heimweh. Sie holen mich nicht.
Auf der Wegscheide lerne ich meine erste Liebe kennen, Hartmut, ein Junge aus dem Helmholtz-Gymnasium. Abends streite ich mit den anderen Mädchen darüber, wer den schönsten Jungen zum Freund hat. Für mich gibt es keinen Zweifel. Hartmut ist der Schönste, der Größte, der Klügste und der Beste. Er bekommt meine bunten Bommeln und er schnitzt mir Herzen aus Kakaostein. Abends tanzen wir auf der Höhe und singen das Wegscheidelied.
Von 1939 bis 1945 waren Kriegsgefangene der deutschen Wehrmacht auf der Wegscheide untergebracht. Franzosen, Engländer, Polen. Ab 1941 vorwiegend Russen. Versorgung und Unterbringung waren katastrophal. Auf dem nahe gelegenen Waldfriedhof liegen etwa 1400 russische Kriegsgefangene begraben. Von 1945 bis 1955 diente die Wegscheide als Flüchtlingslager für Heimatvertriebene der ehemaligen deutschen Ostgebiete.
Seit 1949 ist es Schullandheim der Stadt Frankfurt. Jährlich besuchen etwa 6000 bis 7000 Schüler das Kinderdorf Wegscheide - ich war eins davon.