Selbstversorgung im Nachkriegsdeutschland - DER SPIEGEL
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Selbstversorgung im Nachkriegsdeutschland: Man wusste sich zu helfen

Foto: Rolf Augustin/Photo Bauermann, Hagen, Bez. Bremen

Selbstversorgung im Nachkriegsdeutschland Man wusste sich zu helfen

Der Krieg war aus, jetzt konnte das Leben losgehen - noch auf bescheidenem Niveau. Im Dorf von Rolf Augustin drehte sich damals alles um das liebe Vieh und viel Kleingetier: Die Kinder spielten mit Kaulquappen, Kammolchen oder Kaninchen, und als Sonntagsbraten hielt schon einmal eine verunglückte Wildtaube her.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bei uns auf dem Dorfe war der Zweite Weltkrieg Ende April/Anfang Mai 1945 fast zu Ende, nördlich meines Heimatortes wurde noch ein paar Tage länger um die "Festung Wesermünde" gekämpft. Wir hatten insgesamt wenig davon mitbekommen, wenn man vom Lichterschein des brennenden Bremens, einem abgeschossenen "Tommie" im Moor und einem in Brand geschossenen Tankwagen absah, der durch den Ort raste.

Ja, es gab auch in meinem Heimatort Hagen Gefangene und "Fremdarbeiter", die auf den Bauernhöfen arbeiten mussten. Ich erinnere mich daran, dass im März 1945 KZ-Häftlinge durch den Ort getrieben wurden. Richtig gehungert haben wir nicht, aber es gab auch nicht viel Auswahl. So mussten die Dorfbewohner selber dafür sorgen.

Als die Tommies, wie wir sie nannten, bei uns einrückten, waren meine Brüder (damals drei und sechs Jahre) und ich (fast fünf) nicht zu Hause, sondern bei "Edel" und "Waldi" Pape, unseren langjährigen "Pflichtjahrmädchen", wie sie genannt wurden. Sie passten auf uns auf, während mein Vater noch nicht wieder aus dem Krieg zurück war und meine Mutter bei Bauer Mehrtens auf dem Acker Kartoffeln pflanzen half.

Die Soldaten saßen auf ihren Panzern und warfen Kaugummi und Schokolade herunter. Aber davon bekamen wir nicht viel ab, denn über Schleichwege brachten unsere Mädchen uns nach Hause, an den Soldaten vorbei. Später im Mai kamen die Amerikaner, weil unser Gebiet "AE" wurde, "Amerikanische Enklave". Da sah ich auch den ersten Schwarzen. Meine Mutter musste die Wohnung räumen, weil unser Haus eine Dienstwohnung war, die zur Sparkasse gehörte, wo mein Vater beschäftigt war. Wir bekamen zwei Stunden Zeit zum Räumen und ein oder zwei Zimmer auf dem Dachboden der Familie unserer Mädchen zugewiesen.

Die "Amis" waren mit den Süßigkeiten großzügiger und so bekam auch ich mein erstes Stück Pfefferminzschokolade und eine Apfelsine, in die ich so hineinbiss, weil ich es nicht besser wusste. Aber das sei nur am Rande erwähnt.

Ganz kleine Tiere...

Das meist lebendige Spielzeug nahmen wir uns aus der Natur. Sobald die Frösche anfingen zu quaken, fingen wir sie im Burggraben, wie wir den kleinen Bach nannten, der Burg Hagen umrundete. Wir sperrten sie in ein Weckglas und nahmen sie mit nach Hause, wo wir mit ihnen in unserem kleinen Garten spielten. Wir ließen sie um die Wette hüpfen, und wenn einer mal nicht so wollte, schubsten wir ihn auch schon mal mit den Füßen oder Stöcken.

Etwas später fischten wir dann den Laich aus dem Burggraben und gossen diesen in unseren Bottich, der das Regenwasser auffing, was meine Mutter dann wieder zum Waschen brauchte. Aber auch aus Laich wird Leben und sogar besonders lebendiges Leben! Und so hatten wir bald eine ganze Regentonne voller Kaulquappen - sehr zum Leidwesen meiner Mutter, denn nicht nur das Wasser war erst einmal hin, sondern auch unsere Kleidung war verschmiert von den glitschigen Algen der Regentonne. Später fand ich dann auch einen schwarz gefleckten Kammmolch zwischen all den Kaulquappen, und auf den war ich besonders stolz und nahm ihn mit ins Kinderzimmer, wo ich ihn fütterte. Das ist ihm aber nicht gut bekommen.

... und etwas größere Tiere

Unsere "Mädchen" waren Zwillinge, und sie waren sehr nett zu uns. Außerdem hatten sie Kaninchen, das war mindestens ebenso wichtig. Diese Tierchen hatten es uns angetan, denn man konnte sie streicheln und mit ihnen spielen, aber sie auch essen, wenn sie gebraten waren. Später hatten wir dann auch eigene "Karnickel", die wir in einem kleinen Gehege vor unserem Haus laufen ließen und mit Löwenzahn fütterten. Aus Haselnusszweigen schnitten wir uns Angelstöcke oder Zwillen und Flitzebögen, mit denen wir jagen konnten.

Anderes Spielzeug hatten wir nicht besonders viel, höchstens mal einen durchgetretenen Holzschuh von Opa Böttger, den wir auf dem Burggraben schwimmen ließen. Seine Frau, Oma Böttger, war für die Pflege des Pfarrgartens zuständig.

Unsere Regentonne stand in unmittelbarer Nähe zum Hühnerstall, den Onkel Claus aus Schragenberg Brett für Brett so um 1946 gesägt und dann bei uns aufgebaut hatte. Er hatte etwa das Ausmaß von drei mal vier Metern. Innen war eine besondere Kammer für die Hühner mit sechs Nestern. Diese hatte mein Vater nach seiner Rückkehr aus dem Krieg eigenhändig gebaut. Vom Inneren des Häuschens zum Stall war eine Tür in die Doppelwand gearbeitet, nach außen war eine Falltür, die man mit einem Bindfaden nach oben ziehen konnte, wenn die Hühner raus sollten. Die Doppelwand war ein sicheres Versteck für all die Dinge, die wir so fanden und die niemand sehen sollte, wie Munition, Seitengewehre, Pistolen, aber auch die halbleeren Flaschen mit dem Selbstgebrannten.

Abriss für den Außenminister

Von wem genau wir nun die Küken bekamen, weiß auch meine Mutter heute nicht mehr. Aber aus Küken werden Hühner, und wenn man Pech hatte, konnte es wohl sein, dass man zu viele Hähne dabei hatte. Diese hatten ihr Schicksal spätestens dann besiegelt, wenn sie mit dem Krähen anfingen, denn sie machten Lärm, stritten sich mit den anderen Hähnen um die Hühner und legten keine Eier.

Aber ein Hahn und die Hühner waren uns lieb und wert. Alle hatten sie einen Namen und durften sich neben den Kaninchen auf der Rasenfläche vor unserem Haus ihr Futter suchen. Das taten sie auch ausgiebig, vor allem in Oma Böttgers Kirchgarten in den Beeten mit den Stiefmütterchen. Das brachte schon bald Ärger, auch mit dem Pastor, und so schafften wir nach ein paar Jahren die Hühner wieder ab. Fortan benutzen wir den Stall zur Aufbewahrung von Brennmaterialien und Gartengeräten, bis er auf behördliche Verfügung des Bürgermeisters abgebrochen werden musste, weil der damalige Außenminister Heinrich von Brentano im gegenüber gelegenen "Hotel auf dem Keller" speiste und keine Misthaufen und Hühnerställe sehen sollte.

Mindestens in einem Jahr zog meine Mutter auch eine oder zwei Gänseküken groß. Sie hatte sich befruchtete Eier besorgt und schob diese dann einer unserer Hennen unter - und siehe da, nach dem Schlüpfen hatten wir auch niedliche Gänschen. Der Festbraten war gesichert.

Eine Wildtaube für fünf Hungrige

Nur zum Angucken hatten wir Kinder in den Sommermonaten auch die Jungen der Stare, die unter dem Dach nisteten. Da konnte ich dann lange vor dem Nest liegen und beobachten, wenn die Alten den piepsenden Jungen das Futter brachten. Gleich daneben lag der Taubenschlag, in dem zeitweilig auch Tauben nisteten und uns mit ihrem Gurren die Mittagsruhe raubten. Einmal hatte sich eine Wildtaube im Maschendraht des Zaunes verfangen und das Genick gebrochen. Da sie noch warm war, rupfte meine Mutter sie ab und briet sie auch. Aber da ist ja nicht viel dran an solch kleinem Vögelchen, vor allem wenn fünf Personen hungrig sind.

Hunde hatten wir mehrere im Laufe der Jahre. "Purzel" war der erste, ein Mischling aus Dackel und werweißwas. Er hielt uns jahrelang die Treue und begleitete uns auf allen Spaziergängen. Als er dann an Altersschwäche gestorben war, heulte die ganze Familie. Eines Tages brachte mein Vater aus Goldbeck einen neuen Hund mit, einen kleinen weißen Mischlingsspitz. Ein ganz süßes Tierchen, das bald wieder zum Liebling der Familie wurde. Es war eine "sie" und wurde "Flicka" gerufen, nach dem Pferd in den Kinderbüchern, die damals "in" waren. Flicka entwickelte sich prächtig und hatte auch schon bald Junge. Meine Eltern verschenkten alle an die Nachbarn und schon bald wurde Flickas Sohn "Teddy" der beste Spielgefährte, und dann auch der Vater der nächsten Generation von weißen Spitzen.

Einen richtigen Misthaufen hatten wir auch, denn wir mussten ja irgendwo hin mit all dem Dreck, den unsere Tiere machten. Der Unsrige stand direkt an der Hauptstraße, versteckt hinter Büschen, aber er stank trotzdem, und so musste er dann verschwinden, als besagter Außenminister zu Besuch weilte. Meine Mutter hat all den Mist untergegraben, so war er wenigstens von der Bildfläche verschwunden und hat auch Nutzen gestiftet. Den meisten Mist hatten wir unseren Schweinen zu verdanken, die wir im Laufe der Jahre im umgebauten Kohlenverschlag hielten.

Fremdenzimmer für ein Ferkel

Um das erste Ferkel zu holen, fuhr meine Mutter mit der Eisenbahn über Bremerhaven und Bremervörde nach Beckdorf, wo sich damals der Bahnhof für die Ortschaft Goldbeck befand, wo viele Augustins lebten, alles Verwandte, die meisten waren Bauern, wie mein Opa, der neben der Landwirtschaft auch einen "Gasthof mit Fremdenzimmer" betrieb, wo alle bezahlen mussten - so auch meine Mutter für das Ferkel. Opa hatte nichts zu verschenken!

Wenigstens hatte er dafür gesorgt, dass das Ferkel durch die englische Besatzungszone nach Hagen transportiert werden konnte. Dafür hatte er zwei Viehhändler mit ihrem klapprigen Lastwagen engagiert. Das Ferkel kam in einen Verschlag auf der Ladefläche und Mutter stieg vorn bei den beiden finsteren Gestalten ein.

Es dauerte nicht lange, bis die Burschen Durst bekamen, eine Flasche Schnaps entkorkten und sich an dem "Schwarzgebrannten" Rübenschnaps stärkten. Aber auf einem Bein steht man ja bekanntlich nicht gut, und so ploppte der Korken nochmal und immer wieder - bis die Flasche leer war, es meiner Mutter mulmig wurde und sie darauf bestand, nach dem Ferkel schauen zu müssen. Sie blieb dann auf der Ladefläche unter einer Plane, um das Tierchen zu beruhigen. Doch das nächste Unheil nahte schon bald, in Form einer englischen Militärkontrolle in Lübberstedt, wo sich ein Munitionsdepot befand und wohin sich die beiden verfahren hatten.

Glücklicherweise überstanden das Ferkel und sie auch diese Gefahr und irgendwann landete sie mit den beiden Betrunkenen in aller Herrgottsfrühe in Hagen, wo das Ferkel dann im finsteren Kohlenverschlag zum Schwein heranreifen konnte. Das Halten und Füttern eines Schweins war das kleinere Übel. Kriminell wurde erst das Schlachten, vor allem wenn es schwarz gemacht wurde.

Aber das ist wieder eine neue Geschichte.