Schwarzenberg nach Kriegsende: 42 Tage deutsches Niemandsland - DER SPIEGEL
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Seltsames Kriegsende: 42 Tage deutsches Niemandsland

Foto: Helmar Meinel

Seltsames Kriegsende 42 Tage deutsches Niemandsland

Die Telefondrähte gekappt und ohne Postverbindung - aber frei: Schwarzenberg im Erzgebirge blieb nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 42 Tage unbesetzt, erst dann marschierten doch noch die Russen ein. Der Schriftsteller Stefan Heym verarbeitete die Ereignisse vierzig Jahre später zu einem Roman - Helmar Meinel erlebte die bizarre Episode selbst mit.
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Beunruhigende Nachrichten drangen Mitte Mai 1945 aus dem unbesetzten Gebiet herüber, zu den im benachbarten Vogtland stationierten amerikanischen Truppeneinheiten des 347.US-Infanterieregiments. Von Plünderungen, marodierenden Banden, von Exekutionskommandos versprengter SS-Einheiten, willkürlichen Maßnahmen selbsternannter Bürgermeister und Orgien in einer Schnapsbrennerei war die Rede. Es wurde sogar von Hungersnöten und Seuchen berichtet.

US-Major John S., in diesen ungewöhnlich heißen Maitagen trotz Fraternisierungsverbots nahezu täglicher Besucher in unserem Wernitzgrüner Schwimmbad, zuckte immer nur mit den Schultern: "Für die Russen reserviert!" Doch langsam schien es auch den Amerikanern mulmig zu werden. Regimentskommandeur Colonel Sevier R. Tupper schickte Jeep-Patrouillen hinüber ins wilde Erzgebirge. Wegen der Verständigungsprobleme mit den oft bewusst störrisch nur Dialekt sprechenden Einheimischen, suchten die Amerikaner ortskundige Berater. Mein Schulfreund Karlheinz Götz und ich, ein am Tag nach der Kapitulation unbehelligt durch die Linien geschlüpfter Fahnenjunker, waren dafür wie geschaffen: Von der neuen Gemeindeverwaltung mit weißen Armbinden mit der Aufschrift "Hilfspolizei" bestückt und zu Dorfgendarmen ernannt, machten wir ohnehin als Fahrradstreife die Gegend unsicher.

Die Amerikaner brauchten aber keine Dolmetscher für Englisch-Deutsch. Gefragt war die schwierige Übersetzungslinie Englisch-Deutsch-Erzgebirgisch mit all seinen, örtlich sehr unterschiedlichen, Abweichungen. "Die sprechen alle Polnisch!" stöhnte unser US-Major nach einem Spähtruppunternehmen nach Aue und in das alte Bergstädtchen Johanngeorgenstadt, das später durch den Uranabbau der Sowjets regelrecht dem Erdboden gleichgemacht wurde. In "Johannstadt", wie die Einwohner es nannten, besaß mein Onkel Arthur K. das Stadt- und Sporthotel "Deutsches Haus". Aber das war bis auf die letzte Dachkammer mit unversorgten verwundeten deutschen Soldaten belegt. Ähnlich chaotische Verhältnisse herrschten auch sonst überall in der Enklave.

Überall versprengte Trupps deutscher Landser

Die Straßen waren verstopft mit zum Teil zerlumpten Gestalten in Uniform. Flüchtlingstrecks, meist Frauen, Kinder und Greise, zogen über die Dörfer. Niemand wollte sie aufnehmen. Dazwischen dann wieder geschlossene Marscheinheiten, deren Kommandeure, wie US-Major S. uns amüsiert berichtete, den amerikanischen Patrouillen zackig Meldung machten. In Eibenstock gab es sogar noch eine funktionierende Ortskommandantur, die jeden Morgen die Wache aufziehen ließ. Mein Onkel, ein betagter ehemaliger kaiserlicher Offizier, schilderte mir fassungslos, dass sich dort ein Kommandeur durch eine Parade im Stechschritt von seiner Truppe verabschieden ließ. Er folgte den 200 anderen Generälen, die sich bis Ende Mai dem Stab des legendären US-Armeeführers und Haudegens George S. Patton ("Panzer-Patton") in Oberfranken ergaben. Alle Einheiten die unterwegs waren, hatten eines gemein: man hätte den Kompass nach ihnen stellen können. Ihre Marschrichtung war ohne Ausnahmen strikt West.

Denn dort lag Muldenberg, wo die Amerikaner ein großes Auffanglager für die aus dem Sudetenland zurückströmenden Soldaten der geschlagenen Armee Schörner eingerichtet hatten. Beim Vorbeiradeln konnte ich nicht ahnen, dass auch mein Vater als Kriegsgefangener in diesem Camp saß. In der benachbarten Waldgemeinde mit dem romantischen Namen Morgenröthe-Rautenkranz kampierten am Waldrand und in den Muldenauen überall versprengte Trupps deutscher Landser.

Über dem unbesetzten Gebiet von 2000 Quadratkilometern - mit 21 Städten und Gemeinden der alten Amtshauptmannschaft Schwarzenberg - lag ein fast körperlich spürbares Gefühl der Angst, Unsicherheit und Lähmung. Von der Außenwelt abgeschnitten, die Telefonleitungen gekappt, ohne Postverbindung, waren die Bewohner mitten im Zentrum des deutschen Zusammenbruchs mehr als irritiert darüber, dass weder die Amerikaner noch die Russen einmarschierten. Er herrschte absolute Ratlosigkeit. Die "Aktionsausschüsse", die Bürger spontan gebildet hatten, verfolgten nur zwei elementare Ziele des Überlebens: Nahrungsmittel zu beschaffen, damit keine Hungersnot ausbrach, und schnellstens besetzt zu werden, am liebsten natürlich von den Amerikanern, deren Zigaretten bereits ebenso wie das Pfund Salz zur "harten" Währung geworden waren.

Ein Schlüssel zum Bau der sowjetischen Atombombe

Für den späteren Mythos von der "Freien Republik Schwarzenberg", den der DDR-Schriftsteller Stefan Heym 1984 mit seinem politisch-utopischen Roman aufbrachte, gab es in der Realität von 1945 keinerlei Vorlage. Der Roman "Schwarzenberg" nährte lediglich erneut die wilden Spekulationen und Verschwörungstheorien darüber, was der wahre Grund dafür war, dass dieses Gebiet damals unbesetzt blieb. Auch bis heute steht nur fest, dass auf keinen Fall, wie Heym es fiktiv beschrieb, über das Schicksal dieser Menschen durch das Hochwerfen einer 25-Cent-Münze entschieden worden war. Am ehesten glaubwürdig bleibt die Version, nach der es zwischen den Amerikanern und den Russen eine Absprache gab, dass der Fluss Mulde die Grenze sein sollte. Da es gleich drei Mulden gibt (die Zwickauer Mulde und die Freiberger Mulde, die sich zur großen Mulde vereinigen), lag eine simple geographisches Missverständnis nahe.

Eine andere Variante berichtet von einem angeblich geplanten, aber zunächst noch umstrittenen späteren territorialen Austausch der unbesetzten Zone mit Berlin (Danach sollten die Russen das Urangebiet nur erhalten, wenn sie ganz Berlin den Westmächten überließen). Dass auch dies als unwahrscheinlich angesehen werden muss, wird allein dadurch belegt, dass die Sowjets das begehrte Urangebiet um Johanngeorgenstadt, Aue und Schlema sofort nach dem Einmarsch mit ihrem Staatsunternehmen "Wismut AG" überzogen und als Sonderzone zur Ausbeutung ohne jede Rücksicht auf Land und Leute etablierten. Dem lag ein von langer Hand vorbereiteter Schürfplan zugrunde.

Als sich mit dem Abzug der US-Truppen aus Westsachsen hinter die bayerische Landesgrenze am 1.Juli 1945 und dem Einmarsch der Roten Armee in das unbesetzte Gebiet ab 24.Juni die Lage endlich klärte, waren in der Pufferzone zwischen den zukünftigen Weltmächten alle Hoffnungen der Bewohner auf eine freiheitliche Zukunft schnell ausgeträumt. Und unser Freund, der US-Major, irrte sich beim Abschied gewaltig, als er uns gegenüber den Verzicht der Amerikaner auf dieses Gebiet mit seinem Standardscherz abtat: "Sprechen alle Polnisch!"

Es ist die historische Wahrheit, dass ein Schlüssel zum Bau der ersten sowjetischen Atombombe 1948 und damit zum atomaren Patt der Supermächte im deutschen Erzgebirge zu suchen war, genau in der Region, die 1945 diesen bis heute unerklärlichen weißen Fleck auf der Landkarte der Machtinteressen bildete.