Schwimmunterricht - DER SPIEGEL
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Schwimmunterricht: Im Namen des Anstands

Foto: Ferdi Keuter

Schwimmunterricht Im Namen des Anstands

Badeausflüge sorgten in den fünfziger Jahren nicht selten für Zoff zwischen Lehrern und Eltern. Besonders konservative Familienoberhäupter wollten verhindern, dass sich ihre Kinder halbnackt in der Öffentlichkeit zeigten. Ferdinand Keuter über die schweren Anfänge des Schulschwimmens.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sommer 1951: Wir waren in der sechsten Klasse an der Karlschule in Eschweiler und machten mit unserem Lehrer Steinbach einen Schulausflug zu "Leuchters Mühle", die etwas außerhalb lag. Nach der Besichtigung der Mühle durften einige von uns, die gut schwimmen konnten, in den Mühlenteich springen und sich abkühlen. Der Bach war reißend. Deshalb blieb Steinbach dicht am Ufer, um im Notfall helfen zu können.

Dieser Ausflug ist mir noch so gut in Erinnerung, weil das Schwimmen in unserer Klasse immer ein umstrittenes Thema war. Gelegentlich gingen wir in den Sportstunden in die nahe unserer Schule gelegene Eschweiler Badeanstalt. Im Sommer 1952 stand wieder einer dieser Schwimmbadbesuche an. Wie immer waren einige der Schüler begeistert, andere weniger. Und wie immer machten ein paar Eltern kurz vorher Zoff. Sie waren aus religiösen Gründen dagegen, dass ihre Söhne in die Badeanstalt gingen. Sie fürchteten, dass zu viel nackte Haut die Jungen auf unkeusche Gedanken bringen würde.

Lehrer Schopp ließ sich zum wiederholten Mal auf Diskussionen mit den Eltern ein und versuchte sie davon zu überzeugen, dass Schwimmen nicht nur Spaß macht, sondern auch die geistige Entwicklung fördert. Ergebnislos. Einer der Väter war gleichzeitig das Oberhaupt der Kirchengemeinde in Eschweiler und achtete besonders darauf, dass die religiösen Vorschriften eingehalten wurden. Schopp musste sich fügen, und so kamen auch dieses Mal zwei Jungen ohne Badezeug in die Schule.

Schlecht gelaunter Lehrer

Lehrer Schopp war deshalb sichtlich schlecht gelaunt, als wir Richtung Schwimmbad aufbrechen wollten. Vor dem Schulgebäude übte er mit uns erst einmal das Aufstellen. Wie die Orgelpfeifen sollte die Reihe aussehen. Der Drill hatte ohne Zweifel etwas Militärisches. Nachdem wir das geschafft hatten, gingen wir im Gleichschritt los zum Schwimmbad und sangen gut gelaunt das Wein- und Trinklied "Heut geht es an Bord".

Lehrer Schopp spitzte sofort die Ohren. Denn einige Schüler sangen nicht den Originaltext, sondern änderten diese Zeile auf "es lebe Schoppe Hein" um. Zum Ende des Liedes kamen wir gar nicht erst. Schopp verdonnerte uns zu einer Strafarbeit. Schulschwimmen fiel aus. Wir machten kehrt und marschierten zurück in die Klasse. Noch heute denke ich, dass Schopp nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, um das umstrittene Schulschwimmen abzusagen.

Wie sehr die betroffenen Kinder unter der Prüderie ihrer Eltern litten, zeigt eine Anekdote, die sich zu einer anderen Gelegenheit ereignete. Wieder stand Schulschwimmen auf dem Programm. Wieder gab es Diskussionen. Wieder kamen einige Jungen ohne Badezeug in die Schule. Doch dieses Mal versuchte einer von ihnen, sich selbst zu helfen. Er erinnerte sich, dass seine Tante aus Amerika per Post einen Damenbadeanzug geschickt hatte. In seiner Not wollte er sich daraus selbst eine Badehose zaubern und schnitt das obere Ende einfach ab. Mit einem Lederriemen befestigte er den Stofffetzen am Körper. Doch schon unter der Dusche zeigte sich, dass der Gürtel die sonderbare Badebekleidung nicht halten würde: Sie rutschte hinunter. An Schwimmen war da nicht mehr zu denken.

Strenger Bademeister

Am Nachmittag nach der von Schopp abgesagten Schwimmstunde trafen sich einige Jungen und Mädchen aus unserer Klasse in der Halle und bolzten friedlich miteinander. Nur der gestrenge Bademeister Jakob Lynen trübte den Spaß ein wenig. Er lächelte eigentlich nie. Nur wenn er mit einem großen Schlauch einen der Jugendlichen aus dem Becken holen konnte, der es zu wild getrieben hatte, grinste er zufrieden. Denn der Wasserdruck auf dem Schlauch war enorm. Auf der Haut brannte der Strahl wie Feuer. Gute Taucher versuchen den Attacken zu entgehen, aber Lynen hat mehr Zeit als der Taucher Luft.

An jenem Nachmittag im Sommer 1952 spielten die guten Schwimmer "Nachlaufen". Um dem "Abklatschen" zu entkommen, sprangen sie mit einem gekonnten Köpfer vom Beckenrand seitlich ins Wasser. Das wollte Bademeister Lynen absolut nicht dulden. Seine Mine verfinsterte sich, was den Jungen tiefen Respekt einflößte. Sofort war Ruhe. Obrigkeit hatte in diesen Jahren eben noch eine andere Bedeutung als heute.

Zu einer ganz besonders vorsichtigen Klientel gehörte eine Schülerin aus der damals siebten Klasse. Da einige Freundinnen schon im Tiefen Teil des Schwimmbads schwimmen konnten, wollte sie das auch und das ohne die Hilfe vom Bademeister, der ihr eine lange Stange zum Halten anbot. Also schweißte ihr Vater eine große Blechdose zu und befestigte daran zwei Ösen, durch die er einen Lederriemen führte, mit der er das Ungetüm auf dem Rücken seiner Tochter befestigte. Schwimmflügel gab es damals ja noch nicht. So ausgestattet zog die 13-Jährige durch die halbe Stadt zum Schwimmbad. Leider habe ich sie dort nie sehen können. Der Grund: Damals gab es in den Badeanstalten noch zwei getrennte Bereiche: einen für die Herren und einen für die Damen. Des Anstands wegen.

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