Seefahrerkarriere - DER SPIEGEL
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Seefahrerkarriere: Decksjunge im Konfirmationsanzug

Foto: Volker Lang

Seefahrerkarriere Decksjunge im Konfirmationsanzug

Er hatte einen Traum: Schon als Kind wollte Volker Lang Kapitän werden und die Welt erkunden. Voller Erwartung heuerte der gebürtige Bayer als 15-Jähriger in Hamburg an Bord eines Schiffes an - und bekam seine ersten Lektionen auf die ganz harte Tour.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Obwohl ich aus Bayern stamme, war für mich immer klar: Ich will Kapitän werden. Am 10. März 1955 stellte mir das Seemannsamt in Hamburg mein erstes Seefahrtbuch aus. Damals war ich gerade 15 Jahre alt. Stolz zeigte ich im Seemannsheim einem Bootsmann das Dokument. Er brachte mich auf die Idee, gleich am nächsten Tag den kleinen Heuerstall aufzusuchen - die Vermittlungsstelle des Verbands der Deutschen Küstenschifffahrt in der Großen Elbstraße. Vom dortigen Vermittler erhielt ich meinen ersten Heuerschein als Decksjunge für das Motorschiff MS "Pallos", das am Schuppen 17 im Hamburger Sandtorhafen lag - fertig zum Auslaufen nach Svendborg am Montagmorgen. Am Sonntagabend sollte ich an Bord gehen. Das Taxi bezahle der Kapitän, sagte der Vermittler. Am Sonntagnachmittag packte ich meine Sachen und fuhr im engen Konfirmationsanzug mit Krawatte in den Hafen.

Als das Taxi hielt, sah ich einen schwindsüchtigen Mast über die Pier ragen. Weil Ebbe war, lag die "Pallos" fast auf Grund. Die Gangway führte steil nach unten. Ein älterer Mann empfing mich und musterte mich kritisch. Als er mir den Heuerschein und das Seefahrtbuch abnahm begriff ich, dass er der Kapitän war. Er führte mich nach vorn zu einer Öffnung im Deck, die mit einer eisernen Tür und einem Vorhängeschloss verriegelt war. Er öffnete das Schott. Eine steile Treppe führte hinab in den Schiffsbauch. Der Kapitän wies mich an, hinab zusteigen und Quartier zunehmen.

In mir kroch ein nie gekanntes würgendes Gefühl hoch. Nachdem ich einen Lichtschalter ertastet hatte, zwang ich mich, die hölzerne Hühnerleiter nach unten zu steigen. Die Lampe beleuchtete den etwa sechs Quadratmeter kleinen Raum diffus. Wände und Decken waren mit Holz verkleidet und vollkommen verrußt. An der Stirnseite konnte ich zwei übereinander liegende Kojen mit verdreckten Matratzen erkennen. An den beiden Seiten waren mit Farben, Tauen, Werkzeugen und sonstigen Ausrüstungsgegenständen voll gestopfte Verschläge. Vor den Kojen verlief eine Holzbank, in die Kohle und Holz gestaut wurde. An der Rückseite stand ein fest installierter Tisch mit einem Stuhl, und irgendwie war in diesen winzigen Raum noch ein Herd gequetscht worden. Es stank nach Farbe, Holzteer und anderen nicht identifizierbaren Dingen. So hatte ich mir die Seefahrt nicht vorgestellt.

"Ich heulte und betete mich in den Schlaf"

Ich wollte doch auf große Fahrt! Stattdessen war ich in einer Art Verlies gelandet. Nachdem ich den Herd angeschürt hatte, suchte ich erfolglos nach etwas Essbarem. Dabei entdeckte ich noch einen eisernen Verschlag, in dem unter einem Donnerbalken ein alter Farbeimer mit etwas Wasser stand - ein Wasserklosett also. Ein Waschbecken gab es nicht. Später wurde mir klar, dass ich mich nur mit einem Eimer an Deck waschen konnte.

Ich hatte Hunger, deshalb ging ich nach achtern, wo aus den Aufbauten Licht schimmerte. In der Kombüse briet ein Besatzungsmitglied Kartoffeln. Ich wagte nicht, um Essen zu bitten, weil ich mir nicht sicher war, ob er überhaupt wusste, dass ich auch an Bord war. Ich ging wieder nach vorn in mein Verlies, heulte und betete mich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen wurde ich unsanft geweckt. Ich zog mich mit dem an, was ich sonst zu Hause trug, auch meine Skistiefel, mit denen ich zwar nie Ski aber Schlittschuh gefahren war. Da die Laufsohlen noch genagelt waren, wurde mir plötzlich klar, dass ich für die Seefahrt überhaupt nicht ausgerüstet war. Nach einem kurzen Frühstück wurde ich aufs Vorschiff zum Ablegen geschickt. Meine Aufgabe war, die Spring und die Vorleine einzuholen und anschließend aufzuschießen.

Blutige Hände

Handschuhe hatte ich natürlich auch nicht. Nachdem ich die Vorleine vom Poller gelöst hatte, warf sie der Festmacher von der Pier ins Wasser. Weil ich die eiskalte Stahlleine nicht fest genug hielt, rutschte sie einige Meter durch meine Hände. Mit blutenden Händen lief ich hilfesuchend nach achtern. Vergeblich wartete ich auf ein wenig Trost. Stattdessen hagelte es Vorwürfe. Der "Schiffsmann" - seine Funktion habe ich nie erfahren - pflasterte mir die Handflächen. Dann zog er die Nägel meinen Schuhsohlen und bemerkte dabei, dass an Bord ja keine Berge zu besteigen seien.

Als wir auf der Elbe in Richtung See tuckerten, zeigte mir der Schiffsmann, wie man eine Stahlleine aufschießt. Anschließend musste ich das vom Be- und Entladen verdreckte Deck mit Besen und Elbwasser per Schlagpütz (Eimer mit einem Seil) reinigen. Dieser Eimer hätte mich beinahe umgebracht.

Weil ich es nicht besser wusste, zog ich die Schlaufe des Seils über meinen Handrücken und warf den Eimer in die Elbe. Er ging sofort unter und entfaltete durch die Fahrt des Schiffes eine gewaltige Sogwirkung. Hätte ich mich nicht blitzschnell am Schandeckel, einer Art Winkeleisen auf der Reling, festgeklammert, wäre ich in die Elbe gestürzt und von der Schiffsschraube in Stücke gehäckselt worden. Mit größter Anstrengung gelang es mir, den vollen Eimer wieder an Deck zu ziehen. Schneller kann man wohl nicht lernen, wie man die Schlagpütz während der Fahrt benutzt.

Ernüchterung

Als wir auf dem Nord-Ostsee-Kanal in Richtung Ostsee schipperten, ermunterte mich der Schiffsmann, das Ruder zu übernehmen. Ohne Einweisung. Bis zur nächsten Biegung ging das auch ganz gut. Als es aber darum ging, leicht nach links zu steuern, scheiterte ich grandios. Ich unterschätzte die schwerfällige Reaktion des Schiffs, und weil sich nicht sofort etwas tat, schlug ich hart nach links ein. Die "Pallos" scherte viel zu weit nach links aus. Der Steuermann übernahm wieder das Ruder und spottete: "Na ja, ein Naturtalent bist du nicht."

Auf dem Kartentisch im Ruderhaus lag eine ausgemusterte Seekarte, auf deren Rückseite ich ein Schiff malen sollte. Nachdem ich mich anschickte, einen Ozeanriesen zu zeichnen, griff er korrigierend ein: "Ich meinte unser Schiff." Mit wenigen Strichen skizzierte er die "Pallos" in Seitenansicht und erklärte: "Du bist an Bord einer Tjalk, die 1906 in Holland gebaut und 1929 in Kiel umgebaut, verlängert, motorisiert wurde. Mit 30 Metern Länge, fünf Metern Breite und zwei Metern Tiefgang ist sie eine große Tjalk. Ursprünglich war sie als Segler für die Wattfahrt gebaut, deshalb hat sie auch keinen Kiel, die sonst für das Segeln unverzichtbaren Scherbretter wurden entfernt."

Ich war beeindruckt! Nachdem ihm meine Fragerei lästig wurde, schickte er mich in die Kombüse zum Abwaschen. Das Spülmittel verlieh dem Wasser einen unangenehmen Geruch und machte es ganz trübe. Darin wusch ich Geschirr und Töpfe. Zum Abtrocknen benutzte ich den ausgewrungenen Spüllappen. So trüb wie das Wasser war am Ende auch das Geschirr.

Luv und Lee

Gegen Mitternacht sollten wir Kiel-Holtenau erreichen, wo ich dann beim Schleusen vorne das Schiff fest- und losmachen sollte. Deshalb schickte mich der Kapitän gegen 18 Uhr in die Koje. Dort lag ich und dachte über meinen ersten Tag auf See nach. Nachdem sich die vielen Eindrücke etwas gesetzt hatten, kroch plötzlich wieder das Heimweh hoch. Irgendwann schlief ich trotzdem ein.

Um Mitternacht wurde ich lautstark geweckt, hungrig und frierend ging ich an Deck und erlebte die Seefahrt bei Nacht mit anderen Schiffen und fremden Kommandos. Nachdem wir in der Schleuse zum Stehen kamen, reichte ich die Vorleine einem Festmacher, der das Auge über einen Poller legte, danach holte ich die Lose durch und belegte sie vorn am Schiff. Nach dem Auslaufen schoss ich wieder die Stahlleinen auf, dabei fingen meine Hände wieder an zu bluten.

Begleitet von einem Schiffschaukelgefühl, das ich von der Kirmes her kannte, frühstückte ich schließlich auf ruhiger See. Dann ging ich auf das "Wasserklosett" und schüttete den inzwischen mehrfach benutzten Eimer über Bord, wobei ich die Bedeutung von Luv (dem Wind zugekehrte Seite) Lee (dem Wind abgewandte Seite) auf ekelhafte Weise kennen lernte. Wie zum Hohn rief der Kapitän: "Moses, hol' deine Zahnbürste und reinige mir den Schandeckel."

Archaische Konstruktion

Mir wurde übel - aber nicht von der Sauerei. Ich war seekrank und übergab mich - zu allem Überfluss erneut in Luv. Nachdem ich mit einer Schlagpütz die betroffene Steuerbordseite gereinigt hatte, legte ich mich in die Koje. Nach kurzer Zeit wurde ich aber schon wieder an Deck gerufen, um beim Entrosten zu helfen.

Dienstagabends machten wir im Hafen von Svendborg fest. Ich hätte mindestens zwölf Knödel essen können. Am frühen Mittwochmorgen half ich beim Öffnen der Ladeluke. Sie wurde noch mit steifen, geteerten Persenningen, hölzernen Lukendeckeln und eisernen Scherstöcken verschlossen. Welch archaische Konstruktion!

Am Freitag liefen wir bei Sonnenaufgang wieder aus und erreichten Samstagnachmittag erneut Hamburgs Schuppen 17. Nach dem Festmachen kam ein anderer Schiffsjunge an Bord. Für mich endete die Seereise wegen beruflicher Unreife. An meinem Berufswunsch änderte das aber nichts. Ich wurde trotzdem Kapitän.