Sloane Rangers: Mit Barbour-Jacke gegen die Globalisierung
Sloane Rangers Mit Barbour-Jacke gegen die Globalisierung
Zu den größten Phänomenen freier, liberaler Gesellschaften gehört die Unterordnung von Individuen in soziale Gruppen, die sich durch Kleidung, Sprache und Verhalten unterscheiden. Während sich sogenannte Chavs als Jugendkultur des Prekariates in weißen Trainingsanzügen, gefälschten Markenwaren und Sprachstil bewusst absetzen, sind die Sloane Rangers der soziologische Gegenentwurf: Propere Mittel- oder Oberschichtsprösslinge oder solche, die sich dafür halten und deren Name sich von der amerikanischen Fernsehserie "Lone Ranger" ableitet.
Die Rebellion der Spießigkeit
Begonnen hatte alles in den sechziger Jahren, als mit den Hippies eine Welle der freien Liebe über die Insel schwappte. Während die einen die "Swinging Sixties" zelebrierten, war es für den Nachwuchs aus besseren Verhältnissen undenkbar, sich den rebellierenden Kindern der Mittelschichten anzuschließen. Die Gegenbewegung formierte sich im Postleitzahlenbereich SW1, am Sloane Square. Eine Rebellion der Spießigkeit: Versnobte Mittzwanziger, die es nach dem Besuch teurer Privatschulen oder den Universitäten von Oxford oder Cambridge nach London gezogen hatte. Ein elitärer Typus, der sich stets für etwas Besseres hielt und am Wochenende in Barbour-Jacke auszureiten pflegte.
Beruflich konnten sich die Sloanies auf das "Old Boys"-Netzwerk ihrer Eltern stützen, deren Karrierewege ebenfalls über die genannten Institutionen führten. Doch nicht alle dieser jungen Elite arbeiteten in der Londoner City. Für manche reichte es, dass Papa sie bereitwillig unterstützte. Die bekannteste von ihnen, Galionsfigur und Jeanne d'Arc der Bewegung in einem, war Lady Diana Spencer. Sie wusste sich auf diesem Weg in der britischen Gesellschaft nach oben zu bugsieren, bis sie auf den ältesten Sohn von Königin Elizabeth II. traf.
Barbour-Jacke als Accessoire
Nicht bekannt ist, ob Lady Diana Spencer ebenfalls sprachliche Feinheiten beachtete und "literally" zu verwenden wusste, wie die Arbeiterklasse "fuck". Ob wie heute die Abkürzung "glo" (guest list only) unter Sloanies genauso geläufig war, ist ebenfalls unbekannt. In England wird Sprache noch bis heute als wichtiges Mittel genutzt, um soziale Abgrenzungen schon mit dem ersten Satz vorzunehmen. Der Lieblingssatz eines Sloane Rangers war und ist daher "I'm off-roading it", ein Ausdruck dafür, dass man schnell zu Mama und Papa fürs Wochenende auf den Landsitz verschwindet. Die Edel-Variante des Urlaubs auf dem Reiterhof, für den auch pubertierende Mädchen in Deutschland besonders begeisterungsfähig sind.
Wenn der moderne Mensch sich von seinen Artgenossen abheben möchte, dann tut er dies am besten in Form von edler Kleidung. Sloane Rangers oder Sloanies erkannte man daran, dass die Kleidung von aus der Mode gekommenen Edeldesignern wie Burberry kam. Eine nach Wachs riechende Barbour-Jacke als Inbegriff des eigenen Lebensgefühls. Tradition siegt über Trend. Auch das Haar des männlichen Exemplars sollte wie ein wild wuchernder englischer Garten kokett wenig über die Ohren wachsen. Zudem galt es aber die Franzosen im Champagnerkonsum zu übertreffen und auch sonst konnte keine Party teuer genug sein. Sammelpunkt des Retro-Herdentriebs war der Süden Kensingtons, möglichst weit weg von Hampstead, wo sich die linken Intellektuellen aufhielten.
Sozialdarwinismus einmal anders
Politisch war ein Sloane Ranger voll auf der Seite der Tories, in dessen Reihen sich in den Siebzigern eine gewisse Margaret Thatcher aufmachte, die konservative Partei und das Land nach den neoliberalen Theorien Milton Friedmans umzugestalten. Diese Unterstützung sollte zu einer der größten Veränderungen der britischen Gesellschaft führen, als Thatcher 1986, mittlerweile Premierministerin ihrer Majestät, einen der Gründe für das dahinsiechende Bankwesen Londons ausmachte: die Trägheit durch die "Old Boys"-Netzwerke.
Ihre Antwort holte sie sich aus Chicago, dem Mekka der Neoliberalen und begann damit im Zuge des "Big Bang" den Finanzplatz London zu deregulieren und von seiner Starre zu erlösen. Die Auswirkungen auf die Sloanies waren gewaltig. Die Revolution fraß ihre Kinder: Bis zum Oktober 1986 konnten sich die Sloanies noch auf ihre Freunde aus Oxford und Cambridge verlassen, die ihnen sichere Jobs im Bankenwesen verschafften. Doch für US-Amerikanische Investmentbanken galten andere Regeln. Rendite war auf einmal wichtiger als Herkunft und Abstammung. Sloanie-Netzwerke waren auf einmal so unerheblich, wie die Labour Partei in der britischen Politik der Achtziger.
Blair der Sloanie-Bestatter
Für den Sloanie bedeutete dies, dass auf einmal der verhasste "Euro-Thrash" in Süd-Kensington die Wohnungen kaufte, die vorher noch die alten Freunde aus den Elite-Unis besessen hatten. Der absolute GAU folgte 1997, mit einem gewissen Tony Blair aus Durham. Der mit einer katholischen Sozialistin verheiratete Oxford-Absolvent machte sich auf den Weg, mit seinem Projekt "New Labour" die Standesgrenzen weiter einzureißen. Unter Blair und seinen jungen Beratern aus den aufstrebenden Mittelschichten wurde der Bildungsmarkt liberalisiert, Immigration immer lässiger gehandhabt und soziale Mobilität zum neuen Credo der britischen Politik gemacht.
Man kann darüber streiten, wie erfolgreich er war, jedoch sollte der Mythos Oxford und Cambridge auch Talente aus aller Welt anziehen, was zu einem verstärkten Wettbewerb um die begehrten Studienplätze führte. Da nicht alle Sloanies so strebsam wie die asiatischen Einwandererkinder waren, mussten sie sich nun nach anderen Studienorten umschauen. Der moderne Sloanie studiert heute lieber an etwas behäbigeren Orten wie Durham, Bristol oder St. Andrews.
Renaissance der Sloane Ranger
In der schottischen Küstenstadt schließt sich der Kreis. Denn mit Kate Middleton beginnt das Comeback des modernen Sloane Rangers. Nicht ganz zufällig lernte sie Prinz William daher auch in der kleinen schottischen Küstenstadt kennen und wird heute häufig in den Clubs in Chelsea und Kensington von Paparazzis abgelichtet. Britische Medien feiern bereits die Renaissance der Sloane Rangers. Die Wiedergeburt darf jedoch getrost bezweifelt werden. Sind doch der Bildungswettbewerb, Londons Position als heimliche Hauptstadt der Globalisierung und zehn Jahre Tony Blair gewaltige Veränderungen für das Inselkönigreich. Man trifft in Londons Edelvierteln heute eher russische, chinesische, italienische, französische, amerikanische oder eben deutsche Mittzwanziger an, die dem sagenumwobenen Treiben der britischen Oberschicht nacheifern wollen.
So erlebte das 20. Jahrhundert ein Phänomen, das es in dieser Form nie wieder geben wird. Sloanies werden uns in Erinnerung bleiben als Beispiele aus Zeiten gesellschaftlicher Starre und Überheblichkeit des Westens.