Sechstagekrieg: Der arabische Selbstbetrug
Sechstagekrieg Der arabische Selbstbetrug
Dumpfe Erschütterungen irritierten die Passanten in den frühen Morgenstunden des 5. Juni 1967. Menschenschlagen warteten am Roxy-Platz in Kairos nördlichem Vorort Heliopolis schon über eine Stunde auf die breiten französischen Chausson-Autobusse der städtischen Verkehrsbetriebe, um vor Einsetzen des Morgenstaus ins Zentrum der Metropole zu gelangen.
Doch plötzlich verstummte die Schlagermusik aus den Lautsprechern, die in der Ära des populären Volkstribun Gamal Abdel Nasser an allen öffentlichen Plätzen an Laternenpfählen und auf den Dächern von Zeitungskiosken installiert waren. Vater Staat wollte sicher gehen, dass die Bürger ununterbrochen über die politischen Neuigkeiten informiert wurden - so, wie es das Ministerium für "Nationale Unterweisung" als bekömmlich empfand.
"Der zionistische Feind hat heute mehrere Flughäfen der südlichen Region der Vereinigten Arabischen Republik angegriffen," tönte es blechern. "Doch unsere Helden in Luftwaffe und Heer schlagen zurück. Wir haben bereits 88 Feindmaschinen abgeschossen. Unser ist der Sieg!" Es folgte Marschmusik.
Ein Verschnitt von Lügengespinsten
Oberschüler in feldgrauer Studentenuniform umarmten sich. "Morgen stehen wir in Tel Aviv", schrie Atif Gharib, Inhaber einer nach ihm benannten Lebensmittelhandlung. "Endlich lösen unsere Jungs jetzt das Palästinaproblem".
Fünf Tage später stellte sich die staatliche Propaganda als ein Verschnitt von Lügengespinsten heraus. Die israelischen Mirage-Bomber hatten alle ägyptischen Militärflughäfen zerstört, Panzerkolonnen mit flatterndem Davidsternbannern waren fast widerstandslos zum Suezkanal gerollt. Ägyptens Luftabwehr hatte keinen einzigen israelischen Abfangjäger getroffen.
Gleichzeitig hatten israelische Truppen das arabische Ostjerusalem, Cisjordanien bis zum Jordan und die syrischen Golanhöhen erobert. "Das Spiel ist aus", resignierte Ägyptens glückloser Armeechef Abdul Hakim Âmir, "wir sind am Ende".
Alles war Lüge gewesen, Selbstbetrug und bestenfalls Realitätsferne. Angefangen mit dem Staatsnamen "Vereinigte Arabische Republik". Der kurzlebige Zusammenschluss von Ägypten und Syrien zur "Vereinigten Arabischen Republik" war bereits Herbst 1961 geplatzt, dennoch hatte das Regime die Nilrepublik weiterhin "südliche Provinz der VAR" nennen lassen - der ehrenvolle Name Ägypten blieb bis zum Tode von Staatschef Nasser 1970 verboten, die Illusion des Fortbestands des fehlgeschlagenen arabischen Einheitsexperiments musste aufrechterhalten werden.
Willkür der Geheimpolizei
Militärisch war die Lage hoffnungslos. Demonstranten erzwangen die Verschärfung des Strafmaßes der für die schmähliche Niederlage verantwortlichen Generäle. In Alexandrien starben über 250 Studenten, die aus Protest gegen die verlogene Politik und die wachsende Willkür der Geheimpolizei auf die Straße gegangen waren.
Strategisch bedeutungslose Kommando-Aktionen am israelisch besetzten Ostufer des Suezkanals wurden zu ersten Schritten eines groß angelegten Befreiungskrieges hochstilisiert. In Ermangelung eines glaubwürdigen politischen Konzepts, um einen Ausweg aus der Krise zu finden, erließ Syrien pauschale Einreiseverbote für Staatsbürger aus westlichen Ländern, die als "Unterstützerregime der Zionisten" angeprangert wurden.
Die irrationale Grundeinstellung der Damaszener Informationsstrategen ging so weit, dass auf syrischen Schulatlanten und im Fernsehen die südtürkische Region Iskenderuna noch bis vor wenigen Jahren als syrisches Territorium gekennzeichnet war, obwohl dieser Landstrich schon seit den dreißiger Jahren Atatürks Reich einverleibt worden war. Ernsthafte politische Initiativen, um die Probleme über Verhandlungen mit dem siegreichen und von Amerika unterstützten Israel in den Griff zu bekommen, hatten keine Chance. Nassers Formel "Keine Verhandlungen, keine Anerkennung, keinen Frieden" mochte niemand antasten.
Ministerpräsident im Kugelhagel
Erst Nasser-Nachfolger Anwar As Sadat wagte wieder Realpolitik. Nach einer gelungenen Kanalüberquerung der ägyptischen Amee im Jom-Kippur-Krieg 1973 änderte der sendungsbewusste Ägypter den Staatsnamen von VAR wieder in Ägypten, verbesserte seine Beziehungen zu den USA, unternahm eine historische Reise ins Feindesland Israel und unterzeichnete mit amerikanischer Hilfe den Camp-David-Frieden. Die Sinai-Halbinsel wurde wieder ägyptisch.
Der "Raïs" bezahlte Mut und Wirklichkeitssinn mit dem Leben und der Auslagerung der Arabischen Liga nach Tunis. Zehn lange Jahre dauerte der Realitätsboykott der Araber. Dann zog Jordanien nach und wagte ebenfalls den Friedensschluss mit Israel. Jassir Arafats PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) setzte plötzlich auch auf Realitäten und handelte mit der israelischen Besatzungsmacht in Oslo ein Vertragswerk aus, das den Palästinensern zum ersten Mal Autonomie und einen begrenzten Abzug der israelischen Armee brachte.
Doch obwohl die Fahrtrichtung auf Frieden zeigte, griff Israel nicht zu. Der friedenswillige Ministerpräsident Jitzchak Rabin fiel den Kugeln eines jüdischen Extremisten zum Opfer, der den bevorstehenden Abzug aus den Golanhöhen und einen Friedensschluss mit Syrien verhindern wollte - und verhinderte.
Die Zeit ist reif für einen realistischen Friedensplan
Die rasche Zunahme der jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten, die innenpolitischen Spannungen in Israel und die zunehmenden Terroranschläge palästinensischer Attentäter verschütteten Friedenskanäle, die auszuheben möglich gewesen wäre. Zwar wagte man wieder, den Realitäten ins Auge zu schauen, doch vor der letzten Konsequenz zuckten viele Entscheidungsträger immer wieder zurück.
Die Optimismus verheißenden Zukunftsvisionen des israelischen Elder Statesman und jetzigen Staatspräsidenten Schimon Perez überwanden die "Mauer der Zögerlichen" - so der verstorbene jordanische König Hussein - bis heute nicht.
Die Vielzahl der Versöhnungs- und Friedensinitiativen der letzten Jahre wurden entweder nur halbherzig weiter verfolgt oder verloren ihre Glaubwürdigkeit durch friedensgefährdende politische Tricks. Wirklichkeitsverdrängung findet immer noch statt: Die israelische Trennmauer, welche das Westjordanland um zehn Prozent seiner Fläche beraubt, die antiisraelischen Ausfälle der islamistischen Hamas, die den Staat Israel nie und nimmer anerkennen möchte, und deren Medien den Staat Israel mit Vorliebe "zionistisches Gebilde" nennen .
Dennoch: Die Bereitschaft der Völker und der Regierungen, endlich Frieden zu schließen, ist entgegen aller Zweifel größer denn ja. Barack Obama glaubt an diese Realität. Die Mehrheit der Araber und Israelis wissen heute nach Jahrzehnte langer Erfahrungen und Selbstbetrüge, dass weder an der Realität des Staates Israel, noch an der leicht erklärbaren Notwendigkeit zu rütteln ist, den Palästinensern ihren Staat zuzugestehen. 42 Jahre nach dem Sechstagekrieg weiß jeder in diesem Teil der Welt, was machbar ist und hält und auch, was nicht geht. Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass der Traum von einem Palästinenserstaat vom Mittelmeer bis zum Jordan wirklichkeitsfern ist und bleibt. Aber auch der Traum eines Großisrael in den Grenzen des geografischen Palästina lässt sich nicht mehr verwirklichen. Obama weiß, dass die Zeit reif ist, um die Realitäten in Fakten zu gießen. Gusseisenfest.